Nun
sitze ich im Zug. Ich bin auf dem Weg zum Neurochirurgen. Ist das nun
das Ende der Fahnenstange? Ich habe bereits einige Wege hinter mir.
Als
ich das erste Mal so etwas wie Rückenschmerzen verspürte,
besuchte ich meinen Hausarzt. Es ist jetzt bereits über
ein halbes Jahr her, es war so um Ostern herum.
Mein
Hausarzt untersuchte. Noch während der Untersuchung sollte ich
mich auf die Seite drehen und meine Beine in einem ganz bestimmten
Winkel übereinanderlegen. Mit einem plötzlichen Ruck renkte
er mich ein, es knackte dabei laut in meinem Rücken. Er müsse
das ohne Vorankündigung machen, damit ich mich nicht verkrampfe,
erklärte er hinterher. Nach dem Einrenken sollte ich mich auf
den Bauch legen. In einer sehr schmerzhaften Prozedur versuchte er
meine Wirbel von oben nach unten zu ordnen. Mit seinen Daumen drückte
er dabei stark auf meine Wirbel, er arbeitete sich von den
Halswirbeln bis zu den Lendenwirbeln durch. Mein Rücken sah
hinterher aus, als sei ich ausgepeitscht worden. Bei diesem Anblick
sagte mein Hausarzt schmunzelnd zu mir, er könne gar kein
Mitleid mit mir haben, denn seine Daumen würden ihm auch sehr
weh tun.
Auch
wenn ich aus heutiger Sicht bezweifle, dass das alles so sinnvoll
war, konnte ich sofort eine Verbesserung spüren. Ich konnte mich
schmerzfrei setzen und hatte einige Tage lang das starke Ziehen im
Rücken nicht mehr.
Aber
es dauerte nicht lang und die Beschwerden waren wieder da. Schlimmer
als zuvor. Mich plagte ein schmerzhaftes Ziehen im
Lendenwirbelbereich, wenn ich saß, wenn ich mich beugte, wenn
ich mich bückte. Leider – oder soll ich sagen zum Glück?
- war mein Hausarzt im Urlaub und ein erneutes Einrenken wurde mir
erspart.
Ich
bekam einen Termin bei einer Allgemeinmedizinerin im
Ärztezentrum unserer Stadt. Sie konnte keinen körperlichen
Grund für meine Rückenschmerzen feststellen. Sie überwies
mich zu einem Zahnarzt und Kieferorthopäden. Vielleicht sei eine
Verspannung im Kiefergelenk der Grund für die Schmerzen.
Der
Zahnarzt war sich nach kurzer Untersuchung dann seiner Sache
auch sehr sicher. Mein Unterkiefer sei fehl gestellt. Der Kopf eines
Menschen würde automatisch immer gerade ausgerichtet sein.
Unstimmigkeiten / Fehlhaltungen würden die ganze Wirbelsäule
entlang weitergereicht werden, damit der Kopf immer gerade ist. Es
steht bei mir also nicht der Kopf schief, sondern einer der
Lendenwirbel, verursacht durch das Kiefergelenk. Daher kämen
meine Rückenschmerzen.
Der
Zahnarzt fertigte mir eine „Knierscherschiene“ an. Dadurch
könnten sich meine Zähne nicht verkeilen, Ober- und
Unterkiefer könnten sich ungehindert bewegen, Verspannungen
würden künftig nicht mehr entstehen. Mein Zustand könne
sich durch diese Schiene zunächst erst verschlechtern, da ich
mich an die Schiene erst gewöhnen müsse. Dann sei aber
langfristig eine Besserung zu erwarten. Zusätzlich wurde mir
Physiotherapie verschrieben, um den Verspannungen durch
physiotherapeutische Aktivierungen entgegenzuwirken.
Dem
Physiotherapeuten bin ich sehr dankbar, dass er sich wirklich
mit meiner Situation auseinander gesetzt hat und im Gegensatz zu den
anderen „Heilern“ nicht nur Dienst nach Vorschrift gemacht hat.
Er hätte von der Krankenkasse selbstverständlich alle
Sitzungen bezahlt bekommen, wenn er stur die Kiefergelenksaktivierung
durchgeführt hätte.
Allerdings
stellte er infrage, dass meine Beschwerden tatsächlich vom
Kiefergeleng ausgelöst wurden. Um seine Therapie zielgerichtet
durchführen zu können, schickte er mich zu einem
Orthopäden.
Ich
bat wieder im Ärztezentrum um einen Termin, diesmal für
einen Orthopäden, wenn sie einen solchen Spezialisten in ihrem
Ärztezentrum hätten. Ich bekam den Termin, denn eine solche
Fachkraft befände sich in ihren Reihen.
Später
erfuhr ich, dass dieser Arzt ein Chirurg mit orthopädischer
Ausbildung war. Seine
„Untersuchung“ bestand aus einer kurzen visuellen Musterung und
meiner Schilderung meiner Rückenprobleme. Er hatte mehr Zeit
damit verbracht, vor seiner Untersuchungszimmertür mit einem
Kollegen über einen seiner älteren Patienten zu lästern,
während ich bereits im Untersuchungszimmer saß und von
beiden beobachtet wurde, als mich anschließend zu untersuchen.
Aber er schickte mich zum Röntgen. Muss ja schließlich
auch mal benutzt werden, solch ein teurer Röntgenapparat.
Vom
Röntgen zurück, betrachtete er die Röntgenaufnahmen.
Stolz erklärte er mir, die Ursache meiner Beschwerden ausgemacht
zu haben: Im genannten Lendenwirbelbereich sei mein Nervenkanal
anatomisch bedingt sehr klein geraten. Der darin verlaufende Nerv sei
gereizt und scheuere nun im Nervenkanal. Er verschrieb mir
Schmerzmittel, die zugleich den Nerv ab schwellen lassen sollten. Die
sollte ich maximal zwei Wochen lang einnehmen. Meine Beschwerden
sollten dann allerdings weg sein.
Einen
Bandscheibenvorfall könne er aber definitiv ausschließen.
Dafür seien meine Lendenwirbel zu gleichmäßig
ausgerichtet. Selbstverständlich konnte er auf seinen blöden
Röntgenaufnahmen überhaupt gar keine Bandscheiben erkenne.
Durch Röntgenstrahlen lassen sich keine Gewebe, sondern nur
Knochen darstellen. Okay er ist der Experte, dachte ich. In seiner
Selbstüberschätzung schloss er allerdings etwas aus, was
heute Tatsache ist und damals bereits bestand. Ein MRT
(Magnetresonanztomographie) hätte die Sicherheit gebracht, die
er damals zu haben schien.
Allerdings
hätte er sehr gerne eine Akkupunktur bei mir durchgeführt,
denn dafür habe er eine Zusatzausbildung gemacht, wie er stolz
erklärte. Aber dafür hätte ich meine Beschwerden noch
nicht lange genug, die Akkupunktur bezahlt die Krankenkasse erst,
wenn die Beschwerden über einen Zeitraum von mehr als 6 Monaten
andauern. Diesen Quacksalber werde ich jedenfalls von meiner Liste
der vertrauenswürdigen Personen streichen. Er erhält
stattdessen den obersten Eintrag auf meiner persönlichen Liste
der selbst verliebten, arroganten Arschlöcher. Mit meinen
überflüssigen Röntgenaufnahmen habe ich wahrscheinlich
seinen neuen Ferrari angezahlt. Ein MRT war wohl aus seiner Sicht
nicht sinnvoll, weil sich halt an einer Überweisung an eine
Fremdpraxis nichts verdienen lässt. Solange es solche Ärzte
gibt, ist es kein Wunder, dass die Krankenkassen laufend teurer
werden.
Mein
Physiotherapeut behandelte mich in den kommenden Sitzungen
dahingehend, meinen gereizten Nerv wieder gängiger zu machen.
Nachdem ich das Schmermittel abgesetzt hatte, waren die Beschwerden
nicht weg. Statt erneut den Quacksalber aus dem Ärztezentrum
aufzusuchen, empfahl er mir einen echten Orthopäden in der
Landeshauptstadt.
Dieser
Orthopäde untersuchte
mich eingehend und überwies mich an eine radiologische Praxis,
um endlich ein MRT zu machen. Zu dem MRT kann ich nur anmerken, dass
ich nun weiß, wo und wie der Techno erfunden wurde. Das MRT
besteht aus einer Röhre, in die man geschoben wird. Dort
arbeiten sehr starke Magnete, die laute Klopfgeräusche
hervorrufen. Diese klingen tatsächlich wie wummernde Technobässe
in vielfältigen Variationen.
Nachdem
die MRT-Aufnahmen im Kasten waren und der Radiologe seinen Bericht
dazu verfasst hat, hatte ich erneut einen Termin beim Orthopäden.
Der machte dann auch nicht viel mehr, als mich zum Neurochirurgen zu
überweisen.
Seltsamerweise
saß dieser Orthopäde, der im Erstgespräch noch so
offen und freundlich war, die ganze Zeit über mit dem Blick zur
Wand vor seinem Computer. Er sprach nicht mit mir, sondern mit dem
Computer beschäftigt zu mir. Die Hiobsbotschaft
Bandscheibenvorfall schmiss er locker nebenbei in den Raum.
Eigentlich müsse er mich sofort zur Not-OP einweisen. Warum er
es nicht tat und welchen Gefallen er mir damit gefallen hat, weiß
ich bis heute nicht. Jedenfalls ist das eine merkwürdige Art und
Weise, einem Patienten eine solch einschneidende Nachricht zu
überbringen.
Jedenfalls
könne auf dem MRT gar nicht übersehen werden, wie meine
Bandscheiben zwischen den Wirbeln herausgequetscht werden wie weiche
Butter zwischen zwei Brotscheiben beim Sommerpicknick. Die
Bandscheiben L4 / L5 im Lendenwirbelbereich werden von den Wirbeln
gequetscht. Und die Banscheiben drücken auf das Rückenmark.
Ich solle den Neurochirurgen besuchen. Wenn ich allerdings ein
Kribbeln in den Füßen, Lähmungserscheinungen oder
Taubheitsgefühle verspüren sollte, dann soll ich allerdings
sofort ins Krankenhaus.
Jedem
Menschen dürfen Fehler unterlaufen. Rückblickend bin ich
aber überrascht und erschrocken, wie vehement angebliche
Spezialisten mit Nachdruck etwas definitiv ausschließen. Da
wäre es mir lieber, Ärzte würden ruhig Unsicherheiten
zugeben, statt den Gott in weiß zu spielen. Denn das sind sie
nicht, das ist eine definitive Behauptung von mir.
Nun also zum
Neurochirurgen. Mal schauen, ob und wie es dann weitergeht...