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Rettungsschwimmer - Horrorjobs

Autor: Alexander-Hassberg
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Rettungsschwimmer - Horrorjobs [Text]
von: Alexander-Hassberg |  02.02.2009 19:07:54

Die Sonne verwandelte den Strand in einen glutheißen Backofen. Die Urlauber lagen dicht nebeneinander wie Brathähnchen auf einem Grillspieß. Einige Strandbesucher waren so braun, dass sie das Braun eines leckeren Brathähnchens bereits überschritten hatten. Jeder gute Imbissbudenbesitzer hätte ein Hähnchen in einem solchen Braunton nicht mehr angeboten, da es kaum noch von Holzkohle zu unterscheiden gewesen wäre. Die überbräunten Sonnenanbeter sparten hingegen weiterhin an dem Lichtschutzfaktor ihrer Sonnencreme, um bloß nicht wieder blasser zu werden.

Blass wie Kalkleisten waren nämlich die frisch angereisten Touristen. Auf ihre Stufe wollte keiner der Gebräunten zurückfallen. Dieses Risiko war allerdings gering, denn „die Neuen“ waren am ersten Tag blass und ab dem zweiten Tag krebsrot. Die Chance auf braun besaßen sie nur, wenn ihr Urlaub mehr als eine Woche hergab. Und auch nur, wenn sie es mit der Sonne nicht mehr übertrieben.

Carlos war ebenfalls frisch angereist, allerdings sah man ihm das nicht an der Hautfarbe an. Bisher hatte er als Aushilfe in einem großen Wasserpark gejobbt und dort bereits viel Sonne abbekommen. Es war ein bedeutender Fortschritt für ihn, als Rettungsschwimmer im offenen Meer tätig zu sein. Zuletzt hatte er an einer der riesigen Wasserrutschen des Wasserparks als lebende Ampel fungiert und Halbstarke davon abgehalten, in kurzen Abständen hintereinander die Rutsche hinunterzustürzen, damit sie sich nicht den Hals brachen.

Von seiner neuen Aufgabe versprach er sich mehr Ansehen und etwas weniger Stress. Es lastete zwar eine größere Verantwortung auf seinen Schultern, aber er rechnete nicht damit, dass Badeunfälle an der Tagesordnung waren. Er war bereit und ausgebildet für solche Situationen, aber er würde wohl die meiste Zeit die Leute beobachten, ab und zu ein Pflaster kleben oder einem Kind dabei helfen, seine Mutter wieder zu finden.

Er schlenderte die Promenade entlang. Er genoss es, den Menschen mit seiner bloßen Anwesenheit ein Gefühl von Sicherheit zu geben: Seht her, ich bin da. Keine Sorge, ich kann euch jederzeit helfen. Er wollte sich erst einmal auf eigene Faust mit seinem Strandabschnitt vertraut machen. Gegen Mittag würde er dann mit Piju, dem zweiten Rettungsschwimmer im Abschnitt, etwas essen und über alle Besonderheiten sprechen.

„Hallo, wie gefällt es ihnen am Strand?“, startete er den Versuch, mit einem der Badegäste Kontakt aufzunehmen.

„Soweit ganz gut“, antwortete der etwa sechzigjährige Mann, „das Wetter ist ja heute wieder einmal herrlich. Sie sind der erste Bademeister, der mich das fragt. Sind sie neu?“

„Ja, ich bin neu. Aber ich bin hier als Rettungsschwimmer. Bademeister gibt’s ja nur in Schwimmbädern. Aber sie werden lachen, bis vor kurzem bin ich tatsächlich einer gewesen.“, berichtete Carlos schmunzelnd seinem Gesprächspartner. Sie unterhielten sich noch eine Weile über den Wasserpark, die Sonne und das Meer. Routiniert suchte Carlos´ Blick auch während der Unterhaltung die Wasseroberfläche ab. Er traute seinen Augen kaum, als er plötzlich zwischen leicht krausen Wellen hektische Bewegungen sah. Es waren die typischen Hinweise auf einen Ertrinkenden.

Sofort sprintete Carlos zum Wasser, warf sich in die Wellen und schwamm auf das potentielle Opfer zu. Gleich am ersten Tag eine Rettung, da würde er sich schnell einen Namen machen.

Er schwamm mit ganzer Kraft. Sein Körper wurde zu einer pulsierenden Maschine, die im absoluten Einklang von Atem, Armrudern und Beinschlag Höchstleistung abrief. Seine Lunge brannte. Sein Herz raste, Adrenalin pumpte durch seinen Körper. Er war bereit, er gab alles.

Etwa 50 Meter vor der ertrinkenden Person bemerkte Carlos einen älteren Schwimmer, der ebenfalls auf diese Person zuhielt. „Platz da, Alter!“, schrie Carlos im Eifer des Gefechts. Doch der Alte schwamm weiter. Statt den Alten links oder rechts zu überholen, tauchte Carlos blitzschnell unter ihm durch, stach kurz vor ihm wieder durch die Wasseroberfläche und führte seine Rettungsaktion fort.

Wenig später konnte er erste Details der Person erkennen. Es war eine junge Frau. Sie kämpfte mit schnellen Bewegungen darum, an der Wasseroberfläche zu bleiben, tauchte immer wieder kurz unter, um dann erneut mit den Wellen um ihren Aufenthalt an der Luft zu kämpfen.

„Typisch Mädchen“, dachte Carlos. Er hatte bereits von den sich häufenden Badeunfällen unter jungen Frauen gehört, die sich auf Modelmaße herunterhungerten und an den Stränden posierten, um entdeckt zu werden. Zu allem Überfluss übernahmen sie sich beim Schwimmen. Sie schwammen, um ihre Körper zu formen oder um in Himmelswillen nicht zuzunehmen. Sie nahmen sich zu viel vor und ihren ausgezehrten Körpern fehlte die Kraft für den Rückweg. Oder ein Krampf in einem der mit Nährstoffen unterversorgten Beine machte dem Möchtegern-Nachwuchsmodel den Weg zum rettenden Ufer unmöglich. Hungerkuren und Streckenschwimmen – eine gefährliche Kombination.

Er war fast bei ihr, da tauchte sie gerade wieder unter. Auch er tauchte, griff sie, brachte sie an die Oberfläche.

„Lassen Sie mich los, sie sollen mich gar nicht retten!“, brüllte sie.

Sie riss sich los, doch er packte sofort wieder zu.

In der Ausbildung hatte man ihm erklärt, dass sich Ertrinkende manchmal gegen Rettungsversuche wehrten. Notfalls sollte der Retter den Ertrinkenden dann K.O. schlagen, um ihn retten zu können. So weit wollte er nicht gehen, aber er nahm das Mädchen in einen erbarmungslosen Griff und schleppte es ab. Es war eine Extremsituation und er konnte jetzt nicht diskutieren. Selbst er konnte nicht unendlich lange im Meer schwimmen und dabei noch jemanden retten. Je schneller es ging, desto sicherer konnte er sein, dass sie beide den sicheren Strand erreichten.

„Sie tun mir weh!“

„Sorry. Aber es geht wohl nur so. Sehen sie es positiv. Solange sie noch Schmerzen haben, sind sie wenigstens noch am Leben.“

„Ich verklage Sie, wenn sie mich nicht loslassen!“

„Und wenn ich sie loslasse, dann werde ich wegen unterlassener Hilfeleistung verklagt. Da helfe ich ihnen lieber.“

Carlos tat seinen Job und steuerte den Strand an. Er wusste von solchen Reaktionen, aber er verstand sie nicht. Hatte sie Angst, am Strand von den falschen Leuten gesehen zu werden? Oder von den richtigen Leuten im falschen Moment? Ging es ihr nur um ihr Image?

Im flachen Wasser setzte er sie ab. Kaum wieder frei, sprang sie auf und ohrfeigte ihn.

„Na, ihr Krampf hat sich ja schnell wieder aufgelöst. Und eine ganz besondere Form von Dankbarkeit kennen sie da auch noch!“, stellte Carlos verwirrt fest. Sie zeigte ihm den Mittelfinger und schaute aufs Meer.

Auch Piju war schon zur Stelle, allerdings ohne den Erste-Hilfe-Koffer, den er bei einem solchen Vorfall hätte dabei haben sollen.

„Mensch Carlos, was machst du denn für Sachen? Und das gleich an deinem ersten Tag.“, fuhr Piju ihn an.

„Was ist hier eigentlich los?“, ärgerte sich Carlos. „Ich mache meinen Job und jeder scheint ein Problem damit zu haben.“

Mittlerweile hatte auch der Alte, den Carlos tauchend überholt hatte, den Strand erreicht. Traurig schaute er die Gerettete an. Sie umarmte ihn.

„Das ist Fernandos Esperante. Er ist einer von uns, ein ehemaliger Rettungsschwimmer. Er hat hier an diesem Strand viele Jahre seinen Dienst getan. Vielen Menschen hat er das Leben gerettet. Es fiel ihm schwer, diesen Beruf aufzugeben. Aber heute hast du ihm gezeigt, dass er endgültig zum alten Eisen gehört.“, erklärte Piju.

„Aber das Mädchen drohte zu ertrinken. Soll ich da einfach zuschauen?“, rechtfertigte sich Carlos.

„Nein, aber jeder an diesem Strand kennt Fernandos und seine Enkeltochter Esmeralda. Du warst übereifrig. Ab und zu spielt Esmeralda mit Fernandos dieses Spiel. Sie will ihm ein Erfolgserlebnis verschaffen, sein Ego streicheln. Aber jetzt hast du einem alten Haudegen das Herz gebrochen.“ Piju redete sich in Rage. Die Menge, die sich um die beiden gebildet hatte, stimmte Piju nickend zu.

„Ich hatte es dir sagen wollen, spätestens heute Mittag“, sagte Piju. „Andererseits hättest du nur auf die Zeichen zu achten brauchen. Der Mann, mit dem du dich unterhalten hast, hat versucht, dich aufzuhalten. Er griff sogar dein Handgelenk. Aber du hast dich los gerissen. Andere Urlauber sind aufgesprungen, aber du hast ihr Rufen nicht bemerkt. Und Esmeralda hätte es dir bestimmt erklärt, wenn du sie wie einen mündigen Menschen behandelt hättest.“

Carlos sah auf sein Handgelenk und konnte tatsächlich Kratzspuren erkennen. Durch die Aufregung hatte Carlos von alledem nichts mitbekommen. Sein Tunnelblick hatte nur der Rettung und dem Ruhm, den er ernten wollte, gegolten.

Fernandos Esperante hatte die Diskussion der beiden Rettungsschwimmer verfolgt und bahnte sich und seiner Enkelin einen Weg durch die Menge.

„Lass dir von Piju nichts einreden“, begann der alte Fernandos. „Du hast gerade gezeigt, dass du jemanden retten kannst, mein Junge. Meine Enkelin hatte das nicht nötig, aber das konntest du nicht wissen. Ich war auch einmal ein Heißsporn wie du. Aber die Zeiten sind vorbei. Komm, Esmeralda, geleite einen alten Mann nach Hause.“

 

Die Sonne brannte unerbittlich auf die Menschen am Strand hinab. Sie war noch nicht auf ihrem höchsten Punkt. Aber jeder wusste, dass sie bald ihren Zenit erreichen würde. Dann würde es auch für die Sonne nur noch bergab gehen, bis sie dunkelrot ins Meer eintaucht.

 

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Rettungsschwimmer - Horrorjobs [Video]
von: Alexander-Hassberg |  02.02.2009 19:10:22
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