Kreatur
Der Morgen beginnt wie
jeder andere der bisher 240 Tage hier. Der Mond steht hoch am schwarzgrauen
Himmel: still, unantastbar und scheinbar unbeweglich. Starr wacht er über dem
anbrechenden Tag. Der graue Schleier der Nacht ist bereits mürbe und bedeckt
nur noch stellenweise die vom Tau benetzte Straße. Kein Laut ist zu hören. Doch
weiß sie es besser, wenige Kilometer weiter herrscht bereits das Großstadttreiben
– und sie muss mitten hinein.
Fröstelnd zieht sie ihren
Kragen im Nacken höher und ihren Schal fester zusammen, um die eindringende
Herbstkälte abzuwehren. Sie beschleunigt ihren Schritt und blickt mit Demut auf
die Wagen, an denen sie am Straßenrand vorbeizieht. Eine erste dünne
Frostschicht bedeckt die Autos und kündigt den nahenden Winter an. Winter – den
ersten Schnee, kalte Füße und eine Adventszeit ohne ihre eigene Familie. Ach,
wie sehr wünscht sie sich, wieder zuhause zu sein, in der Harmonie, in der
Heimat, die jetzt so weit weg ist … Doch sie hatte ihren Job hier angetreten, und
das war jetzt ihr neues Leben. Jeden Tag arbeiten, sich sprichwörtlich den
Hintern aufreißen, ohne Freizeit, nur schlafen, essen, arbeiten. War das ein
Leben? Jeden Tag setzte sie sich das Ziel, etwas für sich selbst zu tun, und
immer rannte der Tag an ihr vorbei. ‚Wo ist der Sinn?’, fragt sie sich wieder
und wieder und setzt einen Schritt vor den anderen, während das Klappern ihrer
Tasche sie im Takt begleitet. Plötzlich erstarrt sie. Da ist er wieder! Dieser
Schatten! Sie zuckt zusammen und hält
den Atem an. Blitzschnell vergleicht sie ihren langen, vertrauten Schatten mit
dem kleineren, der schräg daneben durch das Licht der Straßenlaterne auf den
Asphalt geworfen wird. Er bewegt sich viel langsamer und folgt ihr doch. Sie
lauscht angestrengt, doch nimmt wie immer nur das Rascheln des tanzenden Laubes
wahr. Das ist normal, da ist niemand! Das ist ein reines Spiel von Licht und
Schatten. Doch trotzdem hastet sie schneller in Richtung Hauptstraße. Hier
würde man sie eher sehen als neben den Büschen, wenn jemand kommen würde, um
sie zu schnappen. „Da ist nichts!“, sagt
sie sich immer wieder. Erst gestern hatte sie sich in der gleichen Situation ruckartig
umgedreht und ihre Umgebung sorgfältig und ängstlich geprüft. „Es ist normal –
zwei Schatten. Die hat jeder. Ein Lichtspiel. Ich sehe Gespenster. Nicht hinter
jedem Baum lauert etwas Kriminelles.“
Doch jemand weiß es besser.
Lauernd zieht er sich weiter in das Gebüsch zurück, schabt mit seinem Lackschuh
in dem feuchten Blattwerk umher und saugt den Duft ihres Parfüms ein. In seinem
Blick liegt etwas Bedrohliches, doch zugleich auch etwas, das man mit dem Wort
Sehnsucht am besten beschreibt. Und er würde warten. Er würde warten, bis sie
wiederkommt.
Gereizt und entnervt macht
sie sich am späten Abend auf den Heimweg. Der Mond steht wieder am Himmel,
immer gleich hell, doch jetzt viel schmaler. ‚Wenn die Nacht anbricht, kriech
ich in die Wohnung’, denkt sie sich und drückt ihre Arme beim Gehen enger an
den Körper. Wehmütig blickt sie zum schwarzen Horizont auf und sieht die ersten
Sterne, die am klaren Himmel funkeln. Die Motorengeräusche vorbeifahrender
Autos entfernen sich. Sie biegt in den kleinen Schleichweg ein, der von Bäumen umgeben
ist. Fast täglich konnte sie hier ein Eichhörnchen vorbeihuschen sehen. Kleine
muntere Gesellen, die hier zuhause waren. Lustlos seufzt sie. Ihr warmer Atem
bildet beim Ausschweifen einen sichtbaren Nebel. Die nasse Kälte setzt sich auf
ihren langen, welligen Haaren ab.
„Es kotzt mich so an. Jeden
Tag nimmst du dir was vor, und dann …“, brubbelt sie so vor sich hin. „Nur
zwei, drei Stunden mehr am Tag, für mich, für mich selbst, zum Ausspannen,
einfach um Dinge zu tun, die mir so in den Sinn kommen.“ Verärgert beschleunigt
sie ihren Schritt und spürt dabei, wie ein langsames Kribbeln durch ihre Beine
zieht und sie zu Wackelpudding werden lässt. Sie verlässt den Pfad und biegt auf
die Straße in Richtung der anvisierten Wohnung ein. Neidisch blickt sie auf die
umliegenden Häuser reicher Leute, die hell beleuchtet sind und in denen garantiert
Familien gemeinsam, harmonisch beieinander sitzen. Sie fühlt sich einsam.
Als ihre Laune auf dem
Tiefpunkt ist, passiert sie die geparkten Wagen vor ihrem Häuserblock und trabt
träge die letzten Meter der Haustür entgegen. Ihr Kopf fühlt sich so voll an
und doch spürt sie gleichzeitig eine unbeschreibliche Leere in sich. Deprimiert
öffnet sie die Tür und lässt sie mit einem Krachen hinter sich ins Schloss
fallen.
Bekümmert lehnt er sich
gegen das Gerüst der Schaukel auf dem Spielplatz vor dem Haus. Die
Straßenlaternen werfen kaum Licht auf ihn. Seine schwarzen Lackschuhe versinken
nach und nach in dem feinen Untergrund des Sandkastens. Wehmütig beobachtet er,
wie das Licht im Erdgeschoss angeht. Gleich würde er sie nicht mehr sehen
können. Sie, die er Melissa taufte. Seit Jahren folgt er ihr, unentdeckt an
ihrer Seite. Er stellt sie sich vor, ihre zarten Lippen, kleine wellige. Er
fährt sich mit dem Finger über die eigenen. Sein Verstand überschlägt sich und
er hört in Gedanken ihr liebes Lachen, das er so lange nicht vernommen hat. Er
liebt sie, begehrt sie, ihr Wesen, ihre strahlenden, doch müden Augen. Er sehnt
sich danach, ihre blasse Haut zu berühren.
Plötzlich tritt sie ans
Fenster. Er erschrickt und fällt aus seinem Traum. Ihre schlanke Silhouette
beugt sich über ein paar Blumen. Und wieder spürt er etwas, das er vorher nicht
kannte – Wärme.
Was hatte ihn hierher
geführt, in diese fremde Welt? Warum hatte er sie gefunden? Er schlägt sich das
lange Haar aus dem Gesicht und sinkt auf die Knie. Seine Hände stützen sich in
dem feuchten Sand ab. Seine schwarzen Haarspitzen malen wirre Gebilde auf die
feuchte Erde, während der Wind sie umherbläst. Er blickt auf den dunklen
Untergrund, dann wieder hoch zu ihr, zu ihr – dort ganz nah in dem beleuchteten
Raum, so dicht bei ihm. Seine langen Nägel graben sich tief und fest in den
Dreck. Er hat das Bedürfnis, bei ihr zu sein, nichts weiter. Bedürfnis, was ist
ein Bedürfnis? Er, Shyharatan, er sollte keine Bedürfnisse haben. Er, nicht
Mensch, nicht Tier, ein Wesen ohne Gefühl. Doch das stimmt nicht. Was immer er
auch ist, er spürt es deutlich, ein Gefühl, ein Drängen, diesen Wunsch, bei ihr
zu sein. Doch was ist er? Er wandelt bei Nacht – nicht wirklich real, oder
doch? – in seiner eigenen Welt. Verzweifelt denkt er über all das nach. Er ist
kein Werwolf, kein Vampir, keines der mystischen Geschöpfe, von denen die
Menschen sprechen. Und doch ist er ‚Er’ – nur was? Wütend ballt er seine Hände
zu Fäusten, Hände, die doch so denen der Menschen gleichen. Verzweifelt
umfassen seine schmalen Finger die aufgewirbelte Erde und werfen den Sand
hinfort. „Ich verspüre keinen Hunger, doch trotzdem bin ich.“ Während er über
seine Herkunft nachdenkt, brennt eine unstillbare Sehnsucht in ihm. Langsam
schwindet sein Verstand, und Realität und Traum vermischen sich. „Wie kann ich
mit dieser Sehnsucht leben? Oder mit ihr? Für sie bin ich nicht real, nur im
Traum. In den Träumen, die ich ihr schicke, in denen sie mich begehrt. Ich
würde nie mit ihr zusammen sein können. Oder?“ Mit einem Anflug von Wahnsinn in
den klaren tiefblauen Augen denkt er an die schwarze Rose, das heilige Gewächs,
an dem seine ganze Existenz hängt. Die Sehnsucht ist kurz davor, jeden letzten
klaren Gedanken zu verschlingen, bis er diesen in Worte fasst: „Es gibt nur
einen Weg. Ich werde es tun.“ Und er bricht auf, schnürt seinen Mantel eng um
sich. Er bricht auf, um die Rose von Shyán, Shyharatans Rose, zu holen, selbst
wenn dieses Vorhaben seine gesamte Existenz beenden sollte, soweit er überhaupt
existiert.
Ihr Traum stürzte schneller
auf sie ein, als die Nacht gekommen war. Sie streckt sich leidenschaftlich.
Zärtlich streicht sie im Halbschlaf über ihre angefeuchteten Lippen und
verzehrt sich nach ihm. Schüchtern beugt er sich über sie. Seine langen Haare
streifen ihre nackten Brüste und kitzeln ihren Bauch. Sanft berührt sein Gesicht
ihre heißen Wangen. Vorsichtig bahnt sich seine Zunge den Weg auf ihre Lippen,
bis sie sie zärtlich umkreist. Sie schlingt die Arme um ihn und drückt ihn an
ihre Brust. Seine Hand fährt behutsam an ihrem Oberschenkel entlang. Sein
heißer Atem dringt an ihren Nacken, während er sich über ihr windet. „Lass mich
nie wieder gehen“, haucht er ihr ins Ohr. Sie spürt ein Kitzeln zwischen ihren
Schenkeln und verzehrt sich nach ihm.
Plötzlich hört sie einen
lauten Knall. Erschrocken fährt sie hoch und sitzt nun senkrecht im Bett.
Verstört sieht sie sich um. Im Halbdunkel tastet sie nach dem Schalter ihrer Lampe.
Sie knipst sie an und sieht sich prüfend um. Das grelle Licht lässt sie die
Augen zusammenkneifen. „Was war das für ein Geräusch?“ Ihr Herzschlag hört für
einen Moment auf. Sie lauscht angestrengt. Er jetzt bemerkt sie, dass ein
Windhauch durch das Zimmer saust und die Gardine emporwirbelt. Auf einmal kippt
das Fenster mit einem Ruck nach vorne und wird lediglich von der
Metallhalterung gestoppt. Erleichtert lehnt sie sich gegen die Wand. „Ich hab
das Fenster nicht richtig zugemacht.“ Sie atmet tief ein und hört nun den Wind,
wie er stürmisch gegen die Glasscheibe stößt und sie mit kräftigen Regentropfen
bespritzt. Ihr Pyjama ist völlig durchgeschwitzt. Verwundert fährt sie sich
über die feuchte Haut. Jetzt kommt sie wieder, die Erinnerung an diesen gerade
erlebten, intensiven Traum. Sie seufzt. „Ach gebe es ihn doch wirklich.“ Müde
schaut sie auf den Wecker. „Oh nein, höchste Zeit zu schlafen.“
Er wartet ein paar Minuten
und macht leise das Fenster zu. Unbemerkt tritt er in das Zimmer. Er lässt sich
auf den Teppich sinken und beobachtet sie. „Wie sie so friedlich schläft.“ Wie
in Trance hält er sie in den Händen und dreht sie, seine schwarze Rose. Und so
verharrt er, die ganze Nacht, unbemerkt, in ihrer Nähe.
Liebevoll streckt er seine
Hand nach ihr aus und zögert. Fest umklammert hält er die Rose in der anderen
Hand. Plötzlich fährt sie aus ihrem Schlaf hoch und richtet sich steil auf. Erschrocken
stürzt er rücklings gegen die Wand. Er verharrt in der Zimmerecke. Sie atmet
heftig. „Warum bin ich aufgewacht?“ Sie starrt in die Dunkelheit ihres Zimmers.
Völlig schlaftrunken tastet sie nach ihrem Wecker. Ihr Zeigefinger drückt auf
den kleinen Schalter und lässt das Ziffernblatt erleuchten. „Oh nein. Ich muss
bald wieder aufstehen!“ Sie seufzt und lässt sich wieder auf ihr Kissen fallen.
Er atmet auf und tritt einen
Schritt näher an ihr Bett. „Hat sie die Augen geschlossen?“ Vorsichtig lässt er
sich neben ihrem Kopfende nieder und betrachtet ihr liebliches Gesicht. Wenn
sie nur jetzt die Augen öffnete!
Verträumt seufzt sie. „Warum
nicht noch fünf Minuten schlafen.“ Sie atmet tief ein und versetzt sich wieder
in eine andere Welt. Ihr nächster Traum nimmt Farbe an.
Ein eisiger Wind zieht über
das Land, die graue, triste Landschaft, deren Vegetation ausgestorben zu sein
scheint. Der Himmel verdunkelt sich. Zwischen den aufgewirbelten Blättern liegt
er, regungslos. Mit letzter Kraft streckt er seine Hand nach ihr aus. Sie bewegt
sich schwerelos fort. „Mein Liebster, was ist mit dir geschehen?“ Sie beugt
sich zu ihm hinunter. Zärtlich haucht sie ihm einen Kuss auf die Stirn und
streicht ihm eine lange Haarsträhne aus dem Gesicht. Seine klaren Augen blicken
sie traurig an, durchdringen ihren Körper bis ins Mark. „Verlass mich nicht,
mein Liebster!“ Sie legt ihren Oberkörper auf den seinen und lauscht seinem
Herzschlag. „Du bist mein Alles!“ Sanft und behutsam fährt sie mit ihrem
Zeigefinger seinen nackten Arm entlang, vorbei an seinem Ellenbogen, bis
hinunter zu der tiefen Narbe an seinem Handgelenk. Vorsichtig umspielt ihr
Finger seine zarten Fingerkuppen, die sie so oft gestreichelt haben. „Bitte
verlass mich nicht!“ Doch seine Augen starren ausdruckslos durch sie hindurch.
Sie richtet sich noch einmal auf und bricht dann über ihm zusammen …
Versteinert steht er da und
kann nicht fassen, was er soeben in ihren Gedanken gelesen hat. „Wie kann das
sein? Sie träumte von mir, doch diesen Traum schickte ich ihr nicht!“
Er schüttelt den Kopf. „Ich
kann jetzt nicht mehr anders.“ Sein Gesicht nimmt wieder diesen irren Ausdruck
an. Er tritt noch einen Schritt näher. Plötzlich stößt sein Fuß gegen etwas
Hartes. Ein kurzer Aufschrei dringt durch das Zimmer. Ruckartig fährt sie hoch.
Ein lauter Schrei entfährt ihrer Kehle. Plötzlich sieht sie eine dunkle Gestalt
neben sich. Oder ist es nur Einbildung? Ein Traumgebilde? Schnell macht sie
einen Satz aus dem Bett und hastet in den Flur. Ihr Verstand übertönt die
Angst. Wie eine Eule bewegt sie sich im Dunkel. Eilig tastet ihre Hand nach dem
Lichtschalter im Flur und lässt die Lampe im gleichen Moment erleuchten. Sie rennt
ins Wohnzimmer. Hier im Halbdunkel hört sie ein lautes Klirren. „Was war das?“
Ihre Angst kommt zurück. Sie zittert und spürt eine Gänsehaut ihren Rücken
hinauflaufen. Sie drückt ihren Arm fest an den Körper und schiebt mit dem
anderen vorsichtig die Wohnzimmertür ein Stückchen weiter auf. Das Flurlicht fällt
in das Zimmer. „Ahhh!“ Sie fällt rücklings auf den Teppichboden. Wimmernd kriecht
sie davon. Da ist jemand in ihrem Zimmer! „Das ist ein Traum, das muss ein Traum sein.“
Plötzlich hört sie die Schritte dieser Gestalt näherkommen. Tripp, tripp,
tripp. Er nähert sich ihr mit energischen Schritten. Sie drückt sich in die
Ecke des Flurs und wagt es nicht, sich umzuschauen. Tripp, tripp, tripp. Sie
presst den Kopf fest zwischen die Knie und die Augen fest zusammen. Tripp,
Tripp. Er muss direkt neben ihr stehen. Etwas berührt ihre Hand. Sie schreit
auf und hebt ihren Kopf. Doch plötzlich erstarrt sie. Das konnte nicht sein.
Vor ihr, auf Knien, hockt er, die Gestalt aus ihrem Traum, ihr Liebhaber. Ihr
wird übel. „Das ist alles nur ein Traum!“ Um sie herum beginnt sich die Welt zu
drehen. Sie lässt ihren Kopf sinken und fällt in eine Ohnmacht. Er erschrickt:
„Nein!“ Schnell lässt er seine Rose fallen und schüttelt sie.
„Oh was habe ich nur getan!
Ich hätte dieses Risiko nicht eingehen sollen!“ Er schlägt sein langes Haar
zurück, beugt sich noch ein Stück weiter zu ihr hinüber und umfasst ihre
Hüften. Vorsichtig hebt er sie an und steht auf. Liebevoll schlingt er ihren
Arm um seinen Hals, während er sie behutsam ins Schlafzimmer trägt. „Oh wie sie
riecht, wie warm sie ist.“ Er beugt zärtlich seinen Kopf hinunter und berührt
im Gehen mit seiner Wange die ihre. Vorsichtig legt er sie auf das Bett und
setzt sich neben sie. „Du bist so schön.“ Er hebt seine Hand und streichelt
zärtlich über ihre Augenlider. „Deine Haut ist so weich. Wie lange habe ich
davon geträumt, dich zu berühren.“ Plötzlich öffnet sie die Augen. Benommen
starrt sie ihn an, doch ihr Herz schlägt langsam und monoton. Fragend schaut er
sie an. „Bist du da? Träumst du?“ Langsam dreht sie ihren Kopf, und ihr Blick
streift durch das Zimmer, bis er wieder bei ihm ankommt. Er greift nach ihrer
Hand, die sie sogleich zurückziehen will. Doch er hält sie fest. „Fürchte dich
nicht!“ – „Wer bist du?“, fragt sie mit einer ausdruckslosen Stimme. „Ich
träume, oder? Ja, na klar. Ich habe schon oft von dir geträumt.“ Er schüttelt
den Kopf und beugt sich zu ihr hinunter. Seine langen Haare berühren ihre
Kehle, die sich im gleichen Moment zusammenzieht. „Ich träume doch.“ – „Nein,
mein Liebes, du träumst nicht.“ Er lässt seinen Kopf tiefer sinken. „Ich bin
wirklich da. Diesmal bin ich kein Traum“, haucht er ihr ins Ohr. „Na klar!“,
kontert sie benommen und schlaftrunken. „Ich liebe reale Träume. Und gleich
fällst du über mich her und liebst mich die ganze Nacht.“ Verdutzt hebt er
seinen Kopf und sieht sie an. ‚Sie denkt wirklich, ich sei ein Traum!’ – „Na
los, liebe mich!“ – „Das kann ich nicht!“, wehrt er ab. „Aber das machst du
doch sonst auch in meinen Träumen!“ Er schüttelt noch einmal den Kopf. Sie spürt
weder Angst noch Aufregung. Eine angenehme Leichtigkeit durchzieht ihren
Körper. „Ein schöner Traum!“, seufzt sie. ‚Aber sie war doch im Flur noch
hellwach, oder nicht?’, denkt er. – „Beug dich zu mir herunter, mein Liebster!“
Fragend sieht er sie an. ‚Nein, das kann ich nicht tun. Sie ist nicht wirklich
da.’ Doch sein Verlangen ist stärker. Er beugt sich zu ihr hinunter. Das Blut
in seinen Adern pulsiert. Ungeduldig zieht er an seinem Mantel und wirft in von
sich, in den einfallenden Lichtstrahl aus dem Flur. Er hebt ein Bein. Dann legt
er sich auf sie. Er beugt sich nach vorne und hebt seinen Unterkörper an.
Schweigend beugt er sich wieder hinunter. Fast unmerklich berühren seine Lippen
ihren zarten Mund. „Ich will dich immer wieder!“, haucht sie ihm entgegen.
„Aber du träumst doch!“, flüstert er. Leidenschaftlich schiebt er seine Zunge
in ihren Mund und zieht spielerisch Kreise an der Innenseite ihres Mundes. Sie
erwidert seine Leidenschaft und setzt in sein Spiel ein. „Ich will dich!“,
haucht er. „Wer bist du? Warum erscheinst du mir immer wieder?“ – „Weil ich
dich liebe. Ich suche schon so lange deine Nähe!“ – „Wie ist dein Name?“ –
„Shyharatan, meine Liebste!“ - „Aber woher kommst du?“ – „Aus einer Welt, die
nicht deine ist!“ – „Erzähl mir mehr davon!“ – „Nein, das willst du nicht!“ –
„Doch!“ – „Nein. Diese Welt ist dunkel und trist!“ Er küsst sie zärtlich auf
die Wange. „Aber ich will mit dir in dieser Welt leben!“ – „Das geht nicht!“ –
„Aber ich begehre dich!“ Sie zittert und hebt ihren Kopf. „Ich habe dich lange
beobachtet. Ich weiß, dass du dich hier nicht wohl fühlst. Aber es gibt nur
einen Weg …“ – „Einen Weg?“ – „Wie du mit mir zusammenleben kannst!“ – „Erzähl
mir davon!“ – „Bist du denn wach oder träumst du?“ Sie sieht ihn schweigend an.
„Mein Leben ist begrenzt. Du würdest mit mir sterben. Es gibt eine Rose. Eine
schwarze Rose. Sie ist der Schlüssel in meine Welt, sie stoppt die Zeit der
Gegenwart. Du könntest deinem jetzigen Alltag entfliehen und hättest endlos
viel Zeit. Doch wenn sie verblüht ist … ist unser beider Leben vorbei. Ich will
nicht, dass du sterben musst. Nimmst du erst meine Rose, bist du für immer an
mich gebunden!“ – „Aber warum stirbst du, wenn eine Rose verblüht?“ – „Sprich
nicht weiter, mein Engel!“ Er senkt seinen Körper und legt sich fest auf sie.
Ein Kribbeln bemächtigt sich ihres Leibes. Sie schlingt die Arme um seinen
Oberkörper, während er seinen Arm unter ihren Rücken schiebt. Sein Unterleib
drängt sich gegen ihren. Gierig fährt seine Hand über ihren Hals. „Ich will
dich schmecken. Ganz und gar liebkosen!“ Einen Kuss nach dem anderen haucht er
in ihren Nacken. Seine Zunge fährt ihren Hals hinauf und dringt in ihre
Ohrmuschel ein. Sie lässt ihre Hand auf seinem Rücken wandern. Zärtlich
streichelt sie ihn. „Das ist ein schöner Traum!“ – „Psst!“, flüstert er und
legt seinen Zeigefinger auf ihren Mund. Liebevoll haucht sie einen Kuss darauf.
Er richtet sich nun auf,
schlägt sein Haar zurück in den Nacken und legt seine Hand auf ihren Bauch. ‚Wie
lange habe ich mich nach ihr verzehrt, und jetzt ist es wahr geworden. Aber ich
darf es nicht tun. Sie ist ihrer Sinne nicht mächtig.’ Doch plötzlich zieht sie
ihn wieder zu sich herunter. Er verdrängt sein Unbehagen. Langsam wandert seine
Hand ein Stück höher und öffnet die Knöpfe ihres Pyjamas. Seine zittrigen
Finger legen nun ihre nackte Haut frei. Ausdruckslos sieht sie ihn an und
streichelt beständig seinen Rücken. Er senkt seinen Kopf. Seine Hände umranden
ihre warmen Brüste. Vorsichtig berührt seine Zungenspitze ihre kleinen Knospen.
Sie zuckt zusammen und schiebt ihn von sich. Doch er hält sie fest und drückt
sie zurück auf das Bett. Er richtet sich ein Stück auf und haucht ihr wieder
einen zärtlichen Kuss auf die Stirn. „Hab keine Angst!“ Er legt sich auf die
Seite und schiebt den Pyjama vollständig zur Seite. Noch immer spürt sie keine
Angst. „Das ist alles ein Traum, nicht wirklich.“ Trancegleich dreht sie sich
zu ihm. Seine Hand umkreist ihren Bauchnabel. Fragend sieht er sie an. Seine
Hand wandert hinunter. Langsam schiebt er sie unter ihren Slip. Sie schmiegt
sich enger an ihn, während sein Finger sanft das Haar ihres Venushügels
umspielt. Sie zuckt kaum spürbar zusammen und drängt sich ihm weiter entgegen.
Sein Finger gleitet tiefer und berührt nun das feuchte Tal ihrer Fruchtbarkeit.
Zärtlich umkreist er den nassen Hügel. Seine Stimme zittert: „Ich will dich
spüren!“ Aufgeregt greift er mit der anderen Hand nach seinem Hosenbund.
Erschrocken sieht sie ihn an. „Fürchte dich nicht. Ich tu dir nicht weh!“ Sein
Verlangen ist ungestillt und wächst weiter an. Sie richtet sich auf und er
lässt von ihr ab. Langsam zieht er den Reißverschluss seiner Hose hinunter und zieht
seine Shorts aus. Mächtig und fest ragt sein Liebesstab in die Höhe. Er erhebt
sich und zieht sie zu sich heran. Sie schlingt die Arme um ihn und schenkt ihm
einen Kuss auf die Wange. Er zittert noch immer. Schweiß zeichnet sich auf
seiner Stirn ab. Vorsichtig hebt er sie an und legt sie vor sich auf den grauen
Teppich. „Ich will dich!“ Nervös spreizt er ihre Beine. Vorsichtig setzt er
seinen Stab an ihre Lustgrotte. Langsam reibt er an ihr. Sie drängt sich ihm
entgegen und zieht ihn näher zu sich heran. In diesem Moment stößt er zu. Tief
dringt er langsam in sie ein. Ihr Verlangen verwandelt sich in unbändige Lust,
und sie stemmt ihren Unterleib seinem heftig entgegen. Beständig stößt er sein
Glied tiefer und tiefer in sie hinein, und nun immer fester. Sie schlingt die
Beine um seinen Körper und gibt sich ihm ganz hin …
Nach einer Stunde lässt er
von ihr ab. Sie fällt erneut in tiefen
Schlaf. Liebevoll deckt er sie zu und kleidet sich an. Während er seinen Mantel
fest um seinen schwitzigen Körper schlingt, laufen ihm Tränen über die Wangen.
„Was hab ich nur getan! Ich sollte vor Glück strotzen und doch bin ich zu Tode
betrübt. Mein Engel!“ Er verlässt das Zimmer auf dem gleichen Weg, den er
gekommen war. Noch einmal blickt er sich um, dann tritt er hinaus in die Nacht.
Seine Tränen verlieren sich im strömenden Regen.
Schwache Sonnenstrahlen
dringen in das Zimmer, als sie erwacht. Sie blickt auf den Wecker: „Oh nein,
ich hab verschlafen!“ Es ist bereits nach elf. Sie seufzt, schlägt die
Bettdecke zurück und spürt auf einmal das nasse Bettlaken. Plötzlich schießt
eine Erinnerung in ihren Kopf: „Shyharatan!“ Ein starker Kopfschmerz dringt nun
in ihren Kopf. Sie fasst sich an die Stirn. „Mann, war das ein Traum, das kam
mir so real vor!“ Mühsam steht sie auf und wankt aus dem Zimmer. Sie denkt an
ihre nächtlichen Fantasien und schon wieder spürt sie die Erregung zwischen ihren
Beinen emporsteigen. „Böse Gedanken!“, grinst sie. Doch plötzlich erstarrt sie.
Ihre Augen sind fest auf den Teppich im Flur gerichtet. „Nein, das kann nicht
sein!“ Dort vor ihr liegt eine schwarze
Rose, blühend und schön. Aufgeregt rennt sie darauf zu. „Das kann nicht sein.“
Erstaunt greift sie nach dem stacheligen Stiel. In diesem Moment blickt sie auf
ihr Bild, das sich im Flurspiegel vor ihr abzeichnet. Ihre Haare waren
schweißgetränkt, an ihrem Hals zeichneten sich blaue Male ab. „Das kann nicht sein!“
In diesem Moment beobachtet Shyharatan sie aus der Flurecke heraus. „Na meine
Liebste, glaubst du mir jetzt, dass du nicht träumst?!“ Ruckartig dreht sie
sich um. „Aber …“ – „Psst!“ Sie hält inne. Er kommt auf sie zu und zieht sie zu
sich heran. „Auch wenn meine Zeit begrenzt ist, will ich dich lieben.“ Wie in
der letzten Nacht haucht er ihr einen liebevollen Kuss auf die Stirn. „Ich
werde jetzt gehen. Wenn du mich wiedersehen willst, nimm die Rose im
Mondenschein. Ich will dir die Entscheidung nicht zurechtlegen.“ Fluchtartig
verlässt er den Raum. „Shyharatan!?“, ruft sie ihm fassungslos hinterher. „Ich
kann das alles nicht fassen, falls es wirklich wahr sein sollte!“ Das Erlebte,
das sie für einen Traum hielt, zieht in Bildern an ihr vorbei. Grübelnd hält
sie die schwarze Rose in die Höhe und dreht sie herum. „Mondenschein,
verblühen, Verlangen.“ Sie schaut traurig. Doch dann ändern sich ihre
Gesichtszüge. Sie lächelt erwartungsvoll, mit einem tiefen Verlangen im Herzen …