Immer, wenn Rosemarie das Bild gegenüber von ihrem Bett betrachtete,
wünschte sie sich, sie würde in einem solchen Zimmer wohnen, wie
es dort abgebildet war. Sie konnte beinahe fühlen, wie warm es darin war,
wie die Sonne, die durch das Fenster fiel, ihr Gesicht, einer Flut warmen Wassers
gleich, umspülen würde.
Rosemaries Zimmer war kalt und kahl, die Vorhänge des einzigen Fensters
waren zugezogen, als wollten sie alles Leben aussperren. Lediglich das Bild
schien ihr die Tür in eine andere Welt zu öffnen. Rosemaries Blick
war, sofern sie wach war, immer auf dieses Bild gerichtet. Sie stellte sich
vor, sie könnte in es hineingehen, das Zimmer durchschreiten, sie würde
das Fenster öffnen, die frische, von Blütenduft erfüllte Luft
riechen und die ganze Schönheit jenseits des Fensters erblicken.
Sie drehte sich schwer in ihrem Bett, das wie unter Protest quietschte, holte
tief Luft und setzte sich auf. Vor Anstrengung lief ihr Kopf rot an, als
sie versuchte, ihren Blickwinkel zu verändern, um aus dem Fenster im Bild
sehen zu können. Es gelang ihr nicht, aber sie wußte auch so, was
sie sehen würde. Auf der von Blumen übersäten Wiese unter dem
Fenster stand ein Baum, dessen Blätter sich in einem warmen Sommerwind
bewegten, als würden sie sich im Takt eines ewigen Liedes wiegen. Der
Himmel war endlos blau und so hell, dass man die Vögel, die vorbeiflogen,
kaum sehen konnte.
Als die Schwester kam, schlief Rosemarie. Sie merkte nicht, wie ihre Infusion
gewechselt wurde und die Schwester ihr zärtlich über ihren heißen
Kopf strich, bevor sie das Zimmer wieder verließ. Sie hörte auch
nicht den Arzt, der kurze Zeit später der Schwester mitteilte, dass sie
keine weitere Infusion mehr anzuhängen brauchte, dass es bald zu
Ende wäre.
Rosemarie stand auf, sie schwebte wie eine Feder über den kalten, glatten
Boden hinüber zu dem Bild, das sie so liebte. Sie betrachtete es mit den
Augen eines Kindes, das glaubte, in diese andere Welt eintauchen zu können
und streckte ihre Arme danach aus.
Als wenig später ein Arzt das Zimmer betrat, um nach Rosemarie zu sehen,
fand er sie tot. Er schloß ihr die Augen, die so glücklich strahlten,
als würden sie ein Wunder erblicken. Als er ging, bemerkte er nicht, dass sich
das Bild an der Wand verändert hatte. In dem in ein warmes Licht eingehüllten
Zimmer auf dem Bild stand am Fenster eine junge Frau, deren Haare sich im
Wind bewegten.