Über das Unterwegssein
Der amtliche Reisereader: Südfrankreich
Von Annett Lahn
Das Leben als Reise, die Reise als Leben. Aus dem Unterwegssein wird Lesbares.
Strebe ich dabei die nüchterne Wiedergabe an? Reicht die verknappte Darstellung? Muss ich am Ende wieder streichen, weil kein überflüssiges Wort den Lesereiz mindern darf ? Aber wer beherrscht schon die Kunst der kurzen Form? Diesmal zählt nicht die Sparsamkeit an Worten. Die Masse an Erlebnissen lässt Geiz nicht zu. Angesichts dieses Stoffe bewege ich mich zwischen Reisereportage und stumpfer Aufzeichnung des Erlebten – keine Sturzflut von Texten, ohne Tod und Sexualität. Mischformen reflektieren große Neugier auf die Welt in Gestalt von Reiselust. Beharrlich schreibe ich gegen die Auslöschung der Erinnerung an. Chronologisch geht es ohne Tänzeln und Springen dank sprachlichen Einfällen entlang der Route voran.
Es galt vielen Orten einen Besuch abzustatten. Was für ein Vergnügen, unterwegs zu sein! Reisen war nicht mehr bloß das Entdecken der Natur oder fremder Gegenden. Vielmehr wandelten sich die Motive stets und ständig. Zeitweise rührte diese Tour durch Orte, Institutionen und Beziehungen an den Fundamenten unserer Identität.
Reisetexte sind Literatur der Unruhe und der Wissbegier. Südfrankreich eignet sich hervorragend zum Fabulieren. Schreiben und Bewegung gingen nur teilweise konform, aber lassen Fremdes zur Sprache kommen. Hier und da wird noch einmal nachgelesen. Eindrücke pflanzen sich noch fester in den Kopf, können ausgiebig Revue passieren. Abwege verblassen, finden keinen Raum in der Niederschrift. Andere Augen sehen anders. Aber letztlich ist der Autor allein, stellt mit seinen Sinnen Wahrgenommenes dar.
Die Fakten
Anlass: Geburtstagsgeschenk der Mitglieder des Brieselanger Kunstvereins für die Leiterin des Märkischen Künstlerhofes Renee Dressler sowie für den Vorsitzenden des Kunstvereins Guido von Martens, die zusammen 100 Jahre wurden.
Teilnehmer :
Renee Dressler
Guido von Martens
Antje Falatik
Kay Forster
Heiko Bendig
Annett Lahn
Idee: Kay Forster (Südfrankreichkenner)
Umsetzung: Antja Falatik (Finanzen), Spendenbereitschaft der Vereinsmitglieder
Realisierung: nur möglich durch die Leihgabe des verlässlichen VW-Busses von Dirk Falatik und der Bereitschaft der Dressler-Eltern als Galeristen einzuspringen
Vorbereitung: Festlegen der Reiseroute sowie Gestalten der Glückwunschkarte durch Antje und Kay sowie Diavortrag von Kay unter Unruhe am im Künstlerhof, Erledigen aller dringenden Aufgaben sowie Packen in der Nacht zuvor
Tag 1, Abfahrt am Donnerstag dem 9. Oktober: Kleinkems und Uta Schöning
Reisen steht im engen Zusammenhang mit sich erheben. Nachdem wir uns an jenem Herbstmorgen frühzeitig erhoben hatten, verlassen wir später als geplant dennoch hochvergnügt das Märkische Land: Am Bus noch schnell das Hinweisschild „Attentione Artistes“ befestigt, startet die sechsköpfige Reisegruppe statt 7 Uhr um 8.30 Uhr. Der Kilometerstand Höhe „Hornbach“ oder Sacrow-Paretzer Kanal betrug der Vollständigkeit halber 138280. „Ostelbien“ liegt bei Überqueren des Flusses und noch übervollen Fresskörben um 9.30 Uhr hinter uns. Schnell beginnt ein ausschweifendes Frühstücksgelage. Das selbstgebackene Rosinenbrot von Bob ist der Renner.
Die aktuelle weltpolitische Lage verleitet beim Zeitungsstudium zu Aussagen wie „Arni“ – der größte Österreicher seit Mozart. Der Anblick eines gepanzerten Polizeiautos reizt Renee zu der Feststellung: „Guckt mal, die holen wieder einen neuen Österreicher!“
Schon zu Beginn kristallisierten sich Antje und Kay als professionelle Fahrer heraus. Mit soviel Kompetenz am Steuer erreichen wir bereits am späten Nachmittag Kleinkems im Markgräflerland an der Deutsch-Schweizerischen Grenze. Nur ein Steinwurf sind Basel, die Höhen des Schwarzwaldes und Frankreich entfernt. Der kleine Ort mit rasantem Zugverkehr liegt im Schmelztiegel des Dreiländerecks - zweifellos Treffpunkt europäischer Kulturen. Mit schönem Blumenbouquet stehen wir Preußen vor dem Haus der Tochter von Hans Klakow.
Hausbild!
Guido klingelte und Uta Schöning begrüßte uns mit Pflegekind Sebastian. Sie hatte bereits Zimmer im örtlichen Gasthaus „Zur Blume“ reserviert und ein Besuch im Keramik- und Heimatmuseum Kandern organisiert. Schnell geht es nach Inspektion der Hotelzimmer mit einem fröhlichen Gelage im Mädchenzimmer bei Netty und Antje weiter. Im noblen Gasthaus, wo viele Schweizer die deutschen Preisvorteile genießen, nehmen wir einen Abendschmaus ein. Darauf folgt das erste kulturelle Event der Reise. Hinter vielen Kurven und Bergen im geheimnisvollen Grenzland wartet in einem eindruckvollen Fachwerkhaus eine Führung durch die Keramikgeschichte auf die Gäste aus Berlin.
In der Wirtschaft „Sträußli“ gibt es vorzüglichen heurigen Frischwein und Flammkuchen bis uns schließlich die Müdigkeit überkommt.
Tag 2, Freitag der 10.Oktober: Weil am Rhein + Basel: gleich die volle Ladung Kunst + Kultur
Getreu dem Motto „Was wäre die Welt ohne Kunst?“ (Goethe) gestaltet sich dieser Tag. An Weil am Rhein führt schon wegen des „Stuhlstadt“ – Images kein Weg vorbei. Hier und da hängen Sitzmöbel an Gebäuden und Bäumen.
Stuhlfoto!!!
Im Vitra Design Museum erwarten uns schließlich die wunderbaren Einrichtungsklassiker der Moderne von Marcel Breuer (1902 – 1981). Der amerikanische Architekt und Designer ungarischer Herkunft konstruierte 1925 die ersten serienmäßigen Stahlrohrstühle. Voller Respekt vernehmen wir die Worte des Bauhaus-Meisters: „Man hört den Einwand gegen die Stahlmöbel, sie seien kalt, krankenhausmäßig, sie erinnerten an einen Operationstisch. Diese Begriffe verblühen von heute auf morgen. Sie sind Produkte der Gewohnheit – durch eine andere Gewohnheit bald vernichtet.“
Auch Breuers Häusern ist ein informeller Charakter eigen. Formelle Klarheit und Konsequenz geht nach seinem Verständnis nie auf Kosten der Wohnlichkeit. Das erkläre ihre Beliebtheit und ihre nachhaltige Wirkung.
Das Vitra Design Museum widmet sich generell der Erforschung und Vermittlung historischer und aktueller Entwicklungen des industriellen Möbeldesigns. Architekt des 1989 geschaffenen außergewöhnlichen Baus in Weil am Rhein ist der Kalifornier Frank O. Gehry. Wichtigste Arbeitsgrundlage des Museums ist die umfangreiche Möbelsammlung, insbesondere Stühle. Dabei sind alle wichtigen Epochen des industriellen Möbeldesigns vom Beginn der Massenproduktion Mitte des 19. Jahrhunderts über die Entwürfe des Funktionalismus bis zu postmodernen Möbelobjekten der 80er und aktuellen Entwürfen.
Doch eigentlich avancierte Basel zur Hauptstation dieses Reisetages. Am frühen Nachmittag überqueren wir die Grenze zur Schweiz, finden einen selten idyllischen Parkplatz am Rhein. Den Fluss entlang erlaufen wir unser erstes Ziel: Das Museum Jean Tinguely. Was uns dort an Außergewöhnlichkeit erwartet, war nicht vorhersehbar. In einem riesigen Raum eröffnet sich die faszinierende und poetische Welt der Maschinenskulpturen. Bewegliche, abstrakte Konstruktionen aus Eisendraht, Weißbleich und Farbe erheben sich, lassen unsere Körper winzig erscheinen. Riesige Metallkugeln setzen sich lärmend in Bewegung. Aus Schrott schuf Jean Tinguely mit zahlreichen Helfern chaotisch zusammengesetzte Abfallplastiken. Der manische Sammler bediente sich sogar bei den Schädeln und Trümmern eines abgebrannten Bauernhofes. Skelette toter Tiere unterstreichen in Verbindung mit Alteisen die Wunder der Mechanik, denn Tinguely setzt mit Hilfe den Gesetzen der Kinetik alles in Bewegung.
Der 1925 Geborene zählt zu den Protagonisten der kinetischen Kunst der Nachkriegszeit – dazu gehört die Auseinandersetzung mit dem Tod – auch wenn auf den ersten Blick der Zirkus technischer Errungenschaften dominiert. In der modernen von Geschwindigkeit und Veränderung geprägten Zeit suchte Tinguely bis zu seinem Tod 1991 nach neuen Ausdrucksformen. Er erklärt die Bewegung zum zentralen Element entgegen konventioneller, statischer Kunst. Der Betrachter wird zum Grübler, um die mechanischen Zusammenhänge zu ergründen.
„In Basel aufgewachsen, experimentiert er bereits in seiner Jugend mit beweglichen und Geräusche erzeugenden Konstruktionen. Nach einer Lehre und freien Tätigkeit als Dekorateur siedelt er 1953 nach Paris über, wo er seine Berufung als Künstler findet. Die vom Zufall gelenkte mechanische Bewegung wie auch die optisch-räumliche und akustische Veränderlichkeit lässt er zu Bestandteilen seiner eigenwilligen Kunstmaschinen werden. Der Betrachter wird dabei zum wichtigen, aktiven "Collaborateur", indem die Skulpturen erst durch ihn in Bewegung versetzt werden.“
Alexander Caldern: „Bewegungen lassen sich genauso präzis miteinander kombinieren wie Form und Farbe.“
Nach einem verarbeitendem Picknick am Rhein, setzen wir mit einer einfachen Fähre zum Baseler Kunstmuseum über. Erstaunt weilen wir schon im Hof vor Rodins „Die Bürger von Calais“. Der Bildhauer Auguste Rodin (1840 – 1917) schafft Licht-Schatten-Spiele indem er die Einzelheiten der Anatomie bzw. Kleidung der Gestrandeten vergröbert und die Oberfläche zerklüftet. Er ist nicht ohne Grund der bedeutendste französische Bildhauer. Mit den »Bürgern von Calais« (1884 begonnen, 1895 aufgestellt, Bronze) schuf er einen neuen Denkmaltyp ohne jede heroische Verklärung.
Eigentlich zog uns die Ernst Ludwig Kirchner - Sonderausstellung ins Baseler Kunstmuseum. Im Zentrum stehen „Die frühen Davoser Jahre 1917 – 1926“. Wie so viele reiste der deutsche Expressionist und Maler der Großstadt zu einem Erholungsurlaub ins Gebirge. Die Broschüre verdeutlicht: „Von den Kriegsjahren körperlich und seelisch zerrüttet, verschaffte die Bergwelt allmählich Erholung, bildete aber vorab eine schockartige Herausforderung,...“ Kirchner fing die Bergwelt in grellen Farben mit kräftigen Pinselbahnen ein. Ein imposantes Schauspiel, besonders wenn die Lektüre des Zauberbergs von Thomas Mann noch nicht zu lange her ist. Dazwischen stellen markante Fotografien immer wieder Kirchners alpines Dasein zwischen Hüttenzauber und Bauermädchen dar.
Unsere Besuchszeit begrenzte sich aufgrund der bis 17 Uhr eher sparsamen Öffnungszeit. Schnell durchstreifen wir noch die anderen beiden Etagen der riesigen Sammlung. Der Aha-Effekt häuft sich beim Anblick vieler bekannter Bilder aus verschiedenen Epochen. Das bietet den passenden Vorgeschmack auf die Kunstschätze, die uns noch während der gesamten Reise begegnen. Gemeint sind v.a. jene, die es bis in deutsche Schulbücher schafften. Aber wie gesagt, Schweizer Uhren ticken eben anders.
Zurück in Weil am Rhein kam es während einer Vernissage im Mehrfamilienhaus noch mal zu einem zeitgenössischen Bilderschock. Noch ist der Tag kulturell nicht gelaufen. Im örtlichen Kulturzentrum von Kleinkems kriegen wir nach so viel Bildender Kunst endlich was auf die Ohren. Drei junge Damen luden zum Zwecke einer Generalprobe für die Aufnahmeprüfung zum klassischen Streichkonzert. Beim Wein und köstlicher Pasta machen wir kurz vor unserer Abreise noch Bekanntschaft mit den gastfreundlichen Leuten aus dem Markgräflerland.
Tag 3, Samstag der 11. Oktober:
An diesem Tag geht es weiter und mit dem Ziel die Provence zu erreichen, galt es erneut Entfernungen zu überwinden. Bei blauem Himmel verabschiedeten wir uns an einem klaren Herbstmorgen vom Gasthaus Blume und von Ute Schöning, die uns als Reisegruppe eines anderen Abschnitts ihres Lebens herzlich betreute.
Das Land zwischen Rhonetal und Italien gilt als historische Landschaft. Verwaltungstechnisch umfasst dieser Teil Südfrankreichs die Départements Bouches-du-Rhône, Alpes-de-Haute-Provence, Var und Vaucluse.
Die jede zweite Postkarte aus der Provence zierenden Lavendelfelder waren schon abgeerntet. Schnell entkräftet sich das Klischee, dass aufgrund der vielen Publikationen, die gesamte Provence ständig in ein tiefes Lilablau getaucht sei. Die dicken Sträucherballen der Heilpflanzen am Boden ließen erahnen mit welcher Intensität der Anbau betrieben wird und wie lavendelblau das Land zur Blütezeit dekoriert ist. Polyglott verdeutlicht, dass der provenzalische Bauernstand geschlossen Konkurs anmelden müsste, wenn er allein vom Lavendelanbau leben müsste. Vergessene Trauben an den Reben deuteten darauf hin, dass es weitaus lukrativere Möglichkeiten gibt, sein Lebensunterhalt zu verdienen. Der Wein ist schon längst in Herstellung. Das Laub hängt aber noch wunderbar frisch im Geäst. Die Bäume scheinen langsamer zu verblühen. Oliven an den Bäumen machen gar einen unreifen Eindruck. Gelassen und heiter wirkten die Menschen. Ungeduldig saugten wir die neuen Eindrücke auf. Besuchen noch im Supermarkt von Pont St Esprit die Feinkosttheke um Käse und Schinken zu erstehen. Beim örtlichen Winzer besorgen wir einen 10-Liter-Karton köstlich leichten Rotwein. Der Weinkenner Alexis Lichine meint, die Provence sei eher ein Geisteszustand als eine genau zu bestimmende Region. Glücklicherweise erreichen wir noch vor Sonnenuntergang den Sauvan, geniessen den Ausblick über sonnenbeschienene Hügel und wissen bald, dass er recht hat. Dennoch kleide möchte ich unsere Eindrücke in Worte.
Didi, der fidele Sänger aus Kays Rythm and Blues Band Black Mail besitzt auf dem großen Anwesen mit mehreren Gebäuden und Nebengelassen ein Haus. Dort leben Menschen, die Ruhe lieben und Abgeschiedenheit jenseits der hektischen Arbeitswelt der Großstadt schätzen. Dazu gehören neben künstlerisch Tätigen, Aussteigern und Naturmenschen auch Familien mit Kleinkindern. Selbst die Mülltonnen und Briefkästen stehen rund 1 km vom Gehöft entfernt.
Spätestens nachdem sich die Schiebetüren des Busses nach endloser Fahrt doch noch öffnen, weiß jeder von uns etwas mit dem Begriff „Kräuter der Provence“ etwas anzufangen. Rosmarin, Thymian, Oregano und Salbei verströmen im Wildwuchs einen würzig-intensiven Duft.
Die misstrauischen Wachhunde begrüßen uns mit Gebell. Das rustikale Ambiente des Hauses aus den Hauptmaterialien Sandstein und Holz entspricht bis auf die Skorpione voll unseren Bedürfnissen. Im kerzenbeleuchteten Natursteinhaus setzt sich das gemeine Spinnentier mit Giftstachel, in der Provence wesentlich kleiner als die tropischen Arten, vereinzelt in Wandnischen fest. Zum Spaß fängt Heiko sie in Gläsern und verschwendet ein Schluck Wodka, um den Tod einzuleiten. Keine Angst, mit dem Genuss dieses Cocktails wird niemand gemartert. Wir lassen den Abend bei Baguette, Schinken, Käse und Rotwein genüsslich bei milden Temperaturen auf der Terrasse ausklingen. Das Sternenfirmament wirkt hypergalaktisch schön, die Ruhe fast anstrengend, die Luft wunderbar frisch.
Tag 4, Sonntag der 12.Oktober
Dieser Tag gehört mit all seinen Windungen dem Fluss Ardeche. Wir starten mit einer kleinen Erkundungstour durch den Ort St Martin. Hier verdeutlicht sich v.a. angesichts einer komplett anderen Bauweise schnell, dass wir uns auf einem ganz anderen Terrain unseres Kontinents bewegen. Vieles ist kleines bescheidener, aber kunstvoller. Ein Gang durch die Straßen beweist, dass alles weniger pragmatischer wirkt, als es unser Auge gewöhnt ist. Man könnte vermuten die Zeit sei stehen geblieben, aber nicht zu lang. Von oben blicken wir immer hinunter auf den Strom, der sich seinen Weg durch die Felssteine bannt.
Unentwegt folgen wir dem Flusslauf auf einer kurvigen Bergstraße. Hoch über den Schluchten scheint sie am Berg zu kleben. Immer wieder halten wir, blicken hinunter und versuchen mit kräftigen Steinwürfen den weitentfernten Aufprall zu erzielen, denn die Bergschneise ist tief. Auch in der Nachsaison versuchen Rafting-Fans unermütlich die Stromschnellen mit Paddelbooten zu bezwingen, kämpfen sich durch schmale Windungen, versuchen Wasser und Felsen mit ihren Bewegungen in Einklang zu bringen. Auf dem Weg zu einem Naturwunder, wird plötzlich an der steilen Straße gebremst. Wir begegnen nachdem wir bislang nur Bekanntschaft mit Skorpionen machen durften, erneut der spektakulären südfranzösischen Fauna. Mitten auf der Straße messen zwei Ziegenböcke ihre Kräfte. Laut schlagen ihre Hörner aufeinander. Artgenossen stehen im Hang. Weitere Autofahrer halten amüsiert vom störrischen Schauspiel.
Die Pont d` Arc ist unser nächstes Ziel. Hier bildete sich ein natürlicher Rundbogen aus Felsen über der Ardèche, der einer vom Menschen konstruierten Brücke nicht nachsteht. Heiko wollte baden gehen, aber Gebirgsflüsse sind von Natur aus nicht besonders warm. Übrigens fließt die 120 km lange Ardèche rechts zur Rhone, entspringt in den Cevennen und mündet bei Pont-Saint-Esprit in die Rhone. Gern hätte ich noch lange zwischen den Steinen am Ufer meine Landschaftseindrücke verarbeitet, aber der Hunger setzte sich wieder durch. Kurz vor Ladenschluss konnten wir in einem Straßenrestaurant noch leckere Pizza bestellen. Wir noch eine Grotte zu besichtigen und das heutige Natur-Kultur-Programm damit abzuschließen. Unter der ausgedehnten Hochebene aus Kalkstein erstrecken sich zahlreiche für Besucher geöffnete Tropfsteinhöhlen, die mit bezauberndem Farbspiel und fantastischen Formen für Furore sorgen. Als wir bei der Grotte de la Madeleine ankommen, haben wir allerdings wieder das Nachsehen. Gerade schließt der bezaubernde Ort. Wir machen uns auf den kurvigen Heimweg, der nach einem Tag im Auto nicht mehr ganz vergnüglich ist.
Am Abend treffen wir mit Guilane und Bernard auf dem Sauven. Wir sind mit der Gründerin des Hofes zum Essen verabredet. Nach einem Tag an dem Land prägenden Fluss kostet es einige Umwege bis wir in der Provenzalischen Nachsaison ein am Sonntag abend geöffnetes Restaurant finden. In St Martin werden wir fündig. Im Restaurant „Bellevue“ am Ufer der Ardeche schließt sich der Kreis. Guilane erzählt die Geschichte des 1970 gegründeten Sauven. Nach und nach legten sie Wasser- und Stromleitungen. Nach und nach kamen Leute, die dort auch wohnen wollten und sich Häuser und Wohnungen aufbauten. Solange ein Haus noch kein Dach hat, zahlt der Besitzer in Frankreich keine Steuern.
Tag 5, Montag der 13. Oktober
Unsere Reise setzt sich heute entscheidend fort. Mit einigen Zwischenstationen geht es runter an die Cote d´Azur. Doch zunächst statten wir Aix-en-Provence einen Besuch ab. Der heimlichen Hauptstadt der Provence verleiht die einmalige Mischung aus Kunst und Geschichte, Beschaulichkeit und Weltoffenheit das gewisse Etwas. Wir sind vor allem zu Ehren des Malers Paul Cézanne vor Ort und suchen lange nach seinem Atelier. Er verbrachte fast sein ganzes Leben hier bis er 1906 starb. Erst spät brachte man Verständnis für seine Kunst auf. Sein Selbstbildnis aus dem Jahr 1895 wechselte am 7. Mai 2003 für 15,5 Millionen Dollar bei Christie´s in New York den Besitzer und zählt damit zu den teuersten Bildern in internationalen Auktionen. Der Casinobesitzer Stephen Wynn aus Las Vegas kann das starke Porträt nun sein Eigen nennen.
Inzwischen avancierte Cezanne auch zum Lieblingssohn von Aix und taucht immer wieder im Stadtbild auf. 1990 wurden alle Orte an denen er sich aufhielt, mit massiven Bronzenägeln, in die ein „C“ graviert ist, markiert. Für uns Bewunderer ist der Besuch des Ateliers im kleinen Gartenhaus an der Avenue Cézanne ein Erlebnis: man hat den Eindruck, der Maler, hätte es eben erst verlassen, weil er vor den vielen asiatischen Touristen flüchtet. Unter den persönlichen Utensilien befindet sich auch sein alter schwarzer Hut. Die Lieblingsmotive seiner Stilleben, Zwiebeln und Äpfel werden stets frisch nachgelegt.
Paul Cezanne nach 1896: “Man muß die Natur nicht reproduzieren, sondern Präsentieren, durch was? Durch gestaltende farbige Äquivalente. (...) Die Kunst ist eine Harmonie parallel zur Natur.“
Naturbild von Cezanne...
1905: „Wir dürfen uns (...)nicht damit zufrieden geben, die schönen Formeln unserer erlauchten Vorgänger beizubehalten. Machen wir uns frei davon und studieren wir die schöne Natur, versuchen wir ihren Geist herauszuheben, suchen wir uns doch so auszudrücken, wie es unserm persönlichen Temperament entspricht.“
Für seine Kunst brauchte Cezanne die ständige Auseinandersetzung mit der Natur. Die provenzialische Idylle bot das passende Ambiente.
Bevor wir die Innenstadt zu Fuß erkunden, gelingt uns zwischen den kamerabeladenen Besuchern ein komplettes Gruppenfoto vor dem idyllischen Atelierhäuschens des Paul Cézanne.
Unter Platanen durchschreiten wir den Cours Mirabeau – quasi die Schlagader und Prachtstraße von Aix. Viele Lokale bieten dem Kaffeehaus-Voyeur ein abwechslungsreiches Programm. Vor der Kulisse vornehmer Adelspaläste und prächtiger Brunnen gilt Sehen und Gesehenwerden. Wir werfen auf der Suche nach einem passenden Restaurant zaghafte Blicke in die Schaufenster, um nicht gleich schwach zu werden. Ein großer Scampi-Teller stillt vorerst die kulinarischen Sehnsüchte.
Am frühen Nachmittag befinden wir uns wieder auf der Straße nach Süden. Am Mittelmeer bemerken wir fast erschrocken, dass noch immer Nackte am Strand liegen und Streifen die palmenbepflanzte Stadt Cannes. Auch Mitte Oktober gilt es den Tag unter der Sonne der Cote d´Azur zu genießen. Uns zieht es nach Biot, ein höher gelegenes Dorf. Jahrhundertelang war der Name dieses Ortes neben der Tradition der Glasbläserei mit der Töpferei und der Herstellung der berühmten „Jarres“ von Biot verknüpft. Diese riesigen Gefäße dienten der Aufbewahrung von Olivenöl und werden von einigen Töpfern neben Gebrauchs- und Schmuckkeramik noch immer hergestellt. Die dicken vasenähnlichen Behälter erwarten uns als Blumentöpfe vor den Häusern der Menschen dieser auffallend künstlerisch ambitionierten Gegend. Auch unsere Unterkunft ist ganz in diesem Sinne. Gebucht sind Zimmer in der „Galerie des Arcades“ – das Hotel der legendären Mimi Brothier. Kay versprach nicht zuviel: Uns erwartet ein herrliches Kleinod. Das gesamte Treppenhaus ist mit einem künstlerischen Sammelsurium bestückt. Die zahlreichen Eindrücke der Bilder und Collagen verhindern die notwendige Hochkonzentration auf die unterschiedlichen Höhen der Treppenstufen. Antje und ich beziehen ein Zimmer im obersten Stockwerk mit großer Terrasse. Einerseits eröffnet sich ein weiter Blick über die Stadt, andererseits ein Mekka für Voyeure mit Aussicht ins französische Schlafzimmer gegenüber. Alte Dachziegel, Fensterläden und stählern-filigrane Geländer an den Balkonen, dazwischen rankelnde Blätterpflanzen und zarte Blüten prägen das Bild. Dicke Tauben verschonen auch nicht das Kirchendach. Die Zimmer sind alle der Kunst gewidmet, wobei keines dem anderen gleicht. Mosaiken verzieren das Bad. Skulpturen, Fotos mit oder ohne Picasso und Kunstliteratur bedecken neben uriger Patina das Restaurant des Familienbetriebs. Reneé und Guido bezogen die gehobene Suite de´la art. Ein Bad mit tausend Verzierungen , ein Himmelbett und Alkoven und ein Kamin aus dem 14. Jahrhundert machen den Reichtum aus. Hier ist Frankreich so wie ich es aus alten Filmen liebe. Da Mimi´s Restaurant am Montag noch geschlossen ist, lassen wir uns alle auf dem Balkon über der Stadt nieder und genießen die Rolle als Voyeur.
Tag 6, Dienstag der 14. Oktober
Die Temperaturen erreichen schon am Morgen dieses Oktobertages angenehme 20 Grad und gestatten nach etwas längerer Nachtruhe ein angenehmes Erwachen. Beim Frühstück lernen wir die Herrin des Hauses kennen. Mimi Brothier ist eine resolute, ältere Französin mit vollem dunklen Haar und dunklem Teint. Zunächst widmen sich Guido und Kay der Arbeit, denn ein Fördermittelantrag an den Landkreis Havelland ist auch im schönsten Teil Frankreichs Terminsache. Handschriftlich, aber korrekt kann der Einsendeschluss eingehalten werden. Renee und ich erkunden die engen Gassen und schönen Aussichten des an manchen Stellen noch herrlich blau blühenden Ortes. Außerdem eröffnen sich zahlreiche Shoppingmöglichkeiten. Ich probiere ein sündhaft teures Trachtenkleid im folkloristischen Stil mit provenzialischem Muster. Doch Frau hält diesen Verlockungen stand.
Nachdem der Umschlag verklebt ist, steht unser künstlerisches Interesse wieder im Mittelpunkt.
Kurzentschlossen fahren wir zur Fondation Maeght nach Saint-Paul. Die riesige Privatsammlung namhafter Kunst des 20. Jahrhunderts steht für Partizipation von Malern und Bildhauern an der Architektur. Braque kümmerte sich um die Fenster. Chagall steuerte ein Mosaik bei, Giacometti die filigranen Skulpturen . Miró baute im Garten geradezu ein Labyrinth und Calder lässt ein Mobile tanzen. Ihre Werke verschmelzen mit dem Bau und dem Garten. Im Gesamtbild zählt das Haus zu den schönsten modernen Museumsbauten der Welt, einzigartig in die mediterrane Landschaft eingebettet.
Marguerite und Aimé Maeght sammelten Werke von Künstlern der Moderne, die zu Lebzeiten noch unbekannt oder umstritten waren und zählten in der Nachkriegszeit zu den bedeutendsten Galeristen in Paris. Um den einzigartigen Charakter ihrer Sammlung zu bewahren, planten sie ein eigenes Museum und beauftragten den spanischen Architekten Josep Lluis Sert. Aimé Maeght sagte zur Gründung: "Ich schuf diese Stiftung auf egoistische Weise, zu meinem Vergnügen, indem ich hoffte, einen Teil dieses Vergnügens und dieser Freude weitergeben zu können."
Ein Rundgang durch das Bergdorf Saint-Paul verdeutlicht, dass in dieser Gegend Kunst nicht nur die Freizeit auserwählter Einzelner ist, sondern der Umgang mit dem Schönen zum Alltag eines Jeden gehört. Galerien voll mit dem Durchschnittsgeschmack entsprechenden Werken, weisen auf blühenden Kunsthandel hin. Auch wenn überwiegend den Geschmäckern der Käufer gemäß pragmatisch gemalt und geformt wurde, hat keiner von uns wohl jemals einen Ort betreten, der dichter mit Galerien bestückt war. Noch dazu wie in einem Paralleluniversum einzigartig malerisch in der Landschaft liegend. Sowas können sich wohl nur Gefälligkeitskünstler leisten.
Die Anlage dieses Felsennestes geht auf eine bewegte Vergangenheit zurück. Schon im 16. Jahrhundert begannen sich die Einwohner durch Mauern zu schützen. Gern ließ man sich an den schwer zugänglichen Hängen über dem Mittelmeer nieder. Die Notwendigkeit sich zu verteidigen und zu schützen blieb über Jahrhunderte bestehen. An der gesamten Cote d´Azur gibt es mehr als 120 dieser Felsennester, die durch die Höhe ihrer Häuser und eng aneinander gedrängte Fasssaden beeindrucken. Im Innern der Dörfer enstand ein Labyrinth enger Gässchen, Treppen und überdachten Passsagen.
Am Abend warten wir gespannt auf das erste Diner der Gourmetküche von Mimi Brothier. Schon längst hat sich unser Gaumen an den würzigen Pastisse als Aperatif gewöhnt. Nackte Ravioli, Kürbisblüten und gegrillte Sardinen kommen auf die mit riesigen Rosensträußen und rotweißkarierten Decken dekorierten Tische. Bei einem köstlichen Rosé und angeheizt von den Klampfen der Straßenmusiker zieht sich der Abend wie immer an frischer Luft hin. Nie gelingt es alle Impressionen des Tages zu verarbeiten. Unmittelbar schmieden wir neue Pläne, versuchen die Interessen unter einen Hut zu bringen.
Tag 7, Mittwoch der 15. Oktober
Nice bzw. Nizza will heute von uns erobert werden. In dieser lebhaften, fast italienschen Stadt kommt südliches Piazza-Feeling auf. Protzige weiße Villen und Hotels im Kolonialstil bilden fürstliche Anwesen. Kathedralen und reich verzierte Chateaus entführen uns bei strahlendem Sonnenschein in eine andere Welt: Die Belle Epoque. Die französisch „schöne Epoche“ ist eine Zeit des gesteigerten Lebensgefühls trotz innenpolitischer Krisen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Der zunehmende Wohlstand durch die Modernisierung ermöglicht leichte Vergnügungen auf Bällen, in Theatern und bei Pferderennen. Bis zum Ausbruch des 1. Weltkrieges hielten die rauschenden Feste an. Viele englische und russische Adlige wählten Nizza auf der Flucht vor dem heimischen Winter als Ferienort. Hier stellten sie ihre Vorliebe für das Pittoreske und alles Maß Sprengende unter Beweis.
Als Kunstreisende bewegen wir uns abseits aristokratischer Spuren und finden das Museé National Marc Chagall mit seinen biblischen Bildern schnell. Es ist das erste einer Reihe von französischen Nationalmuseen, die dem Kultur- und Kommunikationsministerium unterstehen. Die 17 großen Gemälde des Zyklus „Le Message Biblique“, mit denen Chagall seine Vision des Alten Testaments illustriert, bringen uns zum Träumen. Seit seiner frühesten Kindheit faszinierte den in Weißrussland 1887 geborenen Maler die Heilige Schrift. Er empfand sie als große poetische Inspiration und erklärt: „Alle meine Bilder sind ein Abbild dessen , was ich wie in einem Himmel gesehen und jeden Tag in meiner Seele verspürt habe. Ich versuche alles in meinem Herzen zu bewahren.“
Wir behalten den großen Malerpoeten, die Schöpfungsgeschichte und den Auszug aus Ägypten noch lang im Herzen. Kunstbegierig und etwas verschreckt von dem mit Japanern überfülltem Museum wenden wir uns seinem Zeitgenossen Henri Matisse zu. Statt Überverlängerung und Verbiegung bevorzugt der Protagonist des französischen Expressionismus Formvereinfachung und großflächige Einfarbigkeit. Matisse entdeckte 1917 die Cote d`Azur: „Als ich verstanden hatte, dass ich dieses Licht jeden Morgen wieder sehen würde, konnte ich mein Glück nicht fassen.“ Die Kraft dieser Erleuchtung begutachten wir im Musée Matisse – eine Genueser Villa aus dem 17. Jahrhundert, die stechend rot aus einem silbergrünen Olivenhain ragt. Hier befindet sich die persönliche Sammlung des Malers, darunter seine berühmtesten Gemälde. Der weite Fußweg hat sich gelohnt.
Henri Matisse (1909): „Ich träume von einer Kunst des Gleichgewichts, der Reinheit und Ruhe, ohne jede Problematik, ohne jedes aufwühlende Sujet, die dem geistigen Arbeiter (...) geistige Beruhigung verschafft, seine Seele glättet, ihm eine Erholung von den Mühen des Taegs und seiner Arbeit bedeutet.“
Resumee
Seit die grossen Künstler des Impressionismus und des Post-Impressionismus wie Renoir, Monet, Sisley oder Signacv, am Ende des 19. Jahrhunderts an die Cote d´Azur gekommen sind, hat diese Region ohne Unterlass die größten Schöpfer aufgenommen. Überwältigt vom Licht, ließen sich alle von der paradiesischen Landschaft inspirieren. Soutine, Bonnard und Matisse ließen sich rasch nieder und schufen jeder auf seine Art ein exemplarisches Werk. Nach dem Zweiten Weltkrieg erlagen Picasso, Chagall, Dubuffet, Sutherland und Léger ihrerseits dem Charme dieser Region. Sie gesellten sich zu Picabia, Magnelli oder Arp. Wir konnten all uns diesen Namen nicht gleichermaßen widmen.
Die Cote d´Azur, ein Geschöpf der Belle E´poche, wird im 20. Jahrhundert ein mythischer Ort der modernen Kunst. Die größten Künstler aus aller Welt fanden sich hier ein, um ihr Werk fernab von der Hektik der Kunstkapitalen fortzusetzen. Zwischen 1918 und 1958 avanciert die Gegend geradezu zur Brutstätte der künstlerischen Kreativität, die der Geschichte der modernen Kunst eine mediterrane Prägung verleiht. Der Umfang dessen lässt sich in kurzer Zeit nur erahnen. Zukünftig wird uns dieser Teil Südfrankreichs immer wieder begegnen, denn von der Moderne zur Avantgarde und zur Nizzaer Schule schaffen Künstler heute auf den Spuren der hier Tätigen die Meisterwerke des dritten Jahrtausends. Die angemessene Begegnung mit allen Künstlern, die an der Cote d´Azur gelebt und gearbeitet haben, beansprucht mehr Zeit als wir haben.