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Sex, Gewalt und unlautere Methoden

Autor: Radebrecht
Bewertung: 5,50 | 4 Stimmen
Beschreibung:

Radebrecht lobt und tadelt

 
Sommerablenkungen
von: Radebrecht |  09.05.2008 12:00:14
Sex, Gewalt und unlautere Methoden

Hach, war das wieder eine anstrengende Woche! Der Sommer kommt mit großen Schritten, wie immer verfolgt von den zwei Hauptverursachern schmerzhafter Begegnungen mit Laternenpfählen, Bauzäunen und -arbeitern: kurze Röcke und Heuschnupfen. Ich muss es einfach mal sagen, in dieser Jahreszeit ist es extrem kompliziert, ein Mann zu sein. Nicht, dass ich mich beschweren würde, keineswegs, aber das ewige Geschniefe und Geblinzel erschwert es unnötig, sich auf die vielen Zusatzzentimeter bloßen Beines zu konzentrieren, dass einem allenthalben entgegenstakst. Nö, da sitz ich doch lieber in meiner wohltemperierten Wohnung und lausche ebensolcher Musik. Heute mal aus Brasilien. Passt irgendwie zur Jahreszeit.
Selbstverständlich passt auch Grillen in die Saison, mir tropft schon ordentlich der Zahn. Das ist so eine Sache, zu der die sich meiner Ansicht nach ja sonst sehr ähnelnden Ansichten des Sachsen und des Thüringers deutliche Unterschiede aufweisen. Zum Beispiel sagt der Thüringer „Rost“ und meint damit sowohl den gesundheitsfördernden, schmutzigroten Belag, der im Laufe der Skisaison auf dem Grillgitter gewachsen ist, als auch das Gitter als auch das ganze Gerät. Verwirrend, ich weiß, aber so ist es nunmal. Leider gibt es jenseits der sprachlichen Verwirrung noch einen wesentlicheren und höchst beklagenswerten Unterschied: das Grillgut des Dresdners. Ich weiß nicht, ob es nur eine unangenehme Marotte meines versifften Freundeskreises ist, oder ob der hauptstädtische Sachse im Allgemeinen zu diesen eklen, mit roter Suppe eingeschweißten Schweineresten greift, um damit ehrliche Holzkohle zu beleidigen und sich selbst der doch angeblich unantastbaren Menschenwürde zu berauben. Leicht deutet sich‘s mit fettigem Finger auf die Supermärkte, die diese vakuumverpackten Verbrechen gegen Tier und Bier massenweise zu Schleuderpreisen anbieten, doch als ich letztens beim Fleischer anstand, sah ich jede Menge leckersten Schweinekamms ausliegen, auch Senf, Pfeffer, Salz, Zwiebeln und Pils sind jederzeit wohlfeil erhältlich und das Zusammenbringen dieser Grundzutaten ist nun beileibe keine schwere oder komplizierte Angelegenheit. Weder künstlerische Veranlagung, noch abgeschlossenes Hochschulstudium sind von Nöten, einfach schneiden, klopfen, schichten, Bier drauf. Nach einem Tag in lauwarmer Pampe entwickelt das ehemals heiter grunzende Borstenvieh einen derartigen Wohlgeschmack, daß jedem sofort klar wird, warum man sich die ganze Mühe mit dem albernen Bratgerät, dem Dreck, dem Rauch und den nassen Füßen überhaupt macht. Welche Motivation zum im Regen rumsitzen und mir eine fette Erkältung ansaufen ich aus gleichsam in blutigem Leichenwaschwasser gammelnden Wurstfabrikreinigungsrückständen ziehen soll, kann mir ein freundlicher Leserbrief sicher erklären. Bis dahin bleibe ich der Überzeugung, daß der kultivierte Mensch sein Bratgut, so er es nicht selbst schlachtet, doch zumindest selbst einlegt.
Woher kommt eigentlich diese Freude am draußen sitzen und essen? Jaja, ich weiß, die Natur, die frische Luft und so weiter. Rein sachlich geben die Argumente nicht viel her: Natur heißt hauptsächlich Ameisen im Kräuterquark, Schnecken im Kartoffelsalat, Sand zwischen den Zähnen und wie schon erwähnt nasse Füße, wahlweise auch gern nasser Hintern. Zur frischen Luft gibt es zweierlei zu sagen, einerseits ist es von frisch bis arschkalt nur ein kleiner Schritt, andererseits ist auch ein Wohnzimmer leicht zu belüften, aber um vieles besser zu beheizen, als das Rasenstück hinterm Haus. Irgendwo muß sich da eine bessere Erklärung finden lassen, warum allsommerlich ganze Heerscharen unschuldig daliegende Grünlandschaften in verbrannte Erde verwandeln. Meine These: das Feuer. Kaum ein Grillabend kommt gänzlich ohne Flammen aus, und selbst das Glimmen der Kohlen erzeugt die beiden typischen Lagerfeuereffekte, das wie hypnotisiert ins Feuer Starren und die enorm gesundheitsschädliche vorn-heiß-hinten-kalt-Situation. Das sind zwei sinnliche Erlebnisse, die uns wahrscheinlich an den mit Abstand längsten Teil der Menschheitsgeschichte erinnern, der ja aufgrund der ihres noch nicht Erfundenseins wegen abwesenden Politiker und ihren Albernheiten hauptsächlich aus vor der Höhle hocken und ins Feuer starren bestanden haben dürfte. Genau kann man‘s nicht wissen, es gab noch keine Schrift und daher auch noch keine Geschichtsschreibung. Ich bin der Überzeugung, die Urmenschen hätten das Zeug zur Erfindung der Schrift durchaus gehabt, aber die Idee warf, sobald sie einer hatte, die gleiche Frage auf, die mich jedesmal beschleicht, wenn ich eine Presseverlautbarung unserer hervorragenden Leiter und Lenker lese: Wozu soll das bloß gut sein?
Nuja, ich bin heute in Meckerstimmung, man macht sich‘s auch wirklich zu leicht damit, immer nur Kritik, Kritik, Kritik, aber selber nichts besser machen. Auch wieder richtig, dieser Einwand, deshalb will ich Sie, verehrte Leserschaft, nicht ohne zumindest einige konstruktive Vorschläge zur Hebung der allgemeinen Lebensqualität in den sommerlichen Alltag entlassen. Erstens. Jeder Politiker, der bei der Wahl verspricht, sich für XY einzusetzen, soll per Gesetz und unter Androhung schmerzhafter Strafen verpflichtet werden, sich auch tatsächlich bis zur nächsten Wahl für XY einzusetzen. Zweitens. Sowohl die rote, als auch die grüne Varietät der oben ausführlich kritisierten, petrochemisch verseuchten, bindegewebigen, glutamatstrotzenden Kantinenschnitzelersatzprodukte sollen ab sofort und für immer vom Markt verbannt werden. Vielleicht kann man die noch auf Lager befindlichen Vorräte für irgendwas Nützliches verbrauchen, als Bremsbeläge eventuell oder als billigen Ersatz für die teuren Skimatten. Drittens. Von Mai bis Oktober werden Laternenpfähle, Bauzäune und -arbeiter mit einer mannshohen, mindestens zehn Zentimeter dicken Schaumstoffschicht umhüllt. Die Kosten werden durch die Einsparungen an Notärzten, Verbandsmaterial und Rettungswagen bestimmt mehr als wettgemacht. Schönen Sommer.


 

Tags: 

Sommer, Grillen, Steaks, Schnitzel, Essen, Sex, Fett, Saufen, Bier

Kommentare (2)
Angeschmutzt
von: Radebrecht |  02.04.2008 21:55:40
Von wildem Zorn gepackt stürze ich dem dunkelblauen Aufschneideraudi nach, zwei, drei schnelle Schritte bringen mich an seine Seite, dann ein beherzter Sprung auf das Stufenheck, mit beiden Füßen eine Beule ins Dach getreten und auf der Motorhaube gelandet. Geradenoch fletsche ich die Zähne durch die Windschutzscheibe, dann reißt mir das wilde Schlingern der ungeschickt notgebremsten Karre die Füße unterm Leib weg. Ich rolle mich zur Fahrerseite ab, komme auf dem nassen Asphalt zu stehen und reiße die Fahrertür auf. Weit aufgerissene Augen starren mir aus der panischen Fratze des beschlipsten Fahrers entgegen, gerade will er losschreien, da trifft ihn die Ladung mitten ins Gesicht. Zwei Hände voll schlammigen Rinnstein schaufle ich in seine unerträgliche Bankangestelltenfresse, beuge mich ins Auto und brumme mit ruhiger, väterlicher Stimme in sein Ohr: „Paßte nächsma bißchen auf, wa?“
Je nun, ich neige zu unrealistischen Gewaltphantasien und dieses ganz besonders, wenn mir irgend ein Blödmann an der Fußgängerampel mit seinen sinnlosen Breitreifen den halben Gully auf die Hose kübelt. Ganz abgesehen von der physiologischen Unmöglichkeit würde ich solche Sachen natürlich auch rein gewissensmäßig niemals machen, liebe ich doch meine Feinde und halte immer noch weitere Wangen hin. Aber in der Phantasie, natürlich, rums, krach, Kieferbruch. Das ist sehr gesund, denn erstens verdränge ich meine Aggressionen damit nicht, sondern lebe sie virtuell aus, was ja dank der wahnsinnigen Knetbarkeit der menschlichen Psyche fast so gut ist, wie in Wirklichkeit. Außerdem erspare ich damit mir und meiner Umgebung zweitens jegliche Form von realer Gewalt, die bei ständiger Triebverdrängung irgendwann notwendigerweise raus muß.
Aber mal Ernst beiseite, was, liebe Leser und -innen, was ist los mit dem Verhältnis zwischen dem Menschen diesseits und jenseits der Windschutzscheibe? Nette Personen, fürsorgliche Familienväter oder -mütter gar, hören das Klack der sich neben ihnen schließenden PKW-Tür und verwandeln sich umgehend in fußgängerhassende Killerbestien. Aus den verkrampften Gesichtern hinter den Lenkrädern leuchtet mir nichts als Frust entgegen, von ihren sich lautlos bewegenden Lippen lese ich Flüche übelster Art ab, ihr soziales Verhalten sinkt auf Ebenen, derer sie sich in jeder anderen Situation ins Bodenlose schämen würden. Autofahren ist schlecht für den Menschen, eine Binsenweisheit, der ich  nach und nach zwei Deutungen abgewinne. Einerseits die vielfältigen Zerstörungen der physischen Welt, also giftige Abgase, ästhetische Verunstaltung der Landschaft, die schiere Häßlichkeit der Vehikel selbst, die ungesunde Haltung der ins Innere der Blechkisten quasi eingeschweißten Fahrgäste. Aber eben auch die Zerstörung der psychischen Kontinuität des Menschen in der Gesellschaft, die Aufspaltung in Innen und Außen, also Fahrer und Verkehrshindernis. Oft beschleicht mich der Verdacht, daß viele Fahrer, die jederzeit bei schlechtem Wetter an anstrengenden Protestmärschen gegen eine Einführung der Todesstrafe teilnehmen würden, nur von der Angst vor dem Gesetz davon abgehalten werden, ihnen irgendwie unbequem wirkende Fußgänger einfach platt zu machen. Hat jemand einen glaubhaften Erklärungsansatz für diese krasse Störung im Zwischenmenschlichen? Bitte, ich bin wirklich interessiert, informieren Sie mich.


 

Tags: 

Auto, Gewalt, Verkehr

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