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Winter in Czernowitz

Autor: Axel@Typeer
Beschreibung:

Auszug aus der Erzählung von Franz Heinz „Draußen keine Landschaft“

 
Winter in Czernowitz
von: Axel@Typeer |  06.06.2008 22:28:19

Winter in Czernowitz

Auszug aus der Erzählung von Franz Heinz „Draußen keine Landschaft“

 

Der amerikanische Historiker George F. Kennan hat den Ersten Weltkrieg (1914-18) als „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet. Zehn Millionen Kriegstote waren zu verzeichnen, mit der grundlegend umgestalteten europäischen Territorialkarte aber hatte man die Hoffnung auf eine dauerhafte Befriedung des Kontinents verbunden. Das Gegenteil davon ist eingetreten und führte in der Folge zur Entfesselung des Zweiten Weltkrieges. Wieder äußerte sich die Katastrophe vorwiegend in der Tragik der kleinen Leute, die Gehorsam übten und verweigerten und ein wechselvolles Schicksal hinzunehmen hatten, das neue Opfer, Verführungen und wieder Hoffnungen  und Enttäuschungen brachte.

 

In seiner Erzählung „Draußen keine Landschaft“ (150 Seiten) geht der aus dem Banat stammende Autor Franz Heinz  dem Schicksal seines 1915 in der russischen Kriegsgefangenschaft umgekommenen Großvaters, und somit der eigenen Familiengeschichte nach. Von Serbien aus reist er über das Gebiet der einstigen Donaumonarchie durch das ehemalige Feindesland Rumänien. Sein Ziel sind die vielumkämpften Kriegsschauplätze in Galizien, auf denen auch sein Großvater für Gott, Kaiser und Vaterland und die angeblich gerechte Sache zu streiten aufgerufen worden war. In der Erzählung wird die Weltgeschichte im Leid und in der Zerstörung einer kleinbürgerlichen Familie reflektiert, jedoch nicht als singuläres Leid erlebt. Überall unterwegs sind vom gleichen Patriotismus überhöhte und zugleich entzauberte Parallelschicksale festzustellen. In den vielen ebenso ortsspezifischen wie unterhaltsamen Episoden der Erzählung werden konkrete Situationen von heute neben die historische Erinnerung gestellt, wobei sich der Autor als subtiler Kenner von Land und Leuten ausweist. Die Frage nach Sinn und Rechtfertigung der Opfer bleibt unbeantwortet. Das macht die Reise nach Galizien nicht gegenstandslos, stattet sie aber mit der Erfahrung aus, dass nicht alles ergründbar ist, was sich zugetragen hat, jedoch alles in der Erinnerung von Völkern und Menschen aufbewahrt zu werden verdient. Denn nur wer vergisst, wird die Fehler von gestern wiederholen.

 

*

 

„Die unglaublichsten Dinge“, pflegte Betty zu sagen, „geschehen wie von selbst und sind, näher betrachtet, eigentlich ganz normal.“ Ihr fielen dazu , wie meist, die Frau Maindl und ihre späten Geständnisse ein, halbvergessene Episoden, über die eine Dame nicht spricht, und wie sie doch vorkommen und unvergessen oder auch unbewältigt bleiben, mitgetragen werden durch den Alltag und einen späten Glanz erhalten – jenseits aller diktierten Moral, wie Betty zugeben musste, ohne diese auch nur entfernt entkräften zu wollen. Doch hat auch der Körper seine Moral, und eine Frau versteht es, ihren Verstand dem Gefühl beizuordnen und eine Logik zu entwickeln, die weniger abstrakt ist im Urteil und Selbsturteil.

 

Ein Studienfreund des Rittmeisters sei es gewesen, Frau Maindl war damals gerade mal zwei Jahre verheiratet, der sie umwarb, sie möglicherweise auch verehrte, ihr aber geradezu nachsetzte und es an der Eindeutigkeit seiner Begehrlichkeit nicht fehlen ließ. „Nun erklär es mal“, und sie hatte Betty dabei prüfend angeblickt, „warum ich das zuließ?- Wollte ich gefallen? Suchte ich die Abwechslung? Hatte ich eine Rechnung mit dem Rittmeister zu begleichen? Erfüllte er nicht meine Erwartungen? War ich dem anderen verfallen? Blind vor Verlangen? Brauchte ich einen Triumph? Die Bestätigung, als Frau attraktiv geblieben zu sein? Ging der Körper mit mir durch?“- Betty jubelte innerlich, als wären damit alle kleinen und größeren Niederlagen ihres nicht stattgefundenen Liebeslebens ausgeglichen, als hätte sie selbst die weiblichen Hemmschwellen überschritten, fröhlich und unbekümmert frivol.    Sie bewunderte Frau Maindl, die dazu fähig gewesen war und weder damals noch

Nachträglich daran kränkelte, sondern auch das mit ihrer Würde zu verbinden verstand, was nicht öffentlich werden durfte. „Ich täuschte ein Hüftleiden vor, und mein Rittmeister, was lag näher, empfahl seinen Studienfreund als Orthopäden, beriet sich mit diesem und vereinbarte selbst die Sprechstunden. Sie zogen sich über anderthalb Jahre hin, und es blieb berauschend bis auf den Tag, als der Orthopäde nach Wien wegzog. Mein angebliches Hüftleiden aber hatte sich gebessert und kam nicht wieder.“

 

Wie gern hätte es Betty gewusst, wie der Orthopäde aussah, aber Frau Maindl wollte oder konnte ihn nicht beschreiben, und in ihrem Nachlass war nichts auffindbar, was an ihn erinnert hätte, kein Foto, kein Brief, kein Andenken, das ihm zugeschrieben werden konnte. Es war, schloss Betty daraus, eines der am besten gehütesten Geheimnisse von Frau Maindl, und es mag gerade deswegen auch eines der beharrlichsten gewesen sein, denn beschäftigt uns nicht das am meisten, worüber wir nicht sprechen? „Ich spür ihn noch heute am ganzen Leib“, sagte Frau Maindl, „aber vielleicht ist das auch nur die Vorstellung einer alten Frau.“

 

Wie auch immer - Frau Maindl entsprach Bettys Vorstellung von den Verhaltensregeln innerhalb einer gesitteten Gesellschaft, die, auch wenn sie überschritten wurden, gültig blieben. Es war, wie sie fand, ein schöner Schein, der das überdeckte, was sich nicht zeigen mochte, und dem nicht den letzten Schimmer nahm, was verborgen blieb. Die Sünde hatte Stil, und dieser verhinderte das Abgleiten ins Banale oder den Sturz in die Gosse. Was Betty beeindruckte, war die Eleganz der Ausschweifungen von Frau Maindl, die immer wieder wie selbstverständlich in die Normalität zurückfand, weil sie im Grunde  nichts von dem in Frage stellte, was die Welt zusammenhielt. Vom Jahrgang her etwa in der Mitte zwischen Frau Maindl und Helen stehend, neigte Betty innerlich eher der gestrigen Sinnesart zu und nahm nur widerstrebend die Veränderungen hin, mit denen die jüngere Generation ihre Meinung von Freiheit verband, die zu oft in Ungezügeltheit ausartete und Scherben hinterließ. So gesehen bedauerte sie Helen, weil ihr jener Angelpunkt fehlte, den Frau Maindl für sich gefunden hatte und klug auszubauen verstand, indem er die Freuden nicht verhinderte, sondern diese abzuschirmen in der Lage war.

 

Die Unbedenklichkeit, oder war es Gedankenlosigkeit, mit der Helen ihre Beziehungen, um nicht zu sagen Affären, anging, beibehielt oder ausklingen ließ, entzog sich Bettys Verständnis. Als Helen damals ihren Ungarn nach Salzburg brachte, hatte sie noch ein Verhältnis mit einem verheirateten Mann, das ernster schien als es für beide gut war, und das sie fortsetzte auch nachdem sie den neuen Mann im Haus hatte. Bedenkenlos fortsetzte mit der inneren Gewissheit, dass eines  das andere nicht ausschließen müsse, wäre man mit sich selbst im Reinen. Sie trafen einander weiterhin mit einiger Regelmäßigkeit, nächtigten in Hotels, wanderten auch schon mal gemeinsam, suchten alte Kirchen auf, äußerten Ansichten über den besonders in romanischen Gotteshäusern erlebbaren Gottesgedanken, stellten, jeder für sich, eine brennende Kerze zur Fürbitte vor einem der Heiligen auf, schlenderten über die Märkte und wählten eine Flasche Rotwein für den Abend im Hotelzimmer aus, kauften auch schon mal Schuhe und berieten einander über die Mitbringsel für die Angehörigen des jeweils anderen, waren für ein Wochenende Mann und Frau und waren es mit übereinstimmender Überzeugung. Es war wie es sein soll – schön und ohne kalkulierbare Ergiebigkeit. Betty hatte gelegentlich die fehlende Perspektive dieser Beziehung angesprochen, bekam aber nur zu hören, dass eine Perspektive dann, wenn alles stimmt, entbehrlich sei. „Der Sinn ist in sich selbst.“ Betty ließ es gelten, auch wenn der Sinn für sie eine messbare Größe war, wie umgekehrt der Unsinn, der ja erst beim Versuch seiner Auslegung konturlos wird.

 

                                                                    *

 

Es ist merkwürdig, dass uns Grenzen nachdenklich machen, ein Abschiedsgefühl wachrufen, gleichzeitig Erwartungen wecken und Neugier, unsere Empfänglichkeit für neue Eindrücke steigern, und wie unsere Aufmerksamkeit selbst Belanglosigkeiten gilt, die wir sonst übersehen würden. Wir stellen Vergleiche an, versuchen historische Veränderungen zu erkennen und die sich daraus ergebenden Schlüsse abzuleiten. Die rumänisch-ukrainische Grenze verläuft hinter Radautz über freies Feld, dem seine nationale Zugehörigkeit weder hüben noch drüben anzumerken ist. Indessen sich Menschen und Fahrzeuge, auf die Abfertigung wartend, vor dem Schlagbaum stauen, schweben die Saatkrähen von einem ins andere Hohheitsgebiet, futtern und misten da wie dort, hocken auf den Grenzpfählen und freuen sich auf den Abend, wenn sie ungehindert heranschwirren zu den Abwechslungsmahlzeiten vor dem Schlagbaum, achtlos zurückgelassene Speisereste von Leuten, die zwar in unterschiedlichen Sprachen reden, im Brotbeutel aber, nach den weggeworfenen Resten zu urteilen, Gleiches haben, und das Tag für Tag.

 

Querfeldein der Stacheldrahtverhau, gesäumt von säuberlich geharkten Kontrollstreifen - fremdartig in der winterlichen Einöde des Landstrichs, die nicht zum Aussteigen und Betrachten einlud und schon gar nicht zum Verweilen. Paul hatte der kleinen Reisegruppe  einen Wagen der Czernowitzer  Glaubensbrüder vermittelt, dessen Fahrer es nicht ungelegen kam, sich den kirchenamtlich bewilligten Treibstoff zusätzlich vergüten zu lassen, noch dazu, wie er hoffte, in westlicher Währung. Noch aber befanden sich Wagen, Fahrer und Gäste in einer Kolonne von Fahrzeugen aller erdenklichen Art, eingekeilt zwischen Laster, Busse, Traktoren und Pferdewagen, umstellt von Handwägelchen, Fahrrädern sowie von schwatzenden und gestikulierenden Leuten, die neugierig den einer amerikanischen Spendenaktion entstammenden Ford der Glaubensbrüder musterten samt Insassen, die vergeblich versuchten, unbeteiligt und in sich versunken zu wirken. Die Kolonne stockte nicht nur – sie schien festgerammt im Morast, unlöslich kreuz und quer verkeilt, indessen der Schlagbaum unbewegt auflag und nichts anderes im Sinn hatte als seinen eigentlichen Auftrag, ein Hindernis zu sein.

 

„Welches sind nun welche?“ wollte Betty wissen und konnte weder bei den Grenzbeamten noch bei den Bauern die Rumänen von den Ukrainern unterscheiden. Es war, wenn man so will, auch keine Begründung dafür erkennbar, warum die einen hinüber und die anderen herüber wollten, und noch weniger, warum das so schwierig sein musste. Obwohl es im umlagerten Wagen ungemütlich, sogar beängstigend war, blieb sie mit Helen im Fond zurück, als Filip ausstieg, sich unter die Leute mischte und, von niemand behindert, dem Schlagbaum näherte. Ein rumänischer Grenzsoldat trat an ihn heran, aber er wollte nur eine Zigarette, die er unbekümmert ansteckte, um dann, nach zwei genüsslichen Zügen, wieder wachsam zu sein oder das tat, was er dafür halten mochte. Es war dieser allgemeine Gleichmut, den Filip als bedrohlich empfand, so als müsste sich die bewachte Unordnung an diesem unwichtigen Grenzübergang zwischen Europa und Russland, wie er es für sich nannte, in einem Aufruhr der Unterwürfigkeit entladen, in einem Durchbrechen der Schlagbäume und im gewalttätigen Abräumen der Stacheldrahtzäune, die das offene Land abschnüren und Besitztümer zuordnen nach dem Ergebnis des letzten Krieges. Als der Bäckermeister Potichen 1914 an die Ostfront in Marsch gesetzt wurde, war das Land hüben wie drüben dieser Grenze kaiserlich, in den Schützengräben gegenüber aber lagen diejenigen, denen das Land danach zufiel und die anstelle der alten unangebrachten Grenze eine widersinnige neue quer durch das Land schlugen und nun mit einem verordneten Eifer bewachten, der das Denken verhindert und angeblich patriotische Empfindungen wach halten soll.

 

Nichts davon war den Leuten vor dem Schlagbaum anzumerken, die seufzten, rauchten, Schnaps tranken und sich die kalten Füße warm trippelten. Nichts außer einem höchst unpatriotischem Überdruss und einer scheinbar unerschütterlichen Gleichgültigkeit, die immer dann aufzubringen ist, wenn sonst nichts gegen die Staatsgewalt hilft. Rumänen und Ukrainer schienen Filip zu gleichen Teilen im Ertragen geübt zu sein, aber das verbindet nicht unbedingt zwei Nachbarvölker, die, jedes für sich, vor dem Schlagbaum warten.

 

Und doch kann die Welt auch anders sein. Ein Sommertag auf dem Puy de Dome in der Auvergne kam Filip in den Sinn. Von allen Seiten strebten die Menschen auf den Bergkegel hinauf, und von dessen Hängen hoben nach allen Seiten die Fluggleiter ab, bunte Windsegel, die wie ein Schwarm von Riesenlibellen um den Berg schwirrten, tausend Meter über dem nach allen Richtungen abfließenden Land, schaukelnd im Licht, verspielt, gewagt, hingegeben in die Leichtigkeit zu schweben, hinausgelehnt zwischen Sonne und Fels, beflügelt und befreit.

 

Wortlos stieg er wieder zu, als der Ford sich, dank der Beziehungen des Fahrers zu den Zöllnern, aus der Kolonne herausschälte und an den Schlagbaum drängelte, der

                                                                                                                          

kurz geöffnet und wieder vorschriftsmäßig gesenkt wurde. „Na also!“ lächelte der Fahrer selbstbewusst in die Runde, auf Anerkennung wartend, mit der seine drei Fahrgäste auch nicht zurückhielten. Filip wagte einen Blick zurück, doch keinem dort schien diese bevorzugte Abfertigung an der Reihe vorbei bemerkenswert zu sein.

 

                                                              *

 

Jenseits des Schlagbaums bot sich nicht ein anderes Land an. Längst abgeerntete Mais- und Sonnenblumenfelder warteten mit angemoderten schwarzen Stengeln auf den Pflug, der wieder den Winter abzuwarten vorgab, und der kann, ein kleinerer Bruder des russischen Winters, beharrlich sein. Die Menschen haben sich mit großen Öfen auf ihn eingerichtet, die Herdplatten und Backröhren, Wärmespeicher und Schlafplätze in sich vereinen und anspruchslos zu befeuern sind. Stroh, Maisstrünke, Kohle, Wurzelholz, Reisig, Zaunlatten, Kuhdung, Firmenschilder, Karton und sonst alles, was als brennbar gilt verqualmen sie mit jener unanfechtbaren Gelassenheit, die wahre Größe vermuten lässt. Es heißt, dass in den langen Wintern draußen die Wölfe unruhig um die Dörfer streunen, dass sich hier die Wald- und Steppenwölfe paaren auf ihrem Durchzug in die Karpaten oder, entgegengestzt, in die karge östliche Weite, die den Wolf erst stark und frei macht. Es mangelt nicht an alten und neuen Wolfsgeschichten, und so wird manches auch seinen wahren Kern haben, wie alles was erzählt wird oder sich aufgeschrieben findet in Büchern, Protokollen, Briefen und Pergamenten bis hin zur Letopisetz, zur alten Chronik über das Land Moldau, seine Fürsten, Kriege, Siege und Nöte. Freilich weißt du nicht, was die Wölfe einander erzählen und in ihrer Erinnerung an Land und Leute als anwendbare Wahrheit gespeichert haben. Besser du weichst ihnen aus oder du jagst und tötest sie, bindest sie ein in Legenden und schmückst mit ihrem Fell das Haus. Weißt es: auch der Feind hat seine Chronik über Fürsten und Siege, und wenn du in der eigenen nachschlägst, findest du den Feind überall.

 

„Sereth“, sagte der Fahrer, als sie einen sehr gewöhnlichen Fluss überquerten, und Filip  nickte höfllich, zeigte waches Interesse, als hätte er seit Stunden schon sonst nichts als den Sereth im Sinn gehabt, so dass der Fahrer sich zur größeren Ausführlichkeit aufgefordert glaubte und dabei zweimal, wie Filip meinte, das Wort Pruth erwähnte. Auf der Karte fand er die Stadt Czernowitz am rechten Ufer des Pruth eingezeichnet, zeigte, zum Fahrer gewendet,

mit dem Finger darauf und sagte entgegenkommend auf Ukrainisch Tschernowzy. Das war zwar amtlich, aber der Rumäne wollte es in seiner Sprache ausgedrückt haben, und in der heißt die Stadt am Pruth Tschernautz, was für Deutsche nicht leichter auszusprechen ist, zumal das A als dumpfes E gilt und die Betonung pointiert auf dem U liegt. Dennoch versuchte es Filip als Sprechübung und zur Freude des Fahrers, was die beiden Damen auf dem Rücksitz erheiterte und dazu ermunterte, es gleichfalls zu wagen.

 

Die Straße überquerte den Sereth etwa auf halber Strecke nach Czernowitz, doch hatte der Fahrer zusätzlich – wie er nebehin hören ließ - einen Auftrag für Chotin übernommen, so dass er einen Bogen zu fahren hatte, „nur eine halbe Stunde“, wie er versicherte. Es wurden dann doch zwei Stunden, die nicht eben als unterhaltsam bezeichnet werden konnten, aber man brachte so seine Zeit hin, ohne das Gefühl zu haben, etwas zu versäumen. In Chotin stieg ein kleiner, voluminöser Herr zu und setzte sich mit betonter Artigkeit zwischen die Damen auf dem Rücksitz, ein hölzernes Köfferchen übers Knie gelegt und darauf den schwarzen, großrandigen Hut. Er schob Schultern und Ellbogen vor, um weniger hinderlich zu sein für die nächste „halbe Stunde“ Fahrt, die der Fahrer vergnügt ankündigte, verströmte eine Naphtalinwolke aus dem Pelzkragen seines Mantels und fügte sich anstandslos in den Tag wie er war.

 

Die Straße wurde schlechter, und der überbelastete Ford schlug bei jeder Unebenheit bedrohlich durch, röchelte unter der Motorhaube, raffte sich aber immer wieder auf, ruckte an, fand zu sich selbst zurück und zog wieder zuversichtlich, ja fast übermütig, an, kämpfte, an Schlimmes gewöhnt, und gewann. Der Fahrer redete ihm zu wie einem braven Pferd, dem du Zügel lassen kannst und das zugleich deinen Willen spüren muss. Indessen kam man einander auf dem Rücksitz näher, körperlich und im Gespräch mit dem neuen Fahrgast aus Chotin, der sich als Alfred Roth vorgestellt hatte und ein flüssiges, etwas seltsam klingendes Deutsch sprach, jiddisch unterlegt, wie Filip meinte, oder galizisch verfärbt, angereichert mit Ausdrücken und Lauten aus der sprachlichen Nachbarschaft, ein wenig aus den Fugen geraten, grenzgängerisch, antiquiert und von anrührender Schlichtheit.

 

 

                                                                                                                             

„Chotin und ich“, witzelte Herr Roth, „wir haben nur noch eine – wie heißt es gleich – eine Vergangenheit. Genau genommen, gibt es uns nicht mehr.“ Seltsamerweise konnte man darüber lachen oder traurig sein oder auch philosophieren ohne Anspruch auf die letzte Wahrheit. „Sehn Sie, unsere Stadt ist nicht gerade prächtig, aber sie weiß es und kann leben damit.“ Blickte nach links und rechts aus seinem Pelzkragen, wartete die Zustimmung der Damen ab und setzte hinzu, dass Stadt russisch Gorod hieße und männlich sei. Das ändere einiges im Umgang mit ihr, vorausgesetzt, man wolle so freundlich sein und Chotin als Stadt bezeichnen. Vor hundert Jahren lebten hier mehr Menschen als heute, und seit 1856, als die Festung geschleift wurde, sieht man ihr auch die Geschichte nicht mehr an. Die Genueser hatten die Zitadelle im 13. Jahrhundert errichtet, und in der Folge waren Ungarn, Polen, Walachen, Türken, Österreicher und Russen gegen sie angerannt, alle tapfer und alle haben auch mal gesiegt, der polnische Wladislaw, der russische General Münnich und wie sie alle hießen. „Nu, kuckst hin und fragst, warum ist schäbiges Chotin so wichtig?“ Irgendwie war hier schon immer eine Grenze, die keinem gut genug war. Länder und Länderchen, Weltreiche und solche, die es werden wollten stritten und fochten fünf Jahrhunderte hindurch um den Besitz der Zitadelle, bis sie schließlich fest und als kriegerisch wertlos in russischer Hand blieb. Noch heute aber stoßen hier drei Länder aneinander, und obwohl Chotin jetzt ukrainisch ist und nur noch eine Vergangenheit hat, scheint das manchen so endgültig nicht, „Denn die Gerechtigkeit“, orakelte Herr Roth hinter seinem Pelzkragen, „wird nicht überlassen dem lieben Gott.“

 

„Mich beginnt das nach und nach zu verwirren“, klagte Betty und versuchte vergeblich, sich durch eine Drehung in der Hüfte der Naphtalinwolke zu entziehen. Auch Helen gab zu, je weniger zu verstehen, je mehr sie erfahre, zumal das alles irgendwie und irgendwo auch mit Österreich verflochten sein soll, mit den Habsburgern eigentlich, und die sind heute nur noch in ihren Särgen in der Kapuzinergruft vorrätig, als Attraktion für nostalgische Touristen oder für solche, die zwischen Wurstelprater und Grinzing nach einem Punkt Ausschau halten, wo nichts geschieht. Es wäre einfacher, sich die Engländer in Indien vorzustellen oder die Holländer auf Jawa als österreichische Besatzer in Chotin, wo außer Flöhen nichts zu holen gewesen sein mag. „Es ist die Macht, Fräulein“, Herr Roth hob für einen Augenblick die Hände erklärend vom Köfferchen, „nichts anderes als die Macht.“ Sie sei zwar vergänglich, aber sie hinterlasse ihre Spuren und verwirre zusätzlich die ohnehin durcheinander gewürfelte Welt. Sie schreibe Geschichte, „und unsereins“, Herr Roth vergrub den Kopf noch tiefer in den Pelzgraben, „unsereins muss damit fertig werden.“ Tatsächlich gehöre Chotin am ehesten zu Bessarabien, das historisch eine walachische Provinz sei, heute aber als Republik Moldova eine Scheinautonomie demonstriere ohne zu wissen wozu. Die Walachen, also die Rumänen, die sich als Moldauer bezeichnen müssen, bilden dort die Mehrheit neben Aromunen oder auch Zinzaren, Russen, Ukrainern, die früher Ruthenen hießen, Lippowänern – auch Filiponen genannt, Gagausen – also türkische Christen, und anderen Volkssplittern wie Juden, Tataren, Polen, Deutschen, Ungarn, Slowaken und Armenier, auch Huzulen,  Bulgaren und Griechen dürften anzutreffen sein und natürlich Zigeuner. Das alles splittere sich noch einmal auf nach Konfessionen und Sekten, in Konservative und Radikale, Emigranten, Patrioten und Abtrünnige und auch in solche, die einfach ihrer Arbeit nachgehen und Kinder großziehen, denen, wie man so sagt, der Blick fürs Ganze abgeht.

 

Das Land draußen blieb hinter den rundum beschlagenen Scheiben verborgen, gegen die das müde Gebläse nicht ankam, so dass der Fahrer immer wieder mit einem Lappen nachwischen musste und ihn zwischendurch auch zur Säuberung der Heckscheibe nach hinten reichte. Filip kam sich in die Nachkriegszeit versetzt vor, in der alle denkbaren und undenkbaren Mangelerscheinungen den Normalzustand bestimmten, der abstrusen Logik gehorchend, dass eine Not die andere nachzieht, eine Verkettung von Missständen verursacht und Menschen zurücklässt wie diesen Herrn Roth aus Chotin. Filip hätte ihn deswegen nicht als verkümmert bezeichnen wollen. Eingemottet war nur der Mantel, nicht sein Träger. Anhaltende Entbehrungen aber machen nicht nur bescheiden und stutzen nicht nur die Illusionen zurecht – sie schrauben jede diesseitige Erwartung auf den Nullpunkt zurück und geben jener Weisheit Antrieb, die alles ablehnt, was man nicht besitzt oder nicht erreicht. Umgekehrt begünstigt Reichtum nicht zugleich eine Philosophie des Überflusses, wie sie sich im Gefühl der Unabhängigkeit qualitativ äußern könnte, sondern verführt lediglich zum Ausbau der Macht, die immer eine Form von Überheblichkeit ist. Unabhängig von unseren Träumen und unseren Verdiensten fällt uns das eine oder das andere zu und fördert so oder so den Hader in der Welt. Wir legen die Welt nach der eigenen Vorstellung aus und verkürzen uns damit die Perspektive. Vielleicht beginnt ja alles erst jenseits unserer Vorstellungskraft. Oder ist das Dasein nur eine Abfolge von Banalitäten? „Das Leben ist nicht kurz“, hörte er Herrn Roth im Fond sagen, „es ist auch nicht anstrengend. Es ist eine Täuschung.“

 

                                                              *

 

Plötzlich war sie da, die Stadt Czernowitz, emporgehoben auf eine Steilwand, lang hingestreckt auf einer dem Pruth zugeneigten Anhöhe, von Türmen und Kuppeln überragt. Dächer, Bäume, Tore, Menschen, Hunde, Geschichte, Nostalgie, Elend, kleine und große Sehnsüchte, rebellische Träume, fragwürdiger Stolz, ungewisse Gewissheiten, mitteleuropäische Schwelle, Halbasien, christlich, hebräisch,, bürgerlich und sündhaft, im Aufbruch und ruinös. Herrn Roths Naphtalinwolke schien über der Stadt zu liegen, die unter der Tünche zu zerbröseln drohte undtröstlich Immergrün über die Zäune warf, als wollte es den Sinn des Zerfalls verständlich machen.

 

Der Ford fuhr das Hotel „Tscheremosch-Maxi“ an, ein mehrstöckiges, weit ausladendes, hingegen wenig einladendes Gebäude im Neubaugebiet der Stadt, wo die Geschichte nicht hinreichte und die Gegenwart an ihrer monumentalen Nüchternheit scheiterte. Helen rekelte Glieder und Nacken, Betty atmete befreit durch, indessen Filip den Fahrer abfand und bemüht war, die gewinnende Förmlichkeit zu erwidern, mit der sich Herr Alfred Roth von der Reisegruppe verabschiedete, nicht ohne seine Hilfe anzubieten, sollte man auf sie angewiesen sein. Man wisse das ja nie. Er wohne, fügte er mitteilungsfreudig hinzu, für ein paar Tage bei seiner mit einem Polen verheirateten Tochter. Einem netten Menschen, mit dem er sich auf Ukrainisch verständige, von ein paar jiddischen Einschiebseln abgesehen, die ihm weder vorsätzlich noch ungewollt auf die Zunge kämen. Jeden Vormittag um elf, übrigens, wenn das Wetter hält, lese er die Zeitung im ehemaligen Café Habsburg am ehemaligen Ringplatz. „Wenn Sie vielleicht möchten hereinschaun“, fügte er einladend hinzu.  Winkte dann noch aus dem Wagen zurück, als hätte er sich für etwas zu entschuldigen oder zumindest etwas auszugleichen, was unausgesprochen geblieben war. Die drei winkten zurück, das Gepäck vor sich und fröstelnd im farblosen Winterabend, der von Osten heraufzog.

 

Endlich der Enge des Ford entronnen, umfing sie nun die Weitläufigkeit einer spärlich erhellten Hotelhalle, die in ihrem Ausmaß eher erschreckte als beeindruckte. Das vielköpfige und offensichtlich unterbeanspruchte Personal mischte sich unter die anreisenden Gäste, zugänglich für den geschäftlichen Schacher, ansprechbar für zusätzliche Dienstleistungen jeder Art. In weniger ausgeleuchteten Nischen warteten schlanke Mädchen, indessen lärmendes Hilfspersonal die Gepäckstücke aus einem eben angefahrenen Reisebus vor der Rezeption aufschichtete. Weiter hinten die Aufzüge, flankiert von zwei mausgrauen Wachmännern, die laut Dienstvorschrift unbeweglich der Ablösung entgegen schwiegen. Wie sich herausstellte, funktionierten die Aufzüge nicht, was keinen zu beunruhigen schien oder gar die mausgrauen Wächter brotlos werden ließ. Technik ist eben anfällig, und sie muss gerade dann vor Missbrauch geschützt werden, wenn sie versagt.

 

„Alles mag seinen Sinn haben“, murmelte Betty vor sich hin, stieg hinter dem Boy  zwei Treppen hoch, ließ die Koffer im Zimmer abstellen, entlohnte die Dienstleistung mit harter Münze und prüfte als erstes die Verriegelung der Tür. Fröstelte noch immer, drehte vergeblich an der Heizschraube, warf einen Blick ins Bad, in dem der Lichtschalter zugleich den Ventilator bediente, der mit Getöse seiner Aufgabe nachkam, auch wenn sie nicht gebraucht wurde. Warf einen ebenso kurzen wie enttäuschten Blick aus dem Fenster, das herausfordernd die ganze Wand einnahm, als hätte es ein atemberaubendes Panorama zu bieten. Es lag vielleicht auch am winterlichen Dämmerlicht, dass draußen kaum etwas zu erkennen war, weder die Stadt noch ein Höhenzug im Hintergrund, vereinzelt nur ein trübes Licht in einem Fenster irgendwo, kein Glockenschlag, nur das unterdrückte Dröhnen des Ventilators aus dem Zimmer nebenan.

 

Dennoch – sie war am Ziel ihrer Reise, und zum ersten Mal seit ihrer Abfahrt aus Salzburg hatte sie ein Gefühl der Unsicherheit. Hatte sie vielleicht etwas unternommen, was nirgends hinführt und je weiter auseinander läuft, je näher der Endpunkt rückt? Nicht gestellte Fragen suchten kaum noch Antworten, und eine taube Müdigkeit überdeckte den angeschimmelt wirkenden Erlebnisdrang. War es bis zuletzt doch nichts weiter als die Lust zur Veränderung, was sie zur Reise getrieben hatte? Nur der kontrollierte Ausbruch aus ihrer geordneten Bedeutungslosigkeit, an der sich ihr Stolz wund gerieben hatte? Wollte sie eine andere sein, ohne es zu können? Betty fühlte sich auch hier im Schatten der Maindl, kam sich ungeschickt vor, gehemmt und verklemmt von zahllosen halb- und vollkatholischen Anwandlungen und Ängsten, geplagt von Wünschen und Vorstellungen und dem Eingeständnis, dass es für alles zu spät sei. Quälende Frage nach den Ursachen für das eigene Versagen stellten sich, das Betty nicht den Zeitumständen aufzulasten vorhatte, nicht den anderen und nicht dem Schicksal. „Meine Feigheit ist mein Schicksal“, stöhnte sie, ohne genau bestimmen zu können, was Vorsicht ist und was Feigheit, denn was du dir versagst, pflegte Frau Maindl zu sagen, hast du nicht wirklich gewollt.

 

Das aber war nicht so. Sie fand es einfach erbärmlich, so dazustehen an einem Fenster im Hotel „Tscheremosch-Maxi“, zweite Etage, die Toilettenspülung von nebenan im Ohr, müde und lustlos und ohne Vorfreude auf den nächsten Tag. Wie aufregend muss dagegen die Anreise der Maindl damals gewesen sein. Von der nahen Front donnerten die Geschütze herüber in die Stadt, in der niemand wusste, wie lange sie noch gegen die Russen zu halten sein wird. Die Hausregimenter der Stadt Czernowitz, das Infanterieregiment 41 Erzherzog Eugen und das Schützenregiment 22, deren Jungoffiziere bis vor kurzem noch durch die Hauptstraße und über den Ringplatz flanierten, im Café Habsburg einkehrten und den Abendveranstaltungen Glanz verliehen, waren überstürzt dem Feind entgegen geworfen worden, einen nur zaghaften Patriotismus im Tornister, mit der Vorahnung, dem russichen Druck am Pruth nicht gewachsen zu sein. Sie kamen verwundet zurück oder hingestreckt auf die Leichenkarren, verkrümmt unter den Verbänden, blass, hilflos, geschlagen schon im August 1914. Bis 1917 hatten die Russen dreimal die Stadt besetzt, und dreimal wieder räumen müssen. Für einen habsburgischen Sieg hat es dann doch nicht gereicht. Nicht einmal für eine ehrenhafte Niederlage.

 

In Bettys Vorstellung muss Frau Maindl damals wie eine tragische Bezwingerin in die Stadt eingefahren sein, den Fähnrich an der Seite, ein trabendes Doppelgespann im Geschirr, der Rittmeister tot, die Front brüchig, das kaum fertiggestellte neue

                                                                                                                                

Bahnhofsgebäude in noch frischer Jugendstil-Pracht, hinter der Steigung die stumpfe rötliche Turmhaube der römisch-katholischen Pfarrkirche, der Doppeladler auf dem Rathaus, Militärkolonnen auf der Hauptstraße, und dann, links, die friedlich wirkende Herrengasse, schmiedeeiserne Balkonbrüstungen, vornehme Fassaden und Torbögen, historisches Bewusstein vermengt mit einem Endzeitgefühl, das noch keinen Namen hatte. Stil noch im Untergang, der noch nicht vorstellbar und doch auch nicht aufzuhalten war.

 

Alldem hatte Betty bei ihrer Ankunft in Tschernowzy nichts auch nur annähernd Gleichwertiges entgegen zu setzen. Der Blick aus dem Hotelfenster auf eine räumlich beliebig versetzbare Neubausiedlung im Winterabend markierte den touristischen Endpunkt ihrer Reise, verbunden mit der Einsicht in die Nichtwiederholbarkeit von Ereignissen und Empfindungen. Sie zog den Vorhang zu und betrachtete sich im Spiegel, war abgekämpft und fand sich gerade in ihrer Ergebnislosigkeit wieder, winkte versöhnlich ihrem Spiegelbild zu und unternahm nichts zu seiner Aufbesserung. „Ist schon gut, meine Liebe,“ redete sie ihm zu. „Bist auf der Spur geblieben und wieder im Gewöhnlichen angekommen.“

 

                                                                     *

 

Tags darauf schneite es. Wie durch ein Sieb stäubte es weiß auf die Stadt, häufte einen festlichen Schimmer auf Dächer und Simse, trieb an den Straßenecken vor dem Wind und fiel schräg dem Rathaus ins Gesicht, das, standhaft wie immer, seinen Turm über die Stadt erhob, wenn schon nicht triumphal so doch mit einer unverkennbar amtlichen und um Würde bemühten Gebärde. Ostwind. Aber auch er längst nicht mehr mit dem Makel der Zügellosigkeit behaftet, seine fremde Wildheit herabgestuft zu einem Lokalsturm, der keineswegs über die nahe Grenze hereinbrach wie ein Räuber, sondern zum Land gehörte, das sich ihm flach und endlos unterschob, nichts entgegenstellte als seine Leere, in der er sich verblies noch bevor er entkräftet die westlichen Bergwälder erreichte.

 

Schon immer kam das Unwetter aus dem Osten, mit Schnee und Reiterhorden, wilde Poesie im Gefolge und nicht weniger die Anmut verlorener Träume. Findest sich damit ab, wohin es dich auch verweht, trägst einen Klang in dir und spürst ihm nach. Was den einen zum Jubeln bringt, lässt den anderen leiden. Weißt es und spielst die Rolle, die dir zufällt. Wechselst die Fahne und auch schon mal den Kaiser, was klug sein kann oder auch Verrat, drückst dich in einer anderen Sprache aus – nur deinen Gott wirst du nicht los. Bleibst irgendwie ein Jud und weißt nie, wann dir das zum Verhängnis wird.

 

Es war am 2. September 1914, berichten die Chronisten, als die Russen zum ersten Mal Czernowitz besetzten. Raub, Brand und Mord waren vorausgesagt worden, aber es kam anders. Voraus ritt eine pfeifende Sotnie Tscherkessen in schwarzen Mänteln und schweren Pelzmützen, singende Kosaken folgten und schließlich die Infanterie, feldmäßig, von Trommeln begleitet, das Gewehr geschultert, das Bajonett aufgepflanzt. Gespenstisch und geordnet, siegreiche Feinde und zugleich slawische Brüder, Befreier und Eroberer, Teufelskerle und Helden, furchterregend und grandios. Sie biwakierten sorglos und immer noch ordnungsgemäß in den Vorstädten und auf den Plätzen der Stadt. Umlagerten das Austria-Denkmal, errichtet auf dem Austria-Platz zum hundertjährigen Jubiläum der österreichischen Erwerbung des Landes. Eine üppige Frauengestalt, von Stufen, Stein- und Bronzesockel hochgestützt und nun dazu verurteilt, im anbrechenden Abend mit ungeteiltem Wohlwollen auf russische Infanteristen niederzublicken. Hier, am höchsten Punkt der Stadt Czernowitz, ganze 218 Meter über der Adria, die damals als österreichisches Küstenland gleichfalls zu verteidigen war gegen solche, die das ändern wollten.

 

Verklungen der Gesang der Tscherkessen, abgeräumt das Austria-Denkmal, verjagt die Glücksspieler, die hier in Friedenszeiten angetrunkene Bauern übertölpelten, verstummt die Rufe der Brezelverkäufer, das Pflaster noch immer schadhaft, eine Reihe entlaubter Pappeln vor dem abbröselnden Putz der Häuser, die den Platz nur mit Mühe zusammenhalten. Betty seufzte, Helen schwieg und Filip versuchte vergeblich die Leere des Platzes gedanklich auszufüllen oder auch nur anzureichern mit historischen Fakten, mit Taten und Untaten, österreichischen und russischen Heeresberichten, Pferdegetrappel, Nagelschuhe im Kies, der weiche Schritt der Mädchen vom Lande, bunte Schürzen und leichte Opanken, Kichern und Feilschen, Flüche. „Alles wie weggewischt“, sagte Helen. „Es ist weggewischt“, bestätigte Filip.

 

Schneegriesel im Nacken und, wenn der Wind hinter einer Straßenecke umspringt, auch im Gesicht, auf Stirn und Lippen, zahllose kleine Nadelstiche auf der Haut. Durchhalten bis zur nächsten Straßenecke, die Richtung bergwärts und immer im Windschatten auf der Ostseite. Dürres Baumlaub wirbelt auf einen Dichter zu, an den mit einer Büste erinnert wird. Ein mönchisches Haupt der Erde zugeneigt, seitlich der pedantische Schriftzug: Paul Celan. Jude und deutscher Dichter, Freitod 1970 in Paris, die Eltern, nach Transnistrien deportiert,1942 im Lager Kolo Michailowka umgekommen – ein Name, auf keiner Karte eingezeichnet, mit dem sonst nichts anzufangen ist. Bleibend nur das Dichterwort über den Tod, den Meister aus Deutschland.

 

Die Stadt Czernowitz hat ihre Probleme mit den Dichtern, wie Herr Alfred Roth zu berichten wusste. Drei Zeitungen in drei Sprachen vor sich, qualmte er über den kleinen Rundtisch, roch nach Naphtalin und war sichtlich erfreut über das nicht ganz unverhoffte Wiedersehen. Filip und die beiden Damen, aus dem Wirbelsturm ins einladende Café geflüchtet, schlüpften aus den Mänteln, genossen die heiße Duftwolke von Röstkaffee und Vanille und den schützenden Stuckhimmel darüber, rückten zusätzliche Stühle heran. „Machen Sie es sich bequem!“ Herr Roth zeigte sich gefällig und war auch diesmal gesprächig, zumal er sich in gewisser Weise als Gastgeber vorkam und das Unwetter draußen zur Weitschweifigkeit geradezu aufforderte.

 

„Jeder stellt seine eigenen Heiligen auf, und das gerade dort, wo schon ein anderer steht.“ Er klage damit nicht und niemanden an, beteuerte er, fände es auch nicht besonders bemerkenswert, gäbe es da nicht etwas, das bedenklicher sei als die jeweils damit verbundene nationale Eitelkeit. Nämlich das falsche Symbol für eine gute Sache. Ginge es nach ihm – er entschuldigte sich sogleich für die Vermessenheit, angenommen aber es ginge nach ihm, so müssten alle die Dichter nebeneinander aufgestellt werden, nein, nicht in einer Reihe, sondern in einem Kreis,

der keine Rangverteilung zulässt. Schiller, Eminescu, Celan, Schewtschenko, die Kobyljanska – alle schön im Kreis, und irgendwann werden Rose Ausländer und Gregor von Rezzori hinzu kommen und andere und weitere. „Musst keinen deswegen beschmieren oder umstürzen. Musst nicht einmal alles lesen“, fügte Herr Roth lächelnd dazu. Und wusste wovon er sprach. Standen nicht gerade diejenigen, die das Schiller-Standbild vor dem Stadttheater abräumen ließen, im Verdacht, nie etwas von ihm gelesen zu haben? Schiller musste in den Garten des Deutschen Hauses in der Herrengasse abwandern, indessen der rumänische Nationaldichter Eminescu seinen Ehrenplatz in der Stadtmitte einnahm. Heute erinnert nur noch der Sockel an den inzwischen völlig verschwundenen Schiller, während Eminescu, eher verborgen als herausgestellt, in einer Grünanlage zu finden ist, der Platz vor dem Theater aber der ukrainischen Dichterin Olh Julianiwna Kobyljanska

zugewiesen wurde. Weder sie noch Eminescu hätte der steinerne Schiller gestört, und sie würden beide bei dem Gedanken darüber erröten, ungefragt an seine Stelle nachgerückt zu sein. Mit der Bukowina hatte Friedrich Schiller freilich nichts zu tun, räumte Herr Roth ein, wohl aber mit der europäischen Kultur, in die sich Czernowitz hinein gehoben und aufgehoben fühlte. Sowohl die Kobyljanska wie Eminescu schrieben, ohne deswegen in Gewissensnot zu geraten, auch in deutscher Sprache, und ihren Schiller haben beide gut gekannt. „Ich will nicht behaupten, der Schiller fehle uns“, lächelte er, „wo es doch an allem fehlt.“

 

Schrieb aber nicht schon der Rittmeister Maindl aus dem Krieg nach Salzburg, dass es in Czernowitz an allem mangele was das Leben schön und den Krieg erträglich mache? „Mein Bursche ist kaum noch in der Lage einzukaufen“, beklagte er sich in einem Brief. „Die Bauern trauen sich nicht mehr in die Stadt, und die Läden haben nichts anzubieten. Manchmal flüchte ich mich ins Café, und weiß doch, dass auch dort nicht nur die roten Läufer schäbig geworden sind, sondern auch die Mohnkipferl ranzig und der Kaffee dünn. Von der Gesellschaft ganz zu schweigen. Ich hab da immerhin meinen bevorzugten Platz“, schrieb der Rittmeister 1916. „Es ist da ein Fresco zu sehen, das Weib darstellend. Halb entschleiert und auf Blumen hingestreckt ruht sie in einem Garten. Das Haar aufgelöst, wirft sie mir über die nackte Schulter einen Blick zu, ein Gedeck wird gereicht und ein geflügelter Cupido flüstert ihr ins Ohr. In einem Medaillon darunter hat sich der Künstler verewigt: Prof. Eugen Maximowicz. Akad. Maler.“ Frau Maindl hatte dann, in Begleitung des Fähnrichs, das Café besucht, unter dem Fresco Platz genommen und vergeblich, wie sie berichtete, nach Ähnlichkeiten zu sich selbst gesucht. Zu sehen war eine romantisierte arkadische Darstellung, halb verführerisch halb unnahbar, eher Fiktion als Fleisch und Blut. Professor Maximowitsch aber blickte aus dem Medaillon sinnverloren in die Ferne, als warte er auf eine neue Eingebung. Dass diese möglicherweise auch vom Nebentisch erfolgen könnte, darauf  wäre dieser korrekte Akademiker von selbst ebenso wenig gekommen wie der kriegsmüde Rittmeister. Das hätte die Maindl schon eher den Tscherkessen zugetraut. Wohl nur, weil sie noch nie einen zu Gesicht bekommen hatte, denn schließlich haben die einen wie die anderen den Krieg verloren, und noch viel mehr dazu.

 

Und sah nicht auch dieser zeitunglesende und eingemottete Jude Alfred Roth so aus, als wäre ihm alles genommen worden? Würde, Bedeutung, Vermögen, Geschichte, Stadt, Land, Kaiser und Krone, zu weit weg von Jerusalem um hebräisch zu überleben. Der Messias würde, wenn er denn käme, sich für Czernowitz nicht die Zeit nehmen, glaubte Herr Roth zu wissen. Und dieses Wissen hatte jene Auszehrung zur Folge, die geschmeidig macht und mit Weisheit ausstattet. Nur wer eine Angriffsfläche bietet wird getroffen, heißt es, wer aber sein Haupt beugt wird es behalten. Das sei nun beileibe nicht weise, wehrte Herr Roth ab, bestenfalls sei es schlau. Er würde es als kluge Feigheit auslegen, die einer lernt, der zum Zurückschlagen zu schwach ist und es satt hat, Hiebe hinzunehmen. „Ich fühle mich als Verlierer und es ist, sag ich mir, ziemlich egal, als Held unterzugehn oder als Jud. Als Jud fällt es mir vielleicht ein wenig leichter.“ Ob sich damit eine gewisse Angst verbinde, fragte Filip. Nein, nicht die Spur von Angst, aber auch keine Spur von Glück. Das Glück brauche seine Ordnung. „Die Tochter, sehn Sie, die spricht mit ihrem Mann polnisch, das Kind geht in die ukrainische Schule und ich träume jiddisch. Es ist alles gut, verstehn Sie, doch nichts ist richtig.“ Erklären wolle und könne er das nicht. „Es sind Dinge, die sind wie sie sind. Manche von ihnen sind ewig, du weißt nur nicht welche. 

 

„Möchten Sie bleiben längere Zeit in Czernowitz?“- Eher nein, sagten alle drei, wobei es unterschiedliche Vorstellungen darüber gab, was eine längere Zeit sein könnte. Filip wollte in zwei Tagen weiter nach Lemberg, Betty hatte sich im Hotel bereits nach den Flugverbindungen der Austrian Airlines erkundigt, Helen wollte auf Paul warten, der nach Czernowitz nachzukommen zugesagt hatte, auf dem Dienstwege, was einfacher und preiswerter wäre und über den angenehmen Teil hinaus patriotisch angebracht schien, seit die rumänischen Glaubensbrüder im vormals eigenen Land nur noch eine Minderheit bildeten.

 

„Fährt Ihr Bekannter über Chotin?“ wollte Herr Roth wissen, der seine Rückreise mit einer günstigen Gelegenheit als Mitfahrer zu verbinden vorhatte. „Die Zugverbindung ist umständlich und auch nicht billiger, und das Auto bringt dich bis vor die Haustür.“ Betty erschauerte in Erinnerung an die Enge des Rücksitzes, an Pelzkragen und Naphtalinwolke, wischte ein Guckloch in die beschlagene Scheibe des Cafés um wegsehen zu können ohne aufzufallen. Schneekörner prasselten ans Glas, und ganz weit dahinter meinte sie einen Lichtschimmer wahrzunehmen, wie im Februar über dem Mönchsberg in Salzburg, nachmittags bei verhängtem Himmel. „Es ist“, wagte sie die Bemerkung, „als hätte der Wind draussen nachgelassen“. Herr Roth lächelte über so viel Unkenntnis, und es war Betty, als  käme seine Antwort auf die Frage, wie lange der Sturm anhalten könne, nicht ohne einen Anflug von Boshaftigkeit: „Drei Tage, meine liebe Dame. Mit drei Tagen müssen Sie schon rechnen.“

 

                                                           *

 

Die Liebe ist nicht vorsätzlich, sie geschieht, nimmt dich mit, trägt und lässt nicht wieder los. Brennt und bohrt und vertagt jede Vergänglichkeit. Warum, sollten Kaiser, Zaren, Päpste und Diktatoren wichtiger sein als die Liebe? Warum die Kriegsgräber bei Przemysl frischer im Gedächtnis bleiben als die Umarmung eines Fähnrichs? Wurden nicht Kaiser und Päpste von einer Welt, die sie regierten, gnadenlos zerrieben, und wurde nicht selbst der liebe Gott gleich mehrfach von ihr abgesetzt? Wo zwischen Sinn und Unsinn fällt die Liebe hin? Woran haben die Soldaten im Sterben gedacht, beim letzten Atemzug, wie es so schön heißt – doch nicht an die Tapferkeitsmedaille oder gar an die Fahne. An den Schoß, aus dem sie krochen, haben sie gedacht, und in den sie sich als Mann versenkten. Davon steht nichts in den Geschichtsbüchern, denn was könnte sich daraus ableiten als Preis oder Anspruch oder Triumph.

 

Helen hasste diese sich selbst zerfleischende Männlichkeit, die Mythen erfindet, wo der Verstand sich verweigert. Sie fand Filips schweißtreibende Ursachensuche nicht weniger übersteigert als Pauls Pendeln zwischen Heiligen und jugendlichen Mönchen. Fiktionen, schemenhafte Erfindungen männlicher Unrast. Die Liebe hingegen findet ihre Logik in sich selbst. Gehst doch nicht mit einer historischen oder sittlichen Fragestellung ins Bett, sondern schlichtweg mit einem zeugungsfähigen Mann. Die Maindl musste das zu ihrer Zeit genau so empfunden haben, und ihr Unverständnis darüber wird grenzenlos gewesen sein,

dass sich Rittmeister und Fähnrich in einer vaterländischen Pflicht sehen wollten, wo doch weit und breit keine zu erkennen war. Vielleicht ist die Pflicht auch nur eine andere Bezeichnung für den Schwachsinn, der, du weißt nicht wie, in die Welt gekommen ist, und gegen den die Männer wehrlos sind wie gegen die Prostata.

Nichts wird Filip davon abhalten, nach Lemberg weiterreisen, um dort das zu erfahren, was er  schon hier in Czernowitz weiß. Mannhaft wird er alles zurücklassen, was ihm unersetzbar scheint, wie ein Western-Held im Sattel, der ohne sich umzudrehn in die Weite reitet, die Ranch im Rücken und eine wunderbare Frau, die er mit dem Satz verabschiedete, dass er nicht anders könne. Die Frau vor der Ranch erträgt das tapfer und verständnilos, blickt noch eine Weile dem Staubwölkchen nach, dass er hinterlässt und kümmert sich um die Hühner.

 

Umgekehrt musste Filip das absonderliche Interesse seiner Begleiterinnen für das kümmerliche Czernowitz konstruiert vorkommen. Wer, bitte schön, war schon diese Frau Maindl, dass man meinte, mit einem Zeitabstand von Jahrzehnten ihr hinterher fahren zu müssen, ehemalige Tagebuchstationen ausfindig zu machen und mädchenhaft nachprickeln zu lassen? Ihm ging es immerhin um Ereignisse, redete er sich zu, die Europa und die Welt verändert haben, wenngleich das Neue nicht das Erhoffte war und das Erreichte wieder einmal am Glück vorbei geschah. Er kam sich wie ein Pilger vor, der in gewisser Hinsicht auf Heilung aus war, er bewegte sich auf Przemysl zu wie andere auf das wundertätige Fatima, als müsste dort eine vom Ungeist ungezählter deutscher, russischer, polnischer, ungarischer, rumänischer und jüdischer Flüche ein Sinn oder auch nur ein Gedanke herleiten gegen die Vergeblichkeit des Opfers. Und doch wird es so sein wie mit der Muttergottes vom Rosenkranz in Fatima, die dir nach der Kraft deines Glaubens hilft oder nicht und die Welt sonst lässt wie sie ist. Wunder, wenn sie denn geschehen, werden irgendwann gewöhnlich, bis Maria wieder einmal den Hirtenkindern erscheint, wenn die Welt noch welche vorrätig haben sollte.

 

Filip fiel der Heimkehrer ein, von dem sein Dorf nach dem verlorenen Krieg die Wahrheit hören wollte über die unverdiente Niederlage, über den Feind und den sibirischen Winter. Es war aber immer nur die Wahrheit des Heimkehrers, die zu hören war und die nicht auf jeden zugeschnitten gewesen sein mochte. Die Monarchisten trauerten dem Imperium nach, die Vaterländischen litten unter der Zerstückelung Ungarns, den Republikanern gingen die Veränderungen nicht weit genug, die Unbemittelten warteten verbittert auf versprochene Reformen, an den Stammtischen wurden die alten Siege nachgefeiert indessen die Schulbücher die Heldentaten der Gegner vermittelten und die Geistlichen nach wie vor von der Kanzel herab die Nächstenliebe predigten. Manches bisher Verschwiegene kam ans Licht, aber keiner wusste so recht, was davon zu halten war, und so blieben die meisten bei ihrer Meinung, auch wenn sie keine war.      

 

Katharina wollte von dem Heimkehrer keine Einzelheiten wissen über das elende Sterben des kriegsgefangenen Honvéds Franz Potichen, verscharrt wie ein Hund, kalkübergossen, aus der Liste gestrichen. Sie wollte sich kein Bild machen müssen über das Ende eines Menschen, auf den sie ihr Glück gesetzt hatte. Sie wies es ab mit einer verstandesmäßig nicht zu erfassenden Beharrlichkeit, denn er war, wohin sie auch blickte, noch immer da, sie hörte ihn immer noch singen, und wuchsen nicht immer noch die Bäume, die er vors Haus gepflanzt hatte?- Was zählte da schon, was sonst noch zu erzählen gewesen sein mochte von einem, der in Sibirien dabei war und mit zunehmendem Alter in seiner Erinnerung die Ereignisse durcheinander brachte und wohl auch beliebig ausschmückte? Auch das übrige Dorf hörte immer seltener hin, wenn der Heimkehrer erzählte. Es war schon alles gesagt und wiederholt, und so hatte auch das Schreckliche seinen Schrecken eingebüßt. In der Schankstube wechselte das Gesprächsthema von Hindenburg zu Hitler, Przemysl war in den Schlagschatten der neuen Schlachtfelder bei Tobruk und Leningrad geraten, und so war, was damals die Welt bewegte, jetzt nur noch das Geschwätz eines alten Mannes, vorausgestorben schon im Gedächtnis der Gemeinde, überrollt von neuen Siegen und verstummt  unter neuen brüchigen Schwüren.

 

Gewiss, nichts wäre weniger erträglich als die Unvergänglichkeit der Ereignisse, wüssten wir nicht, dass sich alles noch verheerender wiederholt. Denn das Gedächtnis der Welt sind nicht allein die Archive, die Memoiren der Generäle und die Spitzfindigkeit der Historiker – es ist verbunden mit unserer Unfähigkeit, das zu begreifen, was sich zugetragen hat und wieder schicksalhaft auf uns zukommt, gegen das wir, wider besseres Wissen, als gesetzmäßig hinnehmen und geschehen lassen. Die Angst, wird immer wieder behauptet, sei ein schlechter Ratgeber, wie aber sähe die Welt ohne sie aus? Ohne die Angst vor uns selbst.

 

                                                                *

 

Betty hatte ein gutes Dutzend Ansichtskarten auf der kleinen Schreibtischplatte ihres Hotelzimmers ausgelegt. Bilder vom Rathaus, von der Residenz, Bahnhof und  Theater, Innenaufnahmen aus der Synagoge und des Cafés am Ringplatz, ukrainische Mädchen in bunten Röcken, historische Fotos in Schwarzweiß - Holzfäller und Köhler, Korpsstudenten und Talmudschüler, Reiter im Vorort Rosch und jüdische Grabsteine auf dem Friedhof in Sadagora. Gleich drei Karten aus Sadagora hatte sie ausgesucht, obwohl Frau Maindl den Friedhof dort unerwähnt gelassen hatte und in den Kriegswirren wohl nie über den Stadtrand hinaus gekommen sein mochte. Es war eine Entdeckung Bettys, herausgelesen aus einem Reiseführer, in dem die jüdische Vergangenheit von Czernowitz vorrangig behandelt wurde. „Gehen Sie nicht nach Sadagora“, hatte Herr Roth abgeraten, „und schon gar nicht auf den jüdischen Friedhof dort.“ Er sei zerstört, ausgeraubt, geschändet. Gerade das erhöhe beschämenderweise, wie er fand, die touristische Attraktivität, vermittle jenen morbiden Zustand, der ausgerechnet von denen gesucht würde, die mit dem Jenseitsgedanken nicht viel anzufangen wüssten. „Sie gehen auf den Friedhof wie in die Geisterbahn.“

 

Mit ungeteilter Aufmerksamkeit betrachtete Betty die Ansichtskarten, denn auch für sie war nichts reizvoller als das, was nicht empfohlen wurde. Auf einer war das Palais der Rabbinerdynastie Friedmann, den Wunderrabbis von Sadagora, zu sehen, langgestreckt und repräsentativ, dem stilwidrigen Landsitz eines mittleren Grundherrn nachempfunden. Die beiden anderen zeigten aus dem Lot geratene Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof, von Gestrüpp  überwuchert und der Erde zugeneigt, die Schriftzüge unleserlich, die kunstvoll gemeißelten Motive zerborsten.

 

Trotz Herrn Roths fast beschwörenden Einwands, wenn nicht gerade deswegen, wäre Betty bei besserem Wetter durchaus für einen Gang über den Friedhof zu gewinnen gewesen. Sollte man ihn völlig den Grabschändern überlassen und denjenigen, die ihn am liebsten aus dem eigenen und dem Gewissen der Welt streichen würden? Denjenigen, die austauschbare Befreiungssymbole auf den Hauptplätzen der Städte aufstellen, mit denen das Volk wieder gefügig gemacht werden soll für den nächsten Waffengang? Betty verstand sich als unpolitischen Menschen und es wäre ihr nicht eingefallen, sich vor einem der Befreiungsdenkmale fotografieren zu lassen, mit denen die europäische Erde auch unter den Karpaten übersät ist und die gestenreich ins Leere weisen. Gegen ein Foto auf dem jüdischen Friedhof hätte sie hingegen nichts einzuwenden gehabt, wenngleich sie dafür weder eine Erklärung noch eine Rechtfertigung zur Hand hatte. Sie lehnte es ab, alles begründen zu wollen oder gar zu müssen, verstandesmäßig oder vom Gefühl her. Das würde eine Unzumutbarkeit voraussetzen, wo doch höchstens ein Funken Aufmerksamkeit nachweisbar ist für eine Sache, die dich ebenso gut gleichgültig lassen könnte. Die Nachdenklichkeit setzt ja nie dann ein, wenn  uns etwas ausgeredet wird; was sie beflügelt ist das Gefühl und weniger der Verstand oder die Bildung. „Verstand ist nicht immer hilfreich“, hatte Herr Roth gemeint, als er danach gefragt worden war, was einen Juden heute noch in einer Stadt wie Chotin zurückhält. „Sie möchten wissen“, versuchte er zu erklären, „was ich selbst nicht begreife.“

 

Gleichwohl hat es vielleicht auch seinen Sinn, ging Betty ihren Gedanken nach, wenn dir etwas versagt bleibt oder nicht über den Ansatz hinaus kommt. Triffst Leute und vergisst sie, verliebst dich und machst nicht viel daraus, hast deine Träume und

vergisst sie. Wirst bescheidener, gibst aber nicht auf, bist ein Verlierer, aber das Spiel geht weiter. Unternimmst eine Reise in die Bukowina, fährst durch drei Länder einer Illusion hinterher und bringst nicht mal ein anständiges Foto aus Czernowitz mit nach Hause. Nichts kann enttäuschender sein als die Ankunft, und du ertappst dich  beim Versuch, die Enttäuschung aufzuwerten, das Stumme anzureichern und auszulegen. Nie würdest du zugeben, dass die Reise dir nichts gebracht hätte. Das Außerordentliche, entdeckst du, steckt im Gewöhnlichen und nichts überlebt besser als das Banale.

 

Es war Betty nicht gelungen, das Haus, in dem der Rittmeister 1914 Quartier bezogen hatte, zu bestimmen, obwohl die Herrengasse innerhalb von Jahrzehnten und trotz mehrfachen Landeswechsels kaum Veränderungen hinnehmen musste.. Frau Maindl hatte einen schmiedeeisernen Balkon im ersten Stock erwähnt, aber einen solchen hatte fast jedes Haus, und alle schienen von demselben Meister geschmiedet worden zu sein, so ähnlich sah einer dem anderen. Bäume und Schlingpflanzen versuchten neuerdings die alte Strenge der Herrengasse herabzumildern und sie ungefragt in eine abendliche Flaniermeile zu verwandeln. Eine Aufnahme von 1899 zeigt die Gasse kahl und reserviert, an quergespannten Drähten hängen Lampen, ein Fuhrwerk nähert sich, indessen die Passanten, wohlgekleidet und selbstsicher, in der Bewegung erstarren, die gewählte Pose bis zum Freiwinken des Fotografen beibehalten, an einem schattenlosen Herbsttag vielleicht, mit Kumuluswölkchen am noch friedlichen Himmel.

 

„Herzliche Grüße aus dem winterlichen Czernowitz. Draußen stürmt es, und ich habe mich in mein Zimmer geflüchtet. Das Hotel ist neu und schlecht. Ich fühle mich hier wie in einer Grenzstation und bin auf alles gefasst.“ So und ähnlich grüßte Betty ihre Bekannten im Salzburgischen auf der Rückseite der Ansichtskarten, fügte da noch eine Bemerkung über die zu erwartende unpünktliche Postzustellung hinzu, dort einen Vermerk über die noch immer in der Herrengasse anzutreffenden Fuhrwerke, und an anderer Stelle über die Begegnung mit Herrn Roth, von dem sie schrieb, dass er sie mehr an die alte Monarchie erinnere als es die Hofburg in Wien vermag. Sie stellte sich die Bekannten in Salzburg beim Lesen der Karten vor und konnte bei dem

Gedanken daran eine gewisse Selbstzufriedenheit nicht unterdrücken. Ein Gruß aus Czernowitz musste heutzutage ausgefallener wirken als einer aus Djakarta oder

Windhouk, und eine Fahrt in die Bukowina schien ihr allemal abenteuerlicher zu sein als eine Safari unter dem Kilimandscharo. Einigermaßen vergnügt und zunächst mit dem Wetter ausgesöhnt klebte Betty die unkrainischen Briefmarken auf und nahm sich vor, die Karten am anderen Tag bei der Hauptpost einzuwerfen, da die pünktliche Leerung des Hotelbriefkastens so sicher nicht sein mochte.

 

„Seit 1914 hat sich diesbezüglich nicht viel verändert“, flüsterte sich Betty zu, und es kam ihr wie ein Gespräch mit Frau Maindl vor, die der k.u.k-Feldpost von damals eine Nachlässigkeit nachsagte, die sie als unvorstellbar bezeichnete. „Diese Schlamperei ließ Schlimmes befürchten“, klagte sie noch nachträglich und meinte damit den sich abzeichnenden Niedergang des Habsburgerreiches, das um eine Zeit keiner mehr mochte obwohl eine neue Vision nicht in Sicht war, es wäre denn, man wolle eine solche in der nationalen Kleinkariertheit von Völkern und Völkchen erkennen, die auf Freiheit aus waren und sich hinter verriegelten Toren wiederfanden. Mag sein, dass  Polen, Ukrainer, Rumänen und Serben das anders sahen, sie war jedenfalls patriotisch nach altem Muster, und es störte sie nicht, dass ihr Vaterland, wie sie es verstand, nicht mehr existierte. Die Macht und die Glorie waren dahin, aber du nimmst nichts aus der Welt, indem du Grenzen verschiebst und andere Fahnen hochziehst. Machst aus dem Polen in Polen nicht einen anderen und aus dem Tschechen in Praha nicht einen besseren wie vormals in Prag, baust neue Illusionen auf, wo der alten die Luft ausblieb und Realitäten zuließ. „Die Realitäten sind andere“, pflegte der Rittmeister zu sagen, wenn die Rede auf die Zukunft der Habsburger kam. „Das aber“, fügte Frau Maindl jedesmal hinzu, „ist gar nicht die Frage.“- An diesem Punkt hörten ihre Überlegungen in der Regel auf, und so hatte Betty es nie erfahren, welches nun eigentlich die Frage war. Ist es aber nicht schon von Gewinn, zu wissen, was nicht die Frage ist?

 

                                                              *

 

„Im Schlitten wär’s schöner.“ Filip breitete die Decke, die der Kutscher zurückreichte, auf den Knien aus, zog sie in Brusthöhe hoch gegen den Wind und in der Erwartung, die Körperwärme darunter aufstauen zu können. Der Kutscher hatte das schützende Verdeck über den Rücksitz gespannt, doch schützte es kaum gegen das Schneetreiben, das an jeder Ecke die Richtung zu ändern schien. Die Eiskörner schlugen aufs Dach, verfingen sich in der schwarzen Pferdemähne und machten sie schwer, verdampften auf dem glatten Rücken des Tieres, über dem der Kutscher seine kurze Peitsche spielen ließ, nicht unzufrieden darüber, noch am späten Nachmittag ausländische Fahrgäste gefunden zu haben, von denen, umgerechnet, gut das  Doppelte des üblichen Tarifs zu bekommen war. „Dreißig“, hatte er auf Deutsch verlangt. „Zwanzig“, Filip hielt ihm den Schein unter die Nase. Der Kutscher seufzte, griff nach dem Zwanziger und öffnete den Verschlag. „Bist auf sie angewiesen“, sagte er sich, lächelte den zwei Fahrgästen auffordernd zu, Herr endlich im eigenen Land und immer noch der Lakai. Eine Stunde lang wollten die Deutschen durch sein Tschernowzy kutschiert werden, das Judenviertel sollte dabei sein und die Residenz, die alten Kasernen und vielleicht, wenn der Sturm nicht weiter zunahm, auch die Habsburg-Höhe. Obwohl in Tschernowzy aufgewachsen und grundsätzlich dem Haus Habsburg gegenüber nicht feindseliger gestimmt als gegen die Romanows, vor allem wenn es dem Tourismus zuträglich war, wusste der Kutscher nichts von einer Habsburg-Höhe. Er dachte nach, fragte: „Austria-Platz?“ was Filip auch recht sein konnte, zumal Helen zustimmend nickte und nicht auf etwas bestand, was ihr ohnehin nichts sagte.

 

Der Russengaul trabte die Hauptstraße hinunter und klapperte ergeben die Hufe aufs Pflaster. Spürte die Peitsche über den Rücken streifen und wusste aus Erfahrung, wie wichtig bei der Kundschaft ein flottes Antraben war, das zudem durch die Hanglage der Straße erleichtert wurde, die zielstrebig zum Pruth hin abfiel, als freute sie sich auf die satten Sommerwiesen dort. Sie lief allerdings dem Sturm in die Arme, der,  gebündelt stadtwärts tobte, den Kutscher erbarmungslos überfiel und das Verdeck wegzureißen drohte. Die Judengasse zweigte rechts ab, und es schien, als hätten die geduckten Häuser hier schon immer ihre Not mit dem Ostwind gehabt, der über die flachen Dächer pfiff. Die Straße verästelte sich, wie es Filip schien, unaufhörlich, so als wollte sie, mit sich selbst und mit der Welt nicht ganz zufrieden, dem Wind ein Schnippchen schlagen. Vergeblich, wie zu sehen war. Die Kutsche schwenkte dreimal links und fuhr den Bahnhof, vom Sturm getrieben, aus der Flanke an. Hielt unter dem dürftigen Regendach des Hauptportals, was den Gaul, auf eine längere Wartezeit hoffend, dazu verleitete, ein Hinterbein zu entlasten und den schweren Kopf zwischen die Vorderhufe zu senken. Diese seltsamen Fahrgäste wollten jedoch weder zum Zug noch hatten sie die Absicht, den Kuppelbau zu besichtigen oder auch nur einen heißen Tee zu trinken. Es war nicht ersichtlich, was sie eigentlich vorhatten, denn von einem Vergnügen, bei diesem Wetter durch Tschernowitz zu kutschieren, konnte unter Menschen und Gäulen nicht die Rede sein.

 

Unwillig zog der Braune an, schleppte die Kutsche vor dem Wind den Hang hinauf auf die ehemalige Residenz der orthodoxen Erzbischöfe  zu, die mit Türmen und Türmchen, Prunkgiebeln, buntem Ziegelwerk, Kuppeln, Blendwerk und Zinnen, Torbögen, Simsen und Friesen, Kanten und Rundungen etwas zu repräsentieren vorgibt, das untergegangen ist ehe es anzukommen in der Lage war, und heute mit der Aufschrift „Universität“ über dem monumentalen Eingangstor nur ungenügend, wenn nicht gar unzutreffend gekennzeichnet wird. Nicht das immer wieder ergänzugs- und revidierbedürftige Wissen sollten diese dreifach geweihten Mauern ausstrahlen, sondern den Glauben und mit ihm das Gottesgnadentum, mit dem das zu überbrücken war, was sonst nicht vermittelt werden kann.

 

„Universität.“ Der Peitschenstiel schwenkte aus, umschrieb die Anlage, fasste Gott, Kaiser und Gelehrsamkeit in die ebenso stolze wie beiläufige Geste des Kutschers zusammen, der einen Blick über die Schulter riskierte, um zu prüfen, ob er etwas über das Baujahr oder die Baumeister hinzufügen sollte. Immerhin war hier der Prager Architekt Hlavka zu nennen und für die Innenausstattung der Professor Jobst aus Wien, und man konnte ja nie so richtig wissen, worauf die Kundschaft Wert legte. Dann aber strich die Peitsche doch wieder über den Pferderücken, weil jede zusätzliche Erklärung unangebracht und der Situation unangemessen schien. Was sagen auch schon ein Name oder eine Jahreszahl? Fällt dir ein Gesicht dazu ein oder irgendeine hundertfünfzigjährige Erinnerung? Mitunter erlaubte sich der Kutscher einen Spaß mit seinen Fahrgästen, indem er Namen und Städte beliebig

austauschte, Krakau statt Wien nannte, den Zaren Nikolaus für Franz Joseph einsetzte, ohne deswegen von den Fahrgästen jemals zurecht gewiesen worden zu sein. Nicht dass er den Respekt vor seiner Kundschaft verloren hätte - jeder kann schließlich sein Geld ausgeben wie er will, kann zuhören oder nicht, ukrainische Antworten auf deutsche Fragen erhalten oder umgekehrt. Es gibt solche und andere. Manche fotografieren alles, und manche machen sich zu allem Notizen – eben auch  falsche. Und nicht immer ist der Kutscher daran schuld.

 

Er nahm einen wärmenden Schluck aus seinem Flachmann und trieb den Einspänner an, der mit geheucheltem und gleichwohl erlahmendem Pflichteifer die hier wieder abfallende Straße hinuntertrabte. Überließ ihm die Richtung und nahm einen zweiten Schluck, spürte die Wärme im Bauch und wie sie aufquoll, die Ohren anheizte und in der Nase einen Schimmer von Glühweinpfeffer versprühte, schließlich auch in den Füßen kribbelte und sie schwer werden ließ wie eine Stunde vor Feierabend. Er war fröhlich und zum Singen aufgelegt, bis sein gewitzter Czernowitzer Einspänner an einer ihm wohlbekannten Ecke, in der sechs Gassen aufeinander trafen und nach einer möglichen Fortsetzung suchten, an den Stadtrand ausscheren wollte, zum Stall in Klokuczka hin, wo das Heu in der Raufe auf ihn wartete. „Willst dein Futter und lässt mich verhungern!“ zerbrummelte der Ukrainer seinen Fluch, riss am Zügel und schlug mit der Peitsche zu, nicht etwa kumpelhaft auf die Kruppe, sondern von der Seite unter den Bauch, wogegen jedes anständige Tier rebelliert, sei’s auch nur mit einem halben Aufbäumen in den Sielen oder mit einem bösartigen Schnauben, das sich anhört wie: So etwas tust du nicht wieder! Dem Kutscher war das nicht neu, er ließ die Peitschenschnur über die Pferdeohren pfeifen, um wieder einmal auch tierisch begreiflich zu machen, dass die Freiheit der Gäule begrenzt ist.

 

Filip und Helen wühlten sich aus ihrer inzwischen bis zum Hals hochgezogenen Langhaardecke hervor, um gleich wieder in ihre Geborgenheit zurückzusinken, nachdem sich Kutscher und Gaul einander wieder angenähert hatten, wie der ukrainischen Ausführlichkeit zu entnehmen war, die nach und nach verblubberte ohne zu verraten, an wen sie gerichtet war. Die Langhaardecke , eine Erfindung der Karpatenhirten, hielt Wind und Wetter stand und gab nichts von der unter ihr

angesammelten Wärme ab, wenn sie denn da war. „Kommst mir vor wie ein Drache“, verlachte Helen die weißen Atemwölkchen Filips und dampfte selbst aus Mund und Nase, drängte in seine Wärme, klemmte seine flache Hand zwischen die Schenkel, gab sich dem Rütteln der Kutsche hin, vergrub sich in die nach Rauch, Milch und Schafstall duftende Decke, fügte sich halb widerwillig und halb ergeben in den fremden Schutz. „Weißt nicht, was du willst“, murmelte sie halblaut in ihre weißen Atemwölkchen und schrie ihnen dann sogleich „o doch“ hinterher, und noch einmal für jeden hörbar: „O doch!“

 

Der Kutscher mag das als Zuruf aufgefasst haben, zumindest als einen Ausdruck der Freude, wenn nicht gar des Genießens, was ihm keinesfalls absonderlich vorkam, denn manche lieben den Winter und manche lieben ihn ausgerechnet in diesem heruntergekommenen Czernowitz, das gerade noch der zivilisierten Welt zugerechnet werden konnte und doch schon halb aus Europa herausgekippt war.  Die Siebenbürger Straße, in die der Wagen eben einbog, zog sich breit, gerade, und ausdruckslos hin, suchte schon den Weg aus der Stadt, obwohl sie doch, genau genommen, nirgends hinwollte und auch nirgends ankam.

 

Rechts schob sich der Volksgarten heran, links gegenüber die Kaserne der Einundvierziger, des einstigen Czernowitzer Hausregiments Erzherzog Eugen, etwas weiter die Straße hinunter die Kavalleriekaserne – beide auf den ersten Blick unverändert, geradezu unversehrt, noch immer auf gewisse Weise bedingungslos vaterländisch, denn nur die Fahnen wechselten, nicht der Unfug. Auf die 41er Infanteristen des Kaisers folgten die 8er Jäger des rumänischen

Königs, sowjetische und ukrainische Regimenter unter kommunistischer und republikanischer Fahne lösten einander ab, vereidigt mit und ohne Gottes Hilfe in drei Sprachen und jeweils zum Schutz der Heimat verpflichtet. Die Grenze  war nahe, und nicht nur die Vaterländer, sondern auch die Völker erwiesen sich als austauschbar. Juden zogen zu und wurden deportiert, Deutsche wurden angesiedelt und vertrieben, Polen sickerten ein, die Ruthenen vermehrten sich, und die Rumänen weideten ihre Schafe mit so großer Gelassenheit in den Flusstälern, als hätte der liebe Gott als erstes das Schaf erschaffen. Sie dienten in allen Heeren, gelegentlich sogar im eigenen, und waren doch immer nur Hirten und nie Söldner, immer auf der Suche nach Weideplätzen und Legenden, und auch ein wenig nach sich selbst.

 

Der Kutscher machte verständlich, dass weitere Kasernen in der Nähe lagen, auf der anderen Seite des Volksgartens, bei den Friedhöfen, drüben in Rosch. Mochten die sich doch ansehen, was übriggeblieben war  von den Österreichern. Nicht einmal ein Stiefelabdruck auf dem Kasernenhof, kein nachhallendes „Habt Acht“. Verklungen waren die teutonischen Märsche, die Trommelwirbel erstorben, der Fahneneid verhaucht, die Denkmäler gestürzt. Mochten sie nach historischen Krümeln suchen, die Geschichte dreimal durchs Sieb werfen und dreimal die Gerechtigkeit – sie werden heimfahren mit Krümeln im Gepäck, und möglicherweise werden sie wiederkommen als Gäste und wieder den Einspänner für eine Stunde mieten. Die Kutsche wird vor dem Bahnhof stehen oder auf dem Ringplatz, und die Stadt wird noch immer ukrainisch sein. Das ist immerhin beruhigend, und vielleicht ist es auch gerecht.

 

Filip fotografierte Kutsche und Kaserne, ließ wenden und auf das Hotel zuhalten. Entließ dort den Kutscher, der die Mütze zog, den Schnee von der Langhaardecke klopfte, geschäftlich und patriotisch nicht unzufrieden mit dem Tag, wenngleich ihm das eine mit dem anderen nicht ganz verträglich schien. Machst nämlich das käuflich, wofür du sonst zu sterben bereit bist. Aber war das alles nicht ohnehin ein Schwindel?

 

Filip hatte zu einem Tee mit Rum in der Hotelhalle eingeladen, als Endpunkt der Winterreise durch Czernowitz, wie er die Fahrt bezeichnete, und über die noch zu sprechen sein würde. Man könnte sie auf dem Stadtplan nacherleben, sie mit einem Stift hineinzeichnen in das Straßengewirr, besondere Punkte ankreuzen und im Stadtführer nachlesen was ausgespart geblieben ist. Die Kirchen vielleicht, die Synagogen, die Schnapsbrennereien in Storozynetz, das Theater oder doch die Friedhöfe. „Am besten, wir fragen unseren Herrn Roth morgen im Café“, scherzte Helen. „Nicht vor elf“, lachte Filip und spielte damit nicht nur auf die Behäbigkeit des Chotiners an, sondern auch auf die eigene Bequemlichkeit, die mit jedem Tag

zunahm und die er damit zu rechtfertigen suchte, dass in dieser Stadt ohnehin nichts zu versäumen war.

 

Später wird sich Filip fragen, wie es in Czernowitz ohne diese Kutschenfahrt  gewesen wäre, wenn es an diesem Tag nicht gestürmt oder die Langhaardecke weniger Schutz geboten hätte? Wenn Betty sie in der Hotelhalle abgefangen hätte, ausgehfertig und möglicherweise mit Eintrittskarten zu einer Folkloreveranstaltung in der Tasche, oder Helen, sagen wir mal, lieber in die Buchhandlung gegangen wäre? Was alles muss  zusammentreffen, um jene Stimmigkeit auszulösen, die frei macht für einen Abend wie für ein ganzes Leben? Du prüfst nicht mehr, stellst keine Fragen, bist nicht auf Versprechungen aus, willst nichts über die Vergangenheit des Anderen wissen, stellst keine Vergleiche an, nimmst und gibst mit Händen, Lippen und Leib. Siehst das Wasser aus der Brause fallen, auf Schultern und Schenkel, es fließt in ihrem Haar, stürzt über die Schultern. Drängst dich in den Strahl, stemmst dich in den anderen Leib, das Wasser ummäntelt  Nacken und Rücken, fängst es auf und staust es in der überquellenden Handschale. Trittst nasse Spuren in den roten Läufer, die Haut dampft und du kühlst sie auf dem Linnen. Sie wartet, öffnet sich, liebt und sagt es, sagt es zum ersten Mal und sagt es wieder. Will, dass er bleibt und sie nimmt.

                                                                                                                         

Helen wird sich später fragen, warum es ihr nicht in den Sinn gekommen ist, mit ihm zu gehen. Wann sonst folgt eine Frau dem Mann, und was verbindet mehr als die Auflösung des Eigenen in der Umarmung? Weißt nun, das Glück ist wirklich, und es hat einen Namen. Es befreit. Nie warst du so unerreichbar für gesellschaftliche Zwänge und aufgeschwatzte Nöte. Das Leben hat seinen einfachen Sinn, und es ist nicht das gelernte Recht, was dir weiterhilft, nicht das Kruzifix hinter der Stirn, das vorgibt was zu tun ist. Fragst nicht mehr und hast keine Zweifel –  das Glück besitzt dich, quillt über ohne zu sättigen und bebt noch in der Ermattung. Willst es hinausschreien und doch für dich allein behalten, umschenkelst es schamlos und streitest alles ab, was es geringer machen könnte, verwirfst was als klug gilt, denn es ist dieser Moment, der dir ganz gehört und nicht einlösbar ist mit der Weisheit der Alten. Sie kommt pubertären Irrläufen gleich, die sich unter der Hirnschale abspielen, vom Trieb gejagt, verworren, gehetzt und allen Halbheiten der Unreife

ausgeliefert. Die Liebe ist anders, und jede Frau misst ihr Leben am Glück. Es verfügt über sie, lässt sie ausschweifen, treu sein, aufblühen oder verkümmern. Die Erreichbarkeit des Glücks ist nicht bestimmbar, noch das Maß oder Unmaß, das einer Frau zusteht, auf sie zukommt und zurücklässt. Glück kannst du nicht stückeln und nicht konservieren. Es überfällt dich oder es übergeht dich und du weißt nicht wieso. Redest dir dann wie Betty ein, Glück sei nichts weiter als Selbstbetrug. Es ist aber wirklich und unwirklich zugleich, und es macht jeden verrückt.

 

                                                              *

 

Am nächsten Morgen stürmte es noch immer, und es schien, als würde der Wind, weil ihm nichts Besseres einfiel, den spärlichen Schnee nun aus der Gegenrichtung aufwirbeln und vor den Häusern gegenüber aufhäufen. Straßen und Dächer lagen wie blankgescheuert unter dem niedrigen Himmel, und nur an einigen Stellen überzogen weiße Schneezungen das Straßenpflaster, als müssten sie das vollmundige Gehabe des Sturmwindes rechtfertigen. Der Ringplatz neigte sich wie sonst beharrlich dem  Pruth zu, der hochmütig an der Stadt vorbeizog, was diese nicht daran hinderte, sein Regen- und Schmelzwasser und was sich sonst noch flüssig entsorgen ließ den Hang hinunter zu spülen. Einmal, so ist befürchten, wird die ganze Stadt zur Schneeschmelze hinuntergleiten und über den Rand kippen. Genaue Vermessungen, daran zweifelte kaum einer in Czernowitz, hätten zuverlässig das Abrutschen der Stadt zum Pruth errechnet. Seit dem Abzug der Österreicher aber werden solche nicht mehr vorgenommen, und so besteht weder Anlass zur Sorge noch dazu, das tun zu wollen was andere meinten tun zu müssen. Auch wenn Zahlen nicht zu widerlegen sind, so müssen sie doch nicht die letzte Weisheit sein in einer Welt, die sich um die eigene Achse dreht, nur weil sie den Schwung raushat.

 

Es mag halb elf gewesen sein, als sie das nur mäßig besuchte und von frühen Rauchern leicht durchqualmte Café betraten, wo sie bereits als bekannte Gäste galten und ein reservierter Tisch auf sie wartete. Betty ließ sich vom Kellner aus dem

Mantel helfen, während Helen ihre für den russischen Winter etwas zu leichte Jacke mit jener schönen Selbstverständlichkeit Filip in den Arm legte, die sich nicht erst erklären muss. Wie sonst umstanden vier Stühle den Tisch, heute aber räumte der Kellner schweigsam und beinahe verstohlen einen zur Seite. Bettys Ordnungsliebe wehrte sich gegen die Lücke. Sie winkte Kellner und Stuhl zurück mit der Begründung, dass ja vielleicht Herr Roth noch dazukomme. „Herr Roth kommt nicht mehr“, entgegnete der Kellner in seinem kargen und etwas spröden Deutsch. „Er wird doch nicht krank geworden sein“, warf Betty unbedacht hin und verbiss sich eine Bemerkung über die vorbeugende oder doch konservierende Wirkung von Naphtalin. „Er ist tot, gnädige Frau.“ Der Kellner spreizte die Hände ab wie jemand, der befürchtet ein Spielverderber zu sein, der sich zu einer Wahrheit verpflichtet fühlt, die noch zu frisch ist um zumutbar zu sein, zu brutal in ihrer Endgültigkeit. „Gestern“, so berichtete der Kellner, „er saß da wie immer, nur dass er eingenickt war. Er schlief sonst nie im Café, aber wer denkt dabei schon ans Schlimmste. Eine ganze Weile saß er so da und schien zu schlafen, bis das Mädchen den Tisch abräumte und sah, dass er mit offenen Augen schlief.“ Seine Angehörigen hätten sich dann um das Weitere gekümmert. „Er war ein guter Mensch“, sagte der Kellner abschließend und fügte erklärend hinzu: „Er war mein Kunde.“ Das mag nachträglich mehr verbinden als es bis dahin wahrgenommen wurde, weil das Alltägliche Beständigkeit vortäuscht und sein matter Glanz nicht weiter auffällt. „Kunden aber sterben nicht“, lächelte der Kellner, „sie bleiben eines Tages weg.“ Fragte, ob er das Gleiche wie letztes Mal servieren dürfe.

 

„Irgendwie ist hier jeder ein Philosoph“, bemerkte Helen, sichtlich darum bemüht, keine Sentimentalität aufkommen zu lassen, denn gerade das hätte dem Herrn Roth, wäre er befragt worden, am wenigsten zugesagt. Die kleine Tafelrunde aber blieb überschattet, und die fröhliche Unbekümmertheit der Vortage ließ sich nicht anstandslos fortsetzen. „Du verdrängst nicht mit dem Verstand, was im Gemüt vorhanden ist“, wandte Filip ein und wusste zugleich, wie unpassend jeder Erklärungsversuch vor dem düsteren Hintergrund sein musste. „Es stirbt etwas in dieser Stadt aus, was seltsamerweise nicht mehr zählt und dennoch fehlen wird.“ Helen nickte zustimmend über den Tisch: „Chotin und mich“, zitierte sie Herrn Roth, „gibt es genau genommen nicht mehr.“    

 

Wie gut muss man einen Menschen gekannt haben, um trauern zu dürfen, und wann lässt sich von jemand behaupten, ihn näher zu kennen? Betty schien dieser Herr Roth plötzlich näher zu stehen als der Rittmeister Maindl, dem sie immerhin in die Bukowina nachgereist war, wenn auch nicht gleich aus Verehrung so doch aus einer ebenso unmittelbaren wie verworrenen Anhänglichkeit, die sich, wie einzuräumen war, auf nichts weiter stützte, als auf die angestaubten und vielleicht auch ein wenig abgeschmackten Erinnerungen einer Kriegswitwe. Nie hatte sie gemeinsam mit dem Rittmeister Kaffee getrunken, und sie war sich keineswegs dessen sicher, dass er sie, hätte es je Gelegenheit dazu gegeben, beachtet hätte. Er war ein Phantom im Bilderrahmen, hatte keinen Geruch und keine Gewohnheiten, schneuzte sich nicht und wechselte nicht die Socken.

 

Der Kellner brachte den Kaffee, zeigte sich mitfühlend und war es wohl auch. „Er wird schon heute beigesetzt“, teilte er mit. „Auf dem katholischen Friedhof.“ Die Überführung nach Chotin wäre umständlich und käme teuer, die polnischen Verwandten hier aber seien katholisch, und heutzutage nehme man die religiösen Sachen ohnehin nicht so genau. Er selbst hätte den Herrn Roth übrigens für einen echten Czernowitzer gehalten, und seiner Meinung nach war er das auch. „Haben Sie sonst noch einen Wunsch?“

 

Betty wollte wissen, was Herr Roth in der Regel bestellt hätte. Wiener Milchkaffee sei’s meist gewesen, hörte sie, dazu ein Brezel und die Zeitung. Geschwärmt hätte er allerdings von den Sachen, die früher in Friedmanns Garten serviert worden wären und, weiß Gott warum, in Vergessenheit geraten seien. Piroggen und heißer Malaj aus Maismehl, und insbesondere Tocz – eine Art Kartoffelpuffer, in der Röhre knusprig gebacken und mit saurer Sahne serviert, hier Schmetten genannt, was kaum noch einer weiß. „Es gibt Sachen, die kommen nicht wieder“, bedauerte der Kellner. Er empfahl die noch warmen Brezel des Hauses und noch vor dem Kaffee eine Runde Pflaumenschnaps, heiße Tzuika,  dampfend, leicht gesüßt, verwirrend im Duft und gegen jede Traurigkeit zu empfehlen.

                                                                              

Sie fügten sich der Empfehlung, und so entglitt ihre Klage über den plötzlichen Verlust, noch ehe sie geäußert war, in einen Zustand fast wohliger Ergebung ins Unvermeidliche, und es kam ihnen vor, als hätten sie sich auf diese Weise der Hinterlassenschaft des Chotiners grundsätzlich und mit Takt angenähert.

 

Alls sie am Nachmittag zu den Friedhöfen hinausgingen, war es ihnen als fügten sie sich ins Eigentliche, das sich für den anderen wie für sich selbst tun ließ mit Würde. Der Wind pfiff vor der Stadt noch ungestümer, riss Zweige von den Bäumen, rannte gegen die Grabsteine an als hätte er vor, sämtliche Symbole des Glaubens, Leidens und der Auferstehung zu zertrümmern, die aufgesetzten und eingemeißelten Kreuze, Kelche und Dornenkronen aus Stein und Gedächtnis zu löschen, nichts anderes als Verwüstung zu hinterlassen wie gegenüber auf dem jüdischen Arreal, wo umgestürzte Grabsteine, geborstene Mausoleen und aufgebrochene Gruften die Endgültigkeit des Zerfalls schweigsam erlitten.

 

Nichts wies auf ein Begräbnis hin. Der Sturm blies für sich allein über den Gottesacker, torkelte wie ein betrunkener Berghirte über die Grabhügel, lärmte und war doch nur ein schwächlicher Vetter im Vorhof des russischen Winters. Betty aber sank, wie am Vorabend des Jüngsten Gerichts, schuldbewusst in sich zusammen und erklärte sich nicht bereit, auch nur noch einen Schritt weiter zu gehen, der göttlichen Gerechtigkeit entgegen, die auch den Besten unvorbereitet trifft. „Siehst keinen außer uns“, sie drehte sich einmal um die eigene Achse. „Machst eine Reise zum Vergnügen und stehst – ist doch irre - zuletzt am offenen Grab.“ Noch dazu bei diesem Wetter und getrieben von einer nachträglich entdeckten Sympathie für jemanden, den man bei Lebzeiten übersehen hätte und auch übersehen hat. Es wäre, zürnte sie, der krampfhafte Versuch, den blanken Unsinn in eine Sensation umzumünzen, an einem Tag, der sonst nichts hergab außer heißer Tzuika am Ringplatz, und der für sonst nichts gut war, als zum Schreiben von Ansichtskarten mit lieben Grüßen aus der Fremde. Schritt dann doch den anderen hinterher, war gekränkt, weil niemand auf sie Rücksicht nahm, fror und bedauerte trotz allem den armen Herrn Roth und fand es dann wieder tröstlich, dass er friedlich beim Kaffeetrinken in die Ewigkeit hinübergewechselt war und ihm die Rückkehr nach Chotin erspart blieb. Es sei vielleicht ein klein wenig pharisäerhaft, schalt sie sich im Stillen, aber in Salzburg sein Leben zubringen zu dürfen, und sei’s auch nur am Rande, kam ihr als göttliche Gnade vor, die einem ja immer unverdient zuteil wird.  

 

Helen, auf dem leicht ansteigenden Kiesweg vorausgegangen, winkte sie an zwei frisch aufgeworfene Grabhügel heran, braune Erde, mit den gleichen vom Wind zerzausten Papierblumen sparsam geschmückt, noch ohne Stein und Namen, Gott empfohlen. Endstation. Es war nicht feststellbar, ob man Herrn Roth hier beigesetzt hatte, es war aber auch nicht auszuschließen, und so verweilten sie schweigend vor beiden Grabstellen, reihten die knappen Erinnerungen an ihn aneinander, die Zufälligkeiten aus drei mehr oder weniger gemeinsamen Tagen, Erfreuliches und Widerwärtigkeiten, Beiläufiges und Anrührendes, Vertrautes und Kurioses überdeckt von einer späten, wenn auch flüchtig bleibenden Einsicht. Wie wichtig mag es da schon sein, ob es das richtige Grab auf dem richtigen Gottesacker war? Lag nicht ein Sinn im Widersinn, dass ein Jude aus Chotin auf dem katholischen Friedhof in Czernowitz bis zum Jüngsten Gericht mitten unter Christen ruht, das Gesicht, wie die anderen,  himmelwärts?

 

Filip griff einen Stein auf, um ihn, dem jüdischen Ritual entsprechend, auf Herrn Roths Grab zu legen, und geriet in Verlegenheit darüber, auf welchen der zwei Grabhügel der Stein gehörte. Schließlich legte er den Stein zwischen die Gräber, für den Herrn Alfred Roth und auch für den Unbekannten, und zugleich für alle Entschlafene und Ermordete, Gefallene und Hingeraffte, Gläubige und Ungläubige, Feinde und Verbündete, Sieger und Unterlegene, Hingerichtete und Vergaste, Verscharrte und Verbrannte, Täter und Opfer, Siedler und Verjagte, Verkümmerte und Gepriesene, Beweinte und Verhasste, für die Geschändeten, Vergessenen und Namenlosen – für die Tiere auch und die Bäume und jedes Blatt im Winterwind. Für den Honvéd Franz Potichen, den Fähnrich und den Rittmeister, für Katharina und Frau Maindl und alle, die das Gesicht himmelwärts und Erde in den Augenhöhlen zerfielen, aus der Welt abgeräumt, Stolz und Leidenschaften abgeblättert, Pein und Verletzbarkeit zerronnen wie Salz im Wasser. Die auf alten Fotos gezeigte Würde, die liebgewordenen Gewohnheiten, geheimen Wünsche, alle Strebsamkeit und Gier und das kleine Selbstgefühl, das sonntags in der Kirchenbank der öffentlichen Prüfung standhielt abgespult nach einem nicht veränderbaren Gesetz, ins Erdreich versunken und, wenn’s hoch kommt, mit einem Kieselstein bedacht aus fremder Hand auf einem fremden Friedhof.

 

War es die nicht bestimmbare Stunde des Abschieds? Mehr erahnt als vorsätzlich, durchmischt von Ermüdung, Schwermut und einer schrumpfenden Sinnsuche, die in der Summe historischer Unwägbarkeiten umherirrte und aufgegeben hatte. Als Filip den Stein am vermeintlichen Grab eines angeblich echten Czernowitzers ablegte, hatte er damit, ohne es zu wissen, den Endpunkt seiner Reise markiert. Hinter diesem nicht näher bestimmbaren Grabhügel in Czernowitz war nichts mehr erkennbar, auf das er zugehen zu müssen glaubte. Es bringt dich nicht weiter als bis zum nächsten unbestimmbaren Grab, und du begreifst, dass  mehr nicht zu erfahren sein wird und dass vielleicht gerade das so unwichtig nicht ist.

 

Sie verließen den Friedhof, und mit einem halben Schauder hinter einem halben Lächeln bemerkte Betty: „Könnte Herr Roth uns jetzt sehen, er würde verbindlich lächeln und zur Seite rücken, um für uns Platz zu machen.“

 

                                                            *

 

Der Zug nach Lemberg fuhr vormittags um neun. Filip hatte sein Gepäck bereits ins Abteil gebracht und war noch einmal zu Helen auf den Bahnsteig hinausgetreten, nahm sie in den Arm, zärtlich und doch schon mit einer gewissen Abwesenheit, die sich gegen allen Widerstand aufbaute. Das Gespräch, als wäre bereits alles gesagt, träufelte spärlich, jedes Wort aber tat gut und war in seiner Belanglosigkeit doch entbehrlich. Er versprach, ihr zu schreiben und sah immer wieder auf die Uhr, als befürchte er eine verspätete Abfahrt. Doch der Zug fuhr pünktlich. Helen schritt neben dem Wagen her, winkte. Bis ans Bahnsteigende war Helen dem Zug gefolgt, der fahrplanmäßig und unbeteiligt alles davontrug, was zu halten und zu behalten wert gewesen wäre. Musst dich trennen, um zu wissen, wie sehr du den anderen brauchst, den einen. Wie weit weg war das Kriegsjahr 1914, als alle noch meinten, es würde gut ausgehen, die Männer würden heimkehren, den Sieg im Tornister, die Taperkeitsmedaille auf der Brust, geachtet in der Gesellschaft und der Schuljugend ein Vorbild. Helen erfuhr auf dem Bahnsteig in Czernowitz, dass sie sein konnte wie die Frauen von 1914, töricht, ergeben, auch nicht ein bisschen emanzipiert und in allen Dingen unmaßgeblich.

 

Filip sah Helen auf dem Bahnsteig zurückbleiben und entschwinden. Er blieb am Fenster, als könnte er damit  den Abschied hinauszögern, den Abstand vermindern, der sich auftat und hinter dem Zug wuchs. Ein freier willenloser Mensch war er, und er befürchtete, in eine lange Einsamkeit hinaus zu fahren. Die Bilder, die draußen vorüberzogen, waren inhaltsleer. Bäume, Häuser, Industrieanlagen, Dörfer, Bahnhöfe, Schutt und Schnee. Es war nicht mehr eine Reise in die Geschichte, und er befand sich nicht mehr auf der Suche nach sich selbst. Entfernte ihn der Zug nicht geradezu von sich selbst? Hatte nicht erst Helen den schönen und den gewöhnlichen Dingen einen Namen gegeben, den Tagen ein Gesicht und den Nächten ihre Fülle? Seine Spurensuche auf den galizischen Schlachtfeldern war erblindet, der San war ein Fluss wie jeder andere, der Uschoker Pass eine nur mäßig aufregende Berggegend, und die Festung Przemysl war zu einer ruhmlosen Legende militärischer Einfältigkeit herabgesunken. Zu dieser Einsicht war Filip nicht im korrekten historischen Nachvollzug gelangt, sondern durch die Nähe einer Frau, die keinen Zugang hatte zur Dimension der geschichtlichen Ereignisse. Dort, wo die Antworten ausblieben, setzte sie ihr Ja für das ein, was das Leben zuspielt und im Annehmen stimmig wird. Uns hilft nicht das weiter, was wir wissen, sondern das, was uns innerlich aufbricht, zugänglich und frei macht. Vielleicht ist die Wahrheit kein Maß für die Geschichte, und vielleicht ist es das, was von ihr zu lernen wäre. Die Wahrheit ist bis zuletzt immer nur individuell erfahrbar, und vielleicht überdauert sie nur im Verzicht.

 

Es war nicht mehr Filips Richtung, in die der Zug fuhr, schicksalhaft aber ergab er sich der fahrplanmäßigen Weiterreise. Während er Helen innerlich festhielt und sie nicht preiszugeben bereit sein konnte, nahm der Zug an Fahrt zu und rollte so zielstrebig aus dem ehemaligen österreichischen Kronland Bukowina hinaus, als käme es darauf an, sich schnell und möglichst endgültig aus ihm zu entfernen.

 

 

Tags: 

Erster Weltkrieg, Erzählung, Österreich, Ukraine, Galizien

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