Das Cognacglas zerschellte an der Wand. Er versuchte zu
schreien, um die Bilder zu vertreiben, doch er brachte nur ein Krächzen hervor.
Früher hatte seine Stimme Befehlsgewalt über mehrere hundert Soldaten, nun war
sie brüchig und die meisten seiner Untergebenen gefallen, umgekommen in einer
sinnlosen Schlacht, für die er verantwortlich war. Dieser Einsatz lag schon
viele Jahre zurück, doch die Gefühle der Schuld und des Versagens krochen seine
Gedanken und Träume immer wieder hinauf, wie seine Soldaten in vergangenen
Zeiten die Seile auf dem Hindernisparcours.
Er trank, um zu vergessen, doch die Bilder des Kampfes
wirkten im Rausch um so wirklicher. Heute jedoch, hatte er soeben beschlossen,
wollte er nüchtern bleiben. Er betrachtete die Scherben von seinem
Schaukelstuhl aus, auf- und abwippend. Das hochprozentige Gesöff rann über das
zerstörte Glas und suchte sich seinen Weg in den Untergrund des alten
Teppichbodens, ähnlich der Schuld, die in seinen bröckelnden Verstand
einzudringen versuchte. Klebrig. Unaufhaltsam. War dieses Leben lebenswert? War
er selbst es überhaupt wert, dieses Leben zu leben? Sein Blick tastete die Wand
empor, er betrachtete die Bilder, die dort hingen. Seine Frau, die ihn
verlassen hatte. Seine mittlerweile erwachsenen Kinder. Kinder. Kaum jemand aus
seiner vernichteten Truppe würde die Chance haben, sich jemals an seinen
Kindern erfreuen zu können. Schlimmer noch: Die meisten waren selbst noch fast
Kinder gewesen, ihm treu ergeben. Und ihr Glaube an ihn hatte sie ins Verderben
geschickt.
Er ließ seine Vorsätze fallen und
nahm einen tiefen Schluck direkt aus der Flasche. Er dachte an sein altes
Gewehr, das seit geraumer Zeit auf dem Dachboden verstaubte. War es überhaupt
noch schiesstauglich? Egal, ein Treffer würde ihm genügen. Ein Treffer, wie er
schon vielen anderen den Tod brachte. Er gönnte sich einen zweiten, kräftigen
Schluck, schließlich sollte es der Letzte sein, der ihn im Diesseits betäubte.
Entschlossen wankte er die Treppe zum Dachboden hinauf und stand vor dem alten
Waffenschrank, den er auf dieses Exil verbannt hatte. Er nahm angewidert jenes
Mordwerkzeug heraus und hielt es in seinen zittrigen Händen. Wie vielen
Menschen haben solche Instrumente schon den Tod gebracht? Er drohte umzukippen
und stützte sich kurz auf dem Schrank ab. Mit seinen letzten ihm verbliebenen
Kräften lud er das Gewehr durch und steckte sich den Lauf der entsicherten
Waffe in den Mund. Was würde ihn auf der anderen Seite des Tunnels erwarten,
die schon so viele ihm anvertraute Menschen sehen mussten? Erlösung?
Höllenqualen? Während er mit seinem Finger den Abzug suchte, geriet er immer
stärker ins wanken. Benommen vom Alkohol und Nachdenken fiel er auf einen
Plastiksack, gefüllt mit der Dienstkleidung vergangener Tage. Der Schlaf
übermannte ihn. Seine Vergangenheit erwartete ihn schon in seinen Träumen.
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Kurzgeschichte, qual, veteran, düster, selbstmord, leid
Extra für euch habe ich meine Kurzgeschichte "Qual des Weiterlebens" vorgelesen und mit Video-Impressionen versehen. Ich wünsche euch viel Spaß beim Sehen und Hören!