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Sieben Wochen ohne?
49 Tage lang ohne das essentelle Element jugendlichen Lebens (neben Brot): YouTube, die interessanteste Einrichtung des 21. Jahrhunderts |
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| Hungerfantasien
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von: John Prolaps |  02.04.2009 08:11:22
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Die Zeit wird langsam knapp. Nur noch 9 Tage. 216 Stunden. Ob das genügend Zeit ist, um mich in einen komplett anderen Menschen zu verwandeln? Auf jeden Fall haben sich in den letzten 3 Tagen erneut einige Veränderungen deutlich gemacht. Nicht nur, dass ich mittlerweile die Augen vor Schmerz zukneifen muss, wenn Tubias in meinem Gehirn herumtobt, sonder auch, dass ich das erste Mal seit 5 Jahren wieder ein Kino betreten habe. Der Name des ohnehin eher anspruchslosen Filmes ist hier nicht so wichtig, da mich die gesamte Rund - Her - Rum - Atmosphäre des riesigen Kinosaals (in dem entschieden zu viele Menschen saßen) deutlich überfordert hat.
Es war eine enorme Umstellung für mich, in einer realen Schlange zu stehen um sich gegen Geld die Erlaubnis zu besorgen einen recht virtuellen Film angucken zu dürfen. Ich bin der Meinung, dass es immer noch um einiges Bequemer ist, auf einschlägigen Internetseiten durch einfache Mausklicks die Puppen tanzen zu lassen, ohne dabei anderen Mitparasiten in die Quere zu kommen. Der Service des Nahrungsverkaufes von klebrigem, leicht pappigem Poppcorn mit abgestandener Billigcola ist dann doch eher eines der ohnehin schon einsamen Highlights eines Kinobesuches. Vor dem eigenen Computer sitzt es sich außerdem weitaus entspannter, als in einer Reihre mit noch 40 anderen Mitguckern, denen ständig einfällt, sie müssten doch auf die Toilette gehen oder sich noch ein mal mit ihren Kollegen per Fernsprecher besprechen, da man ja "gerade im Film" sei und "die Präsentation schon fast abgeschickt" wurde.
Meine Nahrungsgewohnheiten, abgesehen von der einmaligen Einnahme von kinotypischem Fastfood hat sich doch ein wenig umgestellt, ich zähle mich zwar keineswegs zu den Vegetariern, die angeblich die Welt retten wollen, in dem weniger Fleisch konsumiert wird oder zu den Veganern, die nur Dinge essen, die vorher betäubt und aufgeklärt wurden über etwaige Erntemethoden. (Kartoffeln, Paprikas, Mais und Bohnen werden im demokratischen Dialog in schonenden Bedingungen aufgezogen und drei Tage nach dem Aufklärungsgespräch mit Biopsychologen von Jungsfrauenhand geerntet) Bei einem meiner zahlreicher gewordenen Ausflüge in die Bibliothek stieß ich auf ein neues Phänomen der neuzeitlichen Abstinenz, den Androgenismus. Diese, zur Zeit eher kleine Bewegung, verweigert sich der tierischen und der pflanzlichen Nahrung sowie dem Sauerstoff. Berichte über irgendwelche Erfolge dieser zu beneidenden Menschen gibt es zwar noch nicht, aber die Todesfälle sollen sich im Moment noch in Grenzen halten.
Ich nehme mittlerweile zwar erfolgreich Brot und Äpfel zu mir, die eine willkommene Abwechslung zu meiner eher monotonen Bildschirm-Nahrung darstellen, die sich aus wohlschmeckenden Fertiggerichten mit einer kleinen Prise Glutamat zusammen setzten. Vielleicht sollte ich mich auch zur militanten Bewegung der Fructuaner begeben, die ihr ganzen Leben einem einzigen Waldspaziergang widmen, um nach heruntergefallenen Nüssen, Beeren, Waschbärkot, Tannenzapfen, Brennnesseln und anderen fruchtig - wohlschmeckenden Dingen zu suchen, die eine Ernährung erlauben, die unserer Natur nicht im Geringsten wehtun wird. Insbesondere die Ausgewogenheit dieser Strategie, die den Körper mit Überdosen an Eisen, Vitaminen, Eiweiß und Zink kämpfen lässt, wird im Moment noch diskutiert, klingt aber deutlich spannender als der andere Kram.
Im Moment habe ich das Gefühl, dass ich gar nicht mehr sehen kann, ob überhaupt noch ein Lichtschimmer durch das kleine Loch an der Decke meines Silos kommt, da es sich unaufhaltsam mit Grünkernbratlingen füllt, die mir langsam aber sicher die Luft abdrehen. Vielleicht sollte ich doch einmal über den Androgenismus nachdenken, ich beginne manchmal zu zittern...eine Sauerstoffvergiftung?
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Tags: Sieben Wochen Ohne Hunger Veganer Vegetarier YouTube Muddi Waschbär Tiere Frieden Husten Kot
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| Nie wieder Durchschnittsmensch
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von: John Prolaps |  22.03.2009 20:02:35
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Noch 21 Tage. Drei Wochen. Noch 504 Stunden. Klingt irgendwie gar nicht mehr ganz so viel, je öfter man es umrechnet. Trotzdem können drei Wochen sehr lang werden. Insbesondere wenn man kleine Männchen im Schädel hat, die irgendwie angefangen haben, mitzudenken. Ich habe das Gefühl, als ob Tubias sich zum Herren über meine Gedanken aufgeschwungen hat. In den kleinen (irgendwie immer seltener werdenden) Pausen in seinem Repertoir an hämischen Gesängen, Sticheleien und allerlei Herummalträtiererei an meinen Gehirnwindungen kommt es mir vor, als ob jemand in meinem Kopf alles mitschreibt was ich denke.
An sich eigentlich kein schlimmer Gedanke, wird sich da der eingefleischte Internetbenutzer sofort denken, wenn es schon mal jemanden gibt, der sich merkt, wo und wann wir was gedacht haben, hat man doch die Königsklasse der selektiven Wahrnehmung erreicht. Doch genau das ist es, was mir fehlt. Die wunderbare, einfache Welt der Videos, in der man Erfahrungen wunderbar einfach und unkompliziert schnell kopieren und anschauen kann ist ein El Dorado für uns selektive Rezipienten der Welt. Die gut sortierte Welt der Bilder, die nach Stichworten ins Gedächtnis gerufen werden kann, schön sortiert nach sexueller Ausrichtung, Vorlieben und sogar kommentier- und bewertbar hat mir früher den Umgang mit allem so schön einfach gemacht. Damals wars...
Nachdem ich aus diesem nicht zwingend erbaulichen Tagtraum herausgeschlüpft bin stoße ich auf einmal wieder mit der realen Welt zusammen. Nicht in Form eines Kaugummiautomaten (vorvorgestern), eines kleinen Jungens der seinen Schuh verloren hatte (vorgestern) und auch nicht in Form einer leicht angetrunkenen Afrikanerin der neben der Orientierung auch ein Ohrring fehlte (gestern) sondern in der leicht riechenden Form eines Menschen. Ein Freund von mir, der in einem Finanzamt gerade ein Praktikum macht (er bereitet sich meiner Meinung nach auf ein lebenslanges Fasten in staubigen Großraumbüros vor) steht vor mir in der Schlange in einem kleinen, von europäischen Ausländern geführen Supermarkt und legt seinen Kram gerade wieder in den Warenkorb. (Noch so ein entpersonalisiertes Internetwort, das sich Herr Amazon einverleibt hat und kleine Kinder nun nicht einmal mehr wissen werden, was ein Einkaufswagen ist...)
Jedenfalls beginnt mein Freund mir einiges aus seinem beginnenden Beamtenleben zu erzählen. Ich höre ihm nicht so genau zu, da ich immer noch ziemlich mit dem Radau in meinen Gehirnwindungen zu tun habe, bekomme aber so viel mit, als das er sich ausschweifend über Büroklammern, eine sexuelle Beziehung zu einer jungen Buchhalterin (die ganz schön zu packen könne) und schwerer werdende Papierstapel ausließ. Trotzdem wurde mir dabei bewusst, dass selbst ohne Internet mein Leben nicht langweiliger war als das von offensichtlichen Durchschnittsmenschen (von denen ein Musterexemplar gerade vor mir gestanden hatte und Kohlrabi auf das Band legte). Ich begann mir seinen Kopf als den einer Ameise oder eines gelangweilten Emus vorzustellen, das gerade irgendwelche Formulare ausfüllt und dabei immer kleiner wird und nickte weiter zu den aufregenden Erklärungen von irgendwelchen Verwaltungstechtelmechteln.
Zu hause angekommen wird mir bewusst, das das vielleicht eine weitere Stufe auf der Leiter war, die bis jetzt immer nur nach unten geführt hatte. Ich kann zwar immer noch kein kleines, immer heller werdendes Licht am Ende meines Silos sehen, ich glaube aber, dass ich mich lange nicht mehr so gut gefühlt habe (jeden falls in den letzten 3 Wochen nicht)...
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Tags: Sieben Wochen Ohne Durschnitt Freund FInanzamt Leben Reise Fasten Hundekuchen Verwaltung Leberwurst
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| Im Käfig
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von: John Prolaps |  18.03.2009 17:09:10
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Ich bin offiziell ein Opfer des beginnenden Hospitalismus. Kein insolventer Anleger, kein Arbeitsloser, kein Leprakranker und erst rest kein Querschnittsgelähmter (der erst recht nicht) kann mir das Wasser reichen. Zumindest nicht auf der Skala des Leidens. Ich bin ein Kollateralschaden einer überzüchteten Gesellschaft, die sich in der Unterhaltung erstickt um Andere nicht mehr hören zu müssen. Ich fühle mich wie der berühmte Panter, dessen Blick an den Stäben seines Käfigen entlangwandert und der langsam aber sicheruf 12 Quadratmetern eingeht.
Ich gehe zwar nicht ein, jedenfalls nicht im wörtlichen Sinne, sondern ein Teil meines Gehirns verliert zunehmend die Luft. Im ersten Moment habe ich zwar Tubias im Verdacht, bin mir aber relativ sicher, dass er unverzichtbare Drüsen für Endorphine und ähnliche Belohnungshormone nicht zerstören würde. Trotzdem schaffe ich es nicht, die Anzahl der Gitterstäbe in meinem virtuellen Käfig endgültig festzustellen, ich verzähle mich immer wieder. Die Menschen mit denen ich in den letzten Tagen erfolgreich zu kommunizieren begonnen habe, umgarnen mich mit Wortgruppen, Fremdwörtern und interessant klingenden komplexen Satzverbindungen, die den eher visuell ausgerichteten Teilen meines Gehirns einige Arbeit bereiten. Vielleicht rutscht der kleine Mann in meinem Schädel ja auch dem da entstehenden Schweiß aus...
In der realen Welt, in der ich nicht die Macht habe, mit einer Bewegung des Mauszeigers oder Tasten Terrorvideos, diverse pornographische Machwerke oder Menschen, die sich bei der Reinigung von höchst schwer erreichbaren Körperteilen filmen, entstehen zu lassen, wird es zunehmend unübersichtlich. Der beginnende Frühling erwischt meine verkümmerten Sehnerven, die eigentlich nur auf ein Format von 20 Zoll und ein paar Tausend Pixeln ausgerichtet sind, an ihrem wunden Punkt. Sonenstrahlen mit der Intensität von reinem UV-Licht reizen meinen Augenhintergrund und lassen in meinem Denkapperat ein brennendes Gefühl zurück. Kein Vergleich zu der angenehmen kühlen, leicht feucht - vergammelten (hier: gut abgestandenen) Luft in meinem Büro, die mehrmals geatmet wurde und dementsprechend harmlos für den ahnungslosen Konsumenten ist.
Soweit also zu meinen kleinen Exkursionen in ungekannte exterritoriale Gebiete außerhalb meiner Wohnung in denen noch viel Land und Lebewesen zu entdecken sind. Ich verliere mich allerdings zunehmend in einer Welt ohne Informationen, in der mir höchstens extrovertierte Ökoterroristen, die Zeugen Jehovas, Philosophieprofessoren, Lateinlehrer und Finanzbeamte Beistand leisten würden. Wir könnten uns vielleicht immer Mittwochs und Freitags in einem Kreis des Schweigens treffen und halbjährlich Planspiele zum Thema "heile (langweilige) Welt". Wir würden uns Briefe schreiben, während wir uns gegenüber sitzen.
Tubias führt während dieser Überlegungen einen wahren Höllentanz auf und reitet auf allem herum was ihm zwischen seine kleinen Füße und seine kantigen Finger kommt. Ich fühle mich langsam nicht mehr wie ein Reisender sondern eher wie ein Märtyrer auf dem Weg ins Exil...
Noch 25 Tage. Noch nicht ganz die Hälfte vorbei. Wunderbar. Muss noch Briefpapier kaufen.
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Tags: Sieben Wochen Ohne Käfig Panther Alleine Isolation Birnen Stäbe Hospitalismus Opfer Fasten Tralala
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| Verbale Gehversuche
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von: John Prolaps |  12.03.2009 19:35:37
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Meine Knöchel tun mir weh. Ich habe heute minestens zehn mal gegen die Tür zu meinem Büro, die mittlerweile wie das goldene Himmelstor selbst leuchtet, geschlagen. Den Schlüssel besitzt zur Zeit allerdings eine Person meines Vertrauens. Wie viele Jahre bekommt man wohl für den Mord an Menschen, der langsam erwachsen werdenden den Zugang zur unbeschreiblichen Welt des Spaßes, der Freizeitbefüllung und der visuellen Berieselung verschließt? Ob es Menschen gibt, die bei google.de nach Bildern suchen und dann beginnen, ihren Bildschrim zu schütteln, nur damit sich irgendetwas bewegt??
Was mich im Moment bewegt, ist leider das zunehmende Volumen meines Körpers, da anscheinend extrem viel Fett über die Bewegung der Pupillen und das gelegendliche herabschnellen der Augenlieder abgebaut wird. Bei Videos von tanzenden Waschbären, hin und her wackelnden Politikern oder bei Flugzeugabstürzen funktionierte das wunderbar. Ich habe mindestens 5 Kilogramm zu genommen und auch der Umfang meiner Finger erhöht sich beständig. Kein Workout mehr im asdf und jklö Bereich, keine Spreizgriffe mehr und kein rythmisches Bewegen der Pfeiltasten für die feinen Muskeln im Mittelfinger. Um meine Suche nicht zu gefärden greife ich auf effektive sportliche Betätigung zurück, zumindest gedanklich, denn draußen hat die Luftfeuchtigkeit die 100 Prozent überschritten.
Tubias, der kleine Mann in meinem Kopf beginnt in diesen Momenten, in denen das einzig bewegliche an meiner Umgebung die Tropfen an der Fensterscheibe sind ein Schreikonzert. In meinem Gehirn (ungefähr zwischen Hippocampus und Stirnlappen) tauchen aufeinmal kleine Täler und Wände auf. Sie multiplizieren die Lautstärke seines Geschreis um ein Vielfaches und lassen meine Faust Richtung Tür und dann relativ schnell wieder zurück wandern. Mit diesem Geschrei im Kopf komme ich mir vor wie eine kleine Laborratte der gerade frisch das Fell rasiert wurde und die nun ganz langsam mit einer frischen Ladung Aftershave in irgendeinem Nivea-Forschungslabor angemalt wird. Ein Buch wäre vielleicht ganz Buch, eins zum Lesen, mit Seiten drin und 26 verschiedenen Buchstaben. Die gibts aber nur auf amazon.de und da ist der Weg zum Spaßportal relativ kurz. Zu leichtes Spiel für Tubias.
Ein gutes hat der latente Schrei nach Entertainment und konstanter Unterhaltung allerdings: ich beginne zu reden. Mit echten Menschen die man anfassen kann und die auf Reize, wie kleine Schläge in die Bauchgegend, Fußtritte und Papierkugelwürfe reagieren. Das Vakuum der herrenlosen Zeit, die mit nichts als abgestander Luft gefüllt zu sein scheint, beginnt langsam kleiner zu werden. (Einerseits mag das an meinen expandierenden Körperteilen liegen, andererseits sind Menschen vielleicht ganz gute Raumfüller, wie zum Beispiel Schränke oder Beistelltische)
Meine noch unbeholfenen Versuche der verbalen Kommunikation helfen mir dabei, die kreischende Stimme von Tubias aus meinem kopf zu vertreiben - nun ist er es, dessen Vakuum kleiner wird, da mein Gehirn zunehmend mit der Flut von Wörtern, Halbsätzen und sogar dem ein oder anderen Nebensatz überflutet wird und es langsam eng wird für meinen kleinen Mitbewohner.
Doch so langsam wird aus dem Schrei ein Zwicken...
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Tags: Sieben Wochen Ohne Gehen Sprechen Enthaltsamkeit Youtube
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