Wird kritischer Journalismus in Sachsen-Anhalts Tageszeitungen
zur Mangelware? Welchen Einfluss haben Anzeigenleiter auf Redaktionen und die
Themenwahl? Ist die journalistische Autonomie in Gefahr? Sind Journalisten
käuflich?Dieses waren Fragen, die
Journalisten verschiedener Medienunternehmen am 13.März 2010 im Intercity Hotel
diskutierten. Organisiert wurde die Veranstaltung vomDeutschen Journalisten Verband -
Landesverband Sachen-Anhalt.
Als Gast wurde die Journalistin Wibke Bruhns begrüßt. Sie
berichtete über ihre Erfahrungen aus ihrem Berufsleben. Sie war unter anderem
die erste Nachrichtensprecherin beim ZDF.Für den Stern war sie als Nahost Korrespondentin tätig, für den ORB als
Chefredakteurin für das Ressort Kulturund im Jahr 2000 Pressesprecherin der Weltausstellung „Expo“, die damals
in Deutschland stattfand. Die Diskussion moderierteGerald Perschke. Er ist Vorstandsmitglied
des DJV Sachsen-Anhalt und arbeitet bei MDR Sputnik als Redakteur.
„Ich bin keine PR-Frau sondern eine politische
Journalistin“, sagte Wibke Bruhns über ihren Job als Pressesprecherin bei der
Expo.Sie nahm die Stelle an, weil sie
neugierig war, wie so ein große Unternehmung funktioniere.Rückblickend würde sieso eine Aufgabe nicht wieder übernehmen.
Dennochwar es
für sie keine verlorene Zeit gewesen, da sie viele Erfahrungen sammelteund somit ihre Neugier befriedigen konnte.
Während ihres Berufslebens als Journalistin spürte sie immer
wieder Druck von der politischen Seite, berichtete Wibke Bruhns, da zum
Beispiel die Gremien in denRundfunkräten politisch gefärbt seien. Heutzutage scheinen der Versuch
der Einflussnahme auf die Berichtserstattung und damit der Druck auf
Journalisten gerade aus Politik und Wirtschaft größer zu werden.
Journalisten stehenimmer im Spannungsfeld verschiedener Interessen, denn Medien haben
Macht. Darüber waren sich alle Teilnehmer einig. „In den 70zigern Jahren war
Werbung inredaktionellen Berichten
völlig verpönt.“, sagte Ulrike Kaiser vom DJV-Bundesvorstand, die damals bei
einer Tageszeitung arbeitete. Über Geschäftseröffnungen wurde nicht berichtet.
„Dieses hat sich heutzutage völlig geändert“, erklärte sie, „die Redaktionen
sind in dieser Hinsicht mit der Zeit völlig verroht“. So ist es normal
geworden, dass Anzeigenleiter Vorgaben machen wie und ob der Journalist über
Firmen berichten soll, aus Angst Anzeigenkunden zu verprellen. Dabei kann sich
gerade dieses Verhalten als kontraproduktiv erweisen, gab die Journalistin Maria
Barsi zu bedenken. WennFirmen in
redaktionellen Beiträgen präsent sind, macht dies Anzeigenschaltungen
überflüssig.
Es wurden mehrere Beispiele aus dem journalistischen Alltag
diskutiert. Zum Beispiel übereine
Journalistin dieentlassen wurde,
nachdem sie kritisch über die Arbeitsbedingungen beim Discounter Lidl
berichtete. Da Lidl regelmäßig ganzseitige Anzeigen in der betreffenden Zeitung
schaltete, bestand der Verdacht, dass Lidl Druck auf die Zeitung ausübte.
„Ich bekam den Mund nicht mehr zu“, berichtete der
DJV-Vorsitzende des Landesverbandes Sachsen-Anhalts Uwe Gajowski, als ihm
gegenüber der Geschäftsführer vom Magdeburger Stadtfernsehen MDF1 offen zugab, dass
Anzeigenkundenselbstverständlich
Einfluss auf redaktionelle Themen haben. „Man müsste die Landesmedienanstalten
informieren“, sagte er, „dafür hat der Sender sicher nicht seine Sendelizenz
bekommen“.
Gerald Perschke stellte die Frage zur Diskussion, in wie
weit Journalisten selbst käuflich seien. „Da wird zum Beispiel ein Journalist
von einem Reiseveranstalter zu einer Reise eingeladen, mit dem Ziel das über
ihn berichtet wird.“ Mehrere Teilnehmer äußerten sich dazu, dass dies gängige
Praxis sei. Oftmals könnten Zeitungen Reiseberichte gar nicht anders
finanzieren. Es sei auch völlig in Ordnung, soweit die Transparenz in der
Berichterstattung gewahrt bleibt. So solltein dem Artikel angegeben sein, dass der Journalist eingeladen wurde. Die
Einladung sollte keine Garantie für die Veröffentlichung eines Beitrages sein.
„Wenn sich herausstellen sollte, dass das Thema für den Leser nicht relevant
ist, so ist es eben keinen Bericht wert.“, sagte Ulrike Kaiser.
Zum Ende der Veranstaltung stellte Gerald Perschke die
Frage, was Journalisten tun können, um ihre Autonomie nicht zu verlieren.Hier diskutierten die Teilnehmer noch einmal
lebhaft. Grundlage guter Arbeit ist die gründliche Recherche.An oberster Stelle steht die journalistische
Sorgfaltspflicht. Der Pressekodex sollte zum Redaktionsalltag gehören. Es
sollte nur über das berichtet werden, was für die Leser relevant ist.
Journalisten müssen ihr Tun regelmäßig hinterfragen und auch den Mund gegenüber
Redaktionen und Anzeigenabteilungen aufmachen. Notfalls muss man auch mit der
Konsequenz leben, aufgrund einer kritischen Berichtserstattung seinen Job zu
verlieren. „Man überlebt es“, ergänzte die lebenserfahrene Wibke Bruhn.
Kommentar
Was ist eine Zeitung ohne Anzeigenkunden? Arm dran. Was ist
eine Zeitung ohne Leser? Für den Anzeigenkunden uninteressant. Also wieder arm
dran. Interessengeleiteter Journalismus
spielt mit dem Vertrauen seiner Leser. Es ist ein gefährliches Spiel mit dem
Feuer, denn wer das Vertrauen seiner Leser verliert, verliert Anzeigenkunden
und brennt somit seine wirtschaftliche Existenzgrundlage nieder.
Zur Feier des 750-jährigen Bestehens Berlins besucht Ronald Reagan den westlichen Teil der Stadt.
1897
Das "Schweizer Messer", bereits 1889 als Armeemesser erfunden, wird als
Handelsmarke geschützt. Den ursprünglichen Funktionen - Klinge, Ahle,
Dosenöffner und Schraubendreher - wurden im Laufe der Zeit für die
zivile Nutzung zahlreiche andere hinzugefügt. Das umfangreichste Modell
besitzt 81 Werkzeuge mit 141 Funktionen und ist sogar im Guinness-Buch
der Rekorde zu finden.
1817
Karl Drais nutzt zum ersten Mal öffentlich die von ihm erfundene "Draisine" - ein Laufrad, das als Vorläufer des Fahrrades gilt.