Kurzgeschichten sind eine Form die nicht jeder Leser liebt, nur wenige
Autoren können mit soviel Pointen schreiben wie Memo Anjel, wer
ihn einmal gelesen hat, wird mehr wollen.
===Memo Anjel "Das Fenster zum Meer"====
Rotpunktverlag, 163 Seiten, ISBN 978-3-85869-341-9, EUR 18,00
Der Autor sagt Euch nichts? Menmo Anjel wurde erstmalig 2005 ins Deutsche übersetzt,
mit dem Roman " Das meschugge Jahr", und hat wohl einiges Aufsehen erregt.
Nun erschien von ihm der neue Band " Das Fenster zum Meer". In den vierzehn Geschichten
finden wir immer einen Bezug zum Meer, entweder in Hafenstädten oder an Flüssen wie den
deutschen Main.
Wir reisen mit dem Autor um die Welt, sind in Kolumbien oder befinden uns mitten in Paris, dann
wiederum reisen wir durch die Zeit von den 30er Jahren bis in die Jetztzeit und zum guten Schluss
führt die Reise durch verschiedene Kulturen, durch die eigene jüdische des Autors, durch die
mediterrane, die lateinamerikanische und auch durch die deutsche.
Das weckt bestimmt noch nicht so Euer Leseinteresse, oder ihr setzt einen zu hohen Anspruch daran.
Bevor wir uns den einzelen Kurzgeschichten widmen, möchte ich Auszüge aus der Definition von wikiweb,
was eine Kurzgeschichte ausmacht, aufführen.
===Was ist eine Kurzgeschichte?===
Eine einheitliche Defintion gibt es eigentlich nicht, es gibt ein Gerüst, das für Kurzgeschichten angewendet wird.
--Erzähltechnik und Sprache--
-Meistens personaler Erzähler, Bericht aus der Distanz, aber auch Ich-Erzähler
- keine oder nur sehr kurze Einleitung, sofortiger Einstieg in die Handlung
- Techniken der Verdichtung durch Aussparungen, Andeutungen, Metaphern und Symbole
- Chronologisches Erzählen, hauptsächlich in Präterium
- Meistens ein Ausschnitt aus dem Leben
- Lakonischer Sprachstil, Alltagssprache, teilweise Verwendung von Umgangssprache, Dialekt oder Jargon
- Doppeldeutigkeit
- Offener Schluss der Pointe
- Vermeiden von Wertungen,Deutungen, Lösungen
--Drama, Handlung und Personen---
- Konfliktreiche, häufig skizzenhafte dargestellte Situationen, geprägt von Emotionen
- meistens gibt es nur eine oder Hauptpersonen, meist keine große Entwicklung der Figuren
- Die Geschichte spielt an wenigen Orten
- Ein entscheidender Einschnitt aus dem Leben der handelnden Person oder Figur wird erzählt.
- Einsträngige Handlung
- Wenig Handlung
- Themen sind Probleme der Zeit, Alltäglichkeit des Lebens
Damit gelangen wir zur Vorstellung der einzelnen Geschichten, die manchmal nur aus wenigen Sätzen besteht.
===Inhaltsangabe===
1. HORA CERTA
Ein Mann kommt in ein Hotel, und soll eine bestimmte Aufgabe erfüllen. Michael Roux, so sein Name,
wird laut einer Wahrsagerin, hier an diesem Ort einen Menschen töten. Noch nie hat er so etwas getan,
und alles geschieht anders.
Leseprobe:
"Was hat er an diesem Tag getrieben, der Mann, den eine Handleserin zum Mörder machen wollte? Das konnte
niemanden sagen. Vielleicht war er in der Straße der der Indochinesen gegangen oder hatte eine Frau besucht,
es ist ja bekannt, dass Nähe eines Todes die Leidenschaft entfacht. Oder er hatte nur das Meer betrachtet,
seine weite, sein weniges Wogen. Wer weiß."
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2. EINEN TAG FÜR DEN JOHNNY
Eine Geschichte über ein Liebespärchen, das sich in einem Baumwolladen kennenlernt, und sie aus den
Fussnägel die Zukunftvorhersagen kann. Drei Wochen dauert ihre Beziehung, dann ist wegn, und der Plot
eine Wendung.
Leseprobe:
"In deinen Fußnägeln steht geschrieben, dass du mich immer lieben wirst, dass ich die letzte Frau in deinem
Leben bin."
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3.UNSERE HAUSKATZE
Eine super kurze Abhandlung von vier Seiten. Was lässt sich da großartig erzählen, als das in der Ich-Erzählung
die Katze eigentlich keine richtige Katze ist, und mit Tante Josefine verglichen wird.
Leseprobe:
"Die Katze aus Maqal, die Musalad ibn Fasal, ein Physiker aus Farik Al-Busains Schule in Lampedusa, 1923
geschaffen hat, ist immer in unserem Haus in der Kaleja Shishli gewesen."
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4. VOM SCHATTEN, DER VIOLINE SPIELTE
Eine Frau sitzt am Abend immer am Fenster bei ihrer Lieblingslektüre,um auf den Schatten zu warten, damit
er ihr eine Violine spielt. Die Geschichte nimmt eine merkwürdiges Ende.
Leseprobe:
"Einer, der im Schaukelstuhl am Fenster sitzt, das in der Abenddämmerung offen steht, damit die einsetzende
Brise Kühle in die Zimmer bringen kann, wird vielleicht nichts Ungewöhnliches hören."
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5.DIE ZWEI BÜCHER
Das ist die kürzeste Geschichte im Buch, mit zwei Seiten.In der Abhandlung geht es um eine alte Liebschaft, und
ein Geheimnis das in zwei Büchern liegt, der der Liebhaber jedoch nach dem Toder seiner Angebeteten nicht erbt.
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6. DIE STIMME
Wir werden hineingeführt in ein Zirkuszwelt, voll leerer roter Stühle, die nach und nach sehr mit Menschen gefüllt
werden. Dabei lauscht der Ich-Erzähler, einer stimme die etwas vor liest. Als die Lesung zu Ende geht ist alles
verschwunden. Das war für mich die verworrenste Geschichte überhaupt, und gefiel mir gar nicht.
Leseprobe:
"Ich schloss die Augen, damit die Wörter, die die Stimme sagte, durch ihren Klang mir andere Dinge eingabe,
aber sie gaben mir nichts ein, sondern wurde wirklich, dass so viel konnte ich verstehen."
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7. DER ANDERE
Wir erleben einen Erfinder, der seinen Plan verlegt und ihn nicht mehr wiederfindet. Überall sucht er ihn,
fährt sogar in das Schwarzwaldhauses seines Vaters, um dort zu suchen.Dabei kehrt er in die örtliche Gaststube ein,
und lauscht den Gesprächen.Plötzlich fällt ihm ein , wo der Plan geblieben ist. Er fährt wieder nach Hause, holt
den Plan heraus und liest ihn auf verschiedene Weisen. Das war die beste Kurzgeschichte für mich ihm Buch, weil
sie sehr ausgewogen ist.
Leseprobe:
"Als der Erfinder zu Hause den Plan der neuen Maschine anschaute, den er tatsächlich zwischen den Seiten des
Kriminalromans auf dem Nachttisch fand, unendeckt von seiner Frau, die ihn gar nicht erst gesucht hatte, weil sie
aus Ärger über sein plötzliches Verschwinden mit einer Freundin ins Kino gegangen war, stellte er überrascht fest, dass
dieser auf mehrfache Art gelesen werden könnte..."
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8. EINE ADRESSE IN PARIS
In ihrer Erinnerung glaubt eine ältere Frau, das ihr bester Freund, der damals verschwand, irgendwo in Paris
lebt.Das einzige das von ihm geblieben ist, ist eine Flasche Parfüm, wo immer noch einer Unze übrig geblieben ist.
Als sie stirbt, macht sich der Ich-Erzähler, auf den Weg nach Paris, um ihn zu suchen. Seine Geschwister sind erbost
darüber, das er nicht zur Beerdigung seiner Mutter nach Bogota kommt, sondern einem Hirngespinst nachjagt.
Leseprobe:
"Farine war ein nicht wegzudenkender Teil unserer Familiengeschichte:Mit ihm hatte das Leben meiner Eltern in den
Tropen angefangen, Und wenn er uns auch nicht oft besuchte, denn seine Geschäfte sahen ihn viel auf Reisen,war er es,
der als Erster an der Seite meiner Mutter war, als ich geboren wurde, und war er es, der das Schisma Jisrael betete,
als mein Vater starb. Eigenartigerweise verschwand Farine kurz nach dem Tod meines Vaters."
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9. VON DER HAND GOTTES
Auf acht Seiten lamentiert ein Pfarrer in seinem Haus über die gute alte Zeit und das heute nichts mehr ist
so wie es war.
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10. DER LEGUAN
Es ist der Tag einer Erinnerung. Ein Universitätslehrer und eine Pschologin treffen sich vor einem Countryclub,
zum Mittagessen. Sie sind von Leguanen umgeben, die durch das Klopfen auf einen Abfalleimer, angelockt werden.
Sie reden darüber wie sich sie zusammengekommen sind, und schweifen für den Augenblick von ihrem wirklichen
Leben ab.
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11. DER VORLESER
Um die Arbeiter bei Laune zu halten, kommt jeden Abend ein Vorleser, Eines Abend kommt er zu spät, und die
Geschichte nimmt eine überaschende Wendung.
Leseprobe:
"Vor einem Jahr war Lisandro Balsa, den wir die "Fliege" nannten (wegen seiner extremen dünnen Arme und
Beine und weil er immer vor irgendetwas auf der Hut war), in unsere Tabakfabrik gekommen, und zwar nicht als
Arbeiter,sondern als Vorleser von Romanen, was in Kuba ein Beruf wie jeder andere war."
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12. KRANKENHAUS
Ein Vater wartet nervös vor dem Krankenhaus darauf, das seine Tochter die OP gut übersteht. Er weiß nicht so recht,
ob er besser drinnen oder draussen bleibt. Er zündet sich eine Zigarette an, und beschließt ein wenig durch die Stadt
zu fahren. Dabei erzählt er dem Leser, warum er Gabriel heißt, und aus welcher Familie er stammt.Bevor er ausführlich
wird, hält ihn plötzlich ein Mann am Wagen an. Dieser scheint wahnsinnig zu sein, weil behauptet das alle seinen Tod im
Krankenhaus wollen. Trotzdem hört sich der Mann sein Theorie an und hilft ihm.
Leseprobe:
"Während ich zum Krankenhaus zurückfuhr, wo meine Tochter bald aus dem Operationssaal kommen müsste, stellte ich
vor mir, wie der Mann im Mantel und Pyjama jetzt auf den Taxifahrer einredete und ihm dieselbe Geschichte erzählte,
die er mir erzählt hatte, ihm vielleicht mit dem Schlüssel drohte und seinen Taschenspielertrick wiederholte."
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13.ICH HEISSE ISIDORO PAREDES UND SINGE BOLEROS
Eine seltsame Geschichte über einen Zug der ins Gebirge fährt, ohne jemals heraus zu kommen, und mit vier Seiten
auskommt.
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14. Die letzte Geschichte, die den Titel aufgreift
DAS FENSTER ZUM MEER
Eine Mutter sieht mit ihren Kindern hinaus aufs Meer, und erfindet Geschichten über Schiffe und Matrosen.Der
Ich-Erzähler beschreibt das Zimmer, wo sie am Fenster stehen. Darin gibt es Flaschen, die reine Luft enthalten.
Es ist eine Geschichte über Familie, die nach den Prinzipien der Mutter lebt.
Leseprobe:
"Das Fenster zum Meer ist ein Gedenkplatz an ihren Vater und nur der innersten Familie vorbehalten."
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Jetzt kommt das allerschwierigste, eine Beurteilung von mir
===Meine Meinung===
Ich habe einige Tage hin- und hergeschwankt zwischen lesenwert oder nicht.
Kurzgeschichten lese ich ab und an sehr gerne, und manchmal sind sie von einigen Autoren sehr ausgereift.
Eine Kritik an dem Buch war, das manche Geschichten, nur skizzenhaft geschrieben sind. Das kam mir
zwischendurch auch so vor. Vielleicht liegt es daran das eine Kurzgeschichte manchmal eine Voridee für
einen Roman sind. Deshalb wollte ich nicht jede einzelne beurteilen, weil es im Gesamtfazit auf das selbe
hinausläuft.
Es war mir bewusst, das die Figuren nicht dafür geschaffen wurden, um sich zu entwickeln. Das habe ich
von vorne herein mit ins Lesen hineinbezogen, dadurch war der Anspruch nicht allzu hoch. Allerdings überkam
mich zwischendurch das Gefühl der Kälte in den Geschichten. Das ist eben das Problem, das es keine
Geschichten werden, die vom Autor, wie Roman zum Leben erweckt werden.
Dafür beherrscht der Autor sehr gut die überraschenden Wendungen, die eine Kurzgeschichte ausmachen.
Sobald der Leser eingetaucht ist in die Handlung, reißt er ihn wieder hinaus, mit einem sehr schrillen wie
auch feinem und philosophischen Humor. Nur das erfordert ein genaues Lesen, um ihn zu finden
Ich finde es macht nicht süchtig, weil Kurzgeschichten ziehen einen viel weniger ins Buch als ein Roman.
Da sollte der Leser von vornherein Abstriche machen.Vom sprachlichen verwendet Memo Anjel, klare
Worte. Er erzählt seine Geschichten ohne viel um Umschweife,und erfüllt somit ein weiteres Merkmal
der Kurzgeschichte, die allesamt fesselnd sind.