Nachdem uns über Weihnachten sämtliche öffentlich
rechtlichen Fernsehanstalten wie jedes Jahr ausufernd darüber aufgeklärt
hatten, wie schlimm der Krieg war, war es endlich so weit: Das ZDF servierte
Troja! Was ja nichts mit Krieg zu tun hat, sondern ein Heldenepos ist.
Und die Geschichte ist ja eigentlich ganz einfach.
Angenommen, Agamemnon ärgert Memmen. Zack, bricht der Krieg aus.
Dafür wird natürlich ein charismatischer Freiheitskämpfer
gebraucht. Weil jetzt aber Che Guevara, ähm, verhindert war, griffen die
Griechen auf Achilles zurück. Achilles hatte sich bereits einen gewissen
Kultstatus erarbeitet, und so konnte die gesamte Staffel von Griechenland
sucht den Superhelden übersprungen werden und er hatte den Job.
Achilles, im Film dargestellt von Brad Pitt und einem
Bodydouble mit strammen Schenkeln, lässt den Zuschauer bei jeder passenden und
unpassenden Gelegenheit wissen, dass er keinen anderen Gedanken kennt, als
später, in tausenden von Jahren, an jedem humanistischen Gymnasium der Welt
Erwähnung zu finden. Dafür lebt er, und dafür wird er sterben. Hach!
Man möchte ihm sagen: Ach, Achill, chill!, aber er hört ja
sowieso nicht. Es gibt Dinge, die ein Mann tun muss. Zum Beispiel einer
narzisstischen Neurose folgen. Und Achill muss nach eigener Aussage noch mehr
als alle anderen Männer. Nun gut. Auch das gehört bei einer narzisstischen
Störung dazu.
Er zieht also für uns in den Kampf. Damit wir was zu gucken
haben. In epischer Breite bekommen wir einen Heldenmythos erster Güte serviert.
Troja, dass ist wie Herr der Ringe ohne Hobbits, wie Gladiator ohne Cäsar (
der Soundtrack aber war glaub ich derselbe ), wie Star Wars ohne R2-D2.
Einfach nur großartiges Gewimmel.
Wäre der Film nicht so
sandfarben, man könnte sich an die Hong Kong Ästhetik erinnert fühlen, in der
porzellanhäutige Helden noch immer von Ehre sprechen, wenn sie schon von so
vielen Pfeilen durchbohrt sind, dass selbst Boromir längst tot am Boden
läge.
Aber wir haben es mit Achill zu tun, und mit seinem
Gegenspieler Hektor, der nur erschaffen zu sein scheint, um die unbedachten
Missetaten seines triebgesteuerten kleinen Bruders Paris wieder auszubügeln.
Hektor häkelt hektisch seine Frisur, dann zieht er in den
Kampf. Denn die Prinzen von Troja tragen ausgefallene Flechtfrisuren, bei denen
man sich fragt: Was machen die eigentlich, wenn das Haar langsam lichter
wird? Wird dann um die Pläte drum herum geflochten, oder lassen Trojanische
Prinzen das Haar dann auf einer Seite länger wachsen, um es quer über die
glänzende Glatze zu flechten? Einerlei. Hektor möchte lieber Familienvater
sein und in Ruhe kahl werden, muss aber tun, was die Ehre ihm gebietet.
Und dann ist da noch Paris.
Tja. Paris also ist der klassische Jüngste. Der verwöhnte,
hübsche Paris, der sicher zu viele Liebesromane gelesen hat, die seinen
Charakter verdorben haben. Wären Die Leiden des jungen Werther damals schon
en vogue gewesen, er hätte sich sicher erschossen.
So aber raubt er die schöne Helena, die noch mit einem Ach,
das sagst du doch jeder! versucht, die Sache abzubiegen. Paris aber meint,
dass er es diesmal ernst meint. Und das nach einer Jugend, die vermuten lässt,
dass der Ausdruck Pariser für Verhüterlis von Paris abgeleitet ist.
Das Unglück nimmt also seinen Lauf.
Paris sieht nach dem Raub Helenas ein, dass die Sache doch
Ärger geben könnte und stellt sich in Anbetracht der Tatsache, dass die
Griechen mit tausend Schiffen über die Ägäis gekommen sind, um Helena wieder
bei sich im Vereinsheim aufzustellen, dem Kampf gegen ihren angetrauten Gatten.
Er hat eingesehen, das es sich hier um eine Geschichte zwischen zwei Männern
handelt. So, wie bei Hitler und Stalin.
Jedoch stellt sich die Sache mit den zwei Männern als falsch
heraus. Paris tritt zwar als Mann zum Kampf an, kriecht aber weinend vom Platz,
als er sich einen Fingernagel abbricht und der erste Tropfen Blut fließt.
Hektor muss wieder für ihn einspringen und so lernt Paris endlich Demut und
Bescheidenheit. Das tat weh. Auch Helenas Gatten, der nun tot am Boden liegt.
Die Griechen schreien nach Rache, Achill muss her. Und so
tötet Achill Hektor, der zuvor Achills Praktikanten getötet hatte. Auge um
Auge, lange, bevor das alte Testament geschrieben war.
Weil Hektor aber clever genug war, um zum Sterben vor die
Tür zu kommen, bleiben die Tore Trojas den Griechen immer noch verschlossen.
Daher greifen sie zu einer List, die heute noch jeder
Internet-User fürchtet. Sie installieren einen Trojaner in Form eines
wackeligen, sperrmüllreifen Holzpferdes und verstecken sich hinter dem nächsten
Busch. Während Paris zu bedenken gibt, dass man den Gaul noch nicht mal mehr
bei eBay los wird und besser gleich verbrennen sollte, glaubt ihm, der sich als
gefühlsduseliger Warmduscher unter den Kriegern disqualifiziert hat, kein
Mensch mehr.
Die Trojaner halten den Holzgaul für ein Abschiedsgeschenk
der scheinbar geflohenen Griechen und zerren ihn in die Stadt.
Keiner wundert sich, warum das Teil so schwer ist, denn Brad
Pitt und seine Männer im Inneren ziehen den Bauch ein, um sich extra leicht zu
machen.
Tja. Fürchtet die Griechen, auch wenn sie Geschenke bringen!
Es kam, wie es kommen musste. Brennende Häuser, schreiende Frauen, weinende
Kinder, sterbende Männer.
Und mittendrin der große Showdown mit den zwei letzten Protagonisten,
die noch übrig sind.
Achill hatte für sich inzwischen romantische Ideale entdeckt
und rannte schreiend durch die sterbende Stadt, um sein Krösken zu suchen. Denn
sein Herz war entbrannt für die gekidnappte Cousine von Paris, die, wie jedes
gute Entführungsopfer in großen Epen, ein Stockholmsyndrom entwickelt hatte und
sich in Achill verliebt glaubte.
Paris hingegen hatte die von Achill fallen gelassenen Ideale
aufgeklaubt und war nun besessen von dem Gedanken, abzuwenden, dass er später
an humanistischen Gymnasien als romantisches Weichei Erwähnung finden könnte.
Er wollte jetzt ein Held sein.
Und so schoss er Achilles einen Pfeil durch die berühmte
Ferse, die ja nach ihm benannt ist. Also, die Achilles-, nicht die Parisferse.
Achilles fällt, nicht ohne seiner Angebeteten noch
pathetisch mitzuteilen, dass er bei ihr Frieden gefunden habe. Er, der große
Krieger.
Vielleicht ging er deshalb nicht mit seinem Ruhm, sondern
mit seiner verletzbaren Ferse in den heutigen Sprachgebrauch ein. Ob es genau
das war, was er beabsichtigt hatte, bleibt unklar.
Aber man kann sich eben nicht aussuchen, wofür man berühmt
wird.