Heiligabend, 16:15 Uhr.
Als Weihnachtsmann verkleidet stand ich an der Stadtbahnhaltestelle
in der Nähe meiner Wohnung. Ich wartete auf die Bahn, die mich
zu meinem ersten Einsatz als studentischer Weihnachtsmann bringen
sollte. Mit mir warteten noch ein paar auf Gangster gestylte
Jugendliche an der unterirdischen Haltestelle. Sie spielten sich
gegenseitig mit ihren Handys Rap-Lieder vor und rauchten Zigaretten.
Eigentlich herrschte hier
Rauchverbot. Aber sollte ich mich deswegen mit ihnen anlegen? Seit
dem U-Bahn-Überfall in München wusste man, wie das enden
konnte. Ob mich mein roter Weihnachtsmann-Mantel schützen würde?
Ich ließ es lieber bleiben und hielt ausreichend Abstand. Hier
roch ich nichts von dem Rauch.
„Ey Weißbart, was
guckst du?“, pöbelte einer der Jugendlichen.
„Dogan, lass den, das
ist doch der Weihnachtenmann!“, scherzte ein Zweiter. „Hey, du im
roten Bademantel! Wenn ich dich vor Dogan hier beschütze,
bekomme ich dann auch ein Geschenk?“, forderte der Zweite nun.
Blöde Sprüche.
Aber mir viel keine gescheite Antwort ein. Ich wollte Ärger
vermeiden. Die Bahn erlöste mich im genau richtigen Moment. Ich
stieg ein, die Mini-Gangster blieben draußen und warteten auf
eine andere Linie.
„Hey, du besoffener
Student! Mach die Kippe aus!“, brüllte jemand durch den Zug.
Jetzt roch ich auch
Zigarettenrauch. Das musste hier wirklich nicht sein. Ich konnte auch
niemanden mit Zigarette erkennen, der Wagen war fast leer. Es roch
auch eine Spur nach brennendem Plastik. Wer rauchte denn so ein
Kraut?
„Mama, warum hat der
Weihnachtsmann Feuer am Kopf?“, fragte das einzige Kind im Zug und
zeigte auf mich.
„Verdammte Scheiße,
die haben mir eine Kippe in die Kapuze geworfen“, fluchte ich und
versuchte umständlich, an meine Kapuze zu gelangen. „So eine
Scheiße aber auch, jetzt ist die Kaution futsch!“
Statt dem Kind zu
antworten, kam mir die Mutter zu Hilfe. Sie stülpte die Kapuze
um und trat die glimmende Zigarette auf dem Wagenboden aus.
„Das darf doch nicht
wahr sein! Jetzt ist hier ein fettes Brandloch. Das sieht man ja
sofort! Und es stinkt auch noch. Oh Mann, wenn ich die erwische!“,
brummelte ich lautstark vor mich hin, als ich den Schaden
begutachtete.
„Mama, warum darf der
Weihnachtsmann die Wörter sagen, die ich nicht sagen darf? Du
hast gesagt, wenn ich die bösen Wörter sage, dann bekomme
ich vom Weihnachtsmann Ärger und keine Geschenke. Warum sagt der
Weihnachtsmann das? Und von wem bekommt der Weihnachtsmann Ärger,
wenn er böse ist? Warum ist der Weihnachtsmann hier in der Bahn?
Warum ist er nicht bei uns zu Hause und legt mit Papi die Geschenke
unter den Baum, wie du es gesagt hast? Und wieso fährt der
Weihnachtsmann mit der Bahn, der hat doch seinen Schlitten?“,
fragte das Kind.
„Das ist nicht der
richtige Weihnachtsmann, das ist nur einer seiner Helfer. Und der
bekommt gleich Ärger mit mir, wenn er noch einmal ein böses
Wort sagt.“, argumentierte die Mutter und strafte mich mit einem
bösen Blick ab.
Ich bedankte mich für
die Hilfe und wollte dem Kind noch etwas nettes sagen, aber ich hatte
mein Ziel erreicht und stieg aus.
Ich steuerte das
Reihenhaus an, hinter dessen Wohnungstür sich die erste Familie
meines Laufzettels verbarg. Nach meinem Klingeln öffnete eine
große, schlanke Frau, die sich sehr edel herausgeputzt hatte.
Sie trug ein „kleines Schwarzes“, hatte sich eine Perlenkette
umgehängt und die passenden Perlenohrringe angesteckt. Ihre
blonden Haare waren etwas zu platinfarben, um eine natürliche
Haarfarbe zu sein.
„Schön, dass sie
das einrichten konnten. Herbert, mein Mann und Dennis erwarten sie im
Wohnzimmer.“, empfang mich die unechte Blondine.
Sie gab mir noch die
Geschenke, die ich wiederum Dennis, dem einzigen Kind im Hause,
überreichen sollte. Außerdem bekam ich von der Mutter noch
eine kurze Info, wie artig das Kind das Jahr über gewesen ist:
„Also, der Herbert und ich, wir sind natürlich sehr stolz auf
unseren Dennis. Was der schon alles kann. Er hat extra für den
Weihnachtsmann ein Violinenstück auswendig gelernt. Hören
sie sich das an und dann loben sie ihn, wie er es verdient. Nicht zu
sehr, versteht sich. Lob vom Weihnachtsmann ist beim ihm sowieso mehr
wert als alles andere.“
Die Mama, die von ihrem
Mann Britta genannt wurde, öffnete die Wohnzimmertür.
Dahinter verbargen sich ein gelangweilter Sechsjähriger in Hemd
und Pollunder und ein strahlender Papa im dunklen Anzug, der mich mit
einem Camcorder anvisierte. Strahlende Kinderaugen sahen anders aus,
als die stumpfen Augen von Dennis. Strahlende Kinderaugen sahen wohl
eher aus, wie die leuchtenden Augen von Papa Herbert. Der versuchte,
mit seiner Kamera jeden Augenblick einzufangen und sprach nur, um
Regieanweisungen zu geben. Anscheinend konnte er sich nicht so recht
entscheiden, welches der anwesenden Gesichter gerade das bedeutendste
war. Und so wackelte Herbert mit ruckartigen Bewegungen von mir zu
Britta, zu Dennis und wieder zurück. Immer wieder. Gerade so,
als würden wir drei unter uns ein wichtiges Tennismatsch
austragen.
„Hohoho, ich bin der
Weihnachtsmann“, nuschelte ich in meinen flauschigen Bart aus
Polyester.
„Von draußen, aus
dem Walde komme ich her. Ich muss sagen, es weihnachtet sehr.“,
versuchte ich mich an den Text zu erinnern. „Überall auffen
Tannenspitzen, sah ich goldene Lichterlein blitzen. Bevor es die
Geschenke gibt, singen wir ein Weihnachtslied.“, reimte ich
spontan. Das Kostüm, das mich draußen noch ganz passabel
gewärmt hatte, umgab mich nun mit einer brennenden Hitze, die
kaum auszuhalten war.
„Aber nein, lieber
Weihnachtsmann. Der Dennis spielt uns doch etwas auf seiner Geige
vor.“, verbesserte mich Mama Britta. Ich war mir noch immer nicht
sicher, ob Britta eine schreckliche Abkürzung für einen
echten Namen war. Oder ob sie tatsächlich so hieß.
Britta schubste ihren
Sprößling von seinem Stuhl und drückte ihm eine
kleine Geige vor die Brust. Mit gesenktem Kopf und herabhängenden
Armen stand der Kleine vor dem Tannenbaum und versuchte die ganze
Welt um sich herum zu ignorieren. Herbert hielt erst voll drauf, fing
dann aber den Weihnachtsbaum in seiner vollen Pracht ein.
„Dennis, nun nimm
schon! Nun mach schon! Wie wir es geübt haben!“, zischte
Britta und erhöhte mit dem Instrument den Druck auf der Brust
ihres Kindes.
Dennis ergriff
widerwillig Instrument und Bogen. Herbert schwenkte blitzartig auf
den Kleinen, als er die ersten Töne von sich gab.
Ich muss zugeben, ich bin
kein Fan von Geigen und kenne mich mit Streichinstrumenten nicht aus.
Aber das, was Dennis mit dem Ding zusammenfidelte, konnte beim besten
Willen nicht als Musik bezeichnet werden. Monoton kratzte Dennis mit
dem Bogen 13 Mal über die Saiten und erzeugte jedes mal ein
fürchterliches Quietschen.
Ich fürchtete schon,
dass Britta ihrem Sohn wegen dieser Frechheit den Kopf abreißen
würde. Stattdessen hüpfte sie klatschend durch den Raum, so
dass die Perlenkette wackelte wie der Schwanz eines Hundewelpen, der
sich vor Freude gleich einnässt.
„War das nicht
Her-Vor-Ra-Gend, lieber Weihnachtsmann.“, flötete Britta,
während ich mich noch stumm über die plötzliche Stille
freute.
„Ganz Wun-Der-Bar“,
antwortete ich und musste mir auf die Zunge beißen, um nicht
„sonderbar“ zu sagen. Was man für Geld nicht alles tat...
„Wie lange spielst du denn schon?“, wollte ich von Dennis wissen.
„Mit Vier Jahren hat er
das Instrument bereits für sich entdeckt!“, antwortete Britta
euphorisch für ihn. „Und seitdem hat er laufend Fortschritte
gemacht. Ist es nicht wahr, Herbert?“
Herbert hielt seinen
ausgestreckten Daumen vor die Kameralinse. Ich wollte gar nicht
wissen, welche Geräusche der arme Junge zu Beginn seiner steilen
Violinisten-Karriere von sich gegeben hatte.
Die Hitze in der
Weihnachtsmannkluft wurde immer unerträglicher. Ich wollte nur
noch raus aus der Wohnung, zurück an die frische Luft. Oder
wenigstens den Bart abnehmen und die Kapuze absetzen. Aber dazu
musste ich erst einmal die Geschenke loswerden.
„Dennis, weil du so
schön für uns gespielt hast und das ganze Jahr so artig
gewesen bist, bekommst du jetzt auch Geschenke von mir.“,
beschleunigte ich den Ablauf etwas. Ich nahm die Päckchen aus
meinem Weihnachtsmannsack und baute einen großen Turm vor dem
Jungen auf. Mit diesem Haufen an Päckchen hätte man eine
ganze Station des Kinderkrankenhauses glücklich machen können.
Jedenfalls war das meine Annahme, als ich die Masse an Päckchen
und Pakteten in buntem Geschenkpapier sah.
Im Nachhinein machten die
Geschenke aber nicht einmal den Dennis wirklich glücklich. Ihm
wurde noch befohlen, die bereit gestellten Kekse und Milch für
mich aus der Küche zu holen. Ich durfte nicht eher das Haus
verlassen, als bis ich diese aufgegessen hatte.
Es traf sich gut, dass
ich sehr hungrig war, denn ansonsten hätte ich die
staubtrockenen Kekse bestimmt nicht herunter bekommen. Als Britta und
Herbert kurz weg sahen, ließ ich zwei Drittel der Kekse von dem
Teller in den Sack rutschen.
Schlecht gelaunt
entlockte Dennis den Paketen mehrere Bücher mit Noten für
die Geige, ein paar kratzige Wollpullover und einen neuen
Geigenbogen.
Ich deutete auf meinen
nun leeren Teller und das leere Milchglas und gab zu verstehen, dass
ich aufbrechen müsse. Die Milch hatte mich wieder etwas
heruntergekühlt, aber ich musste jetzt unbedingt hier raus.
Außerdem wartete bereits die nächste Familie auf mich.
Ich konnte dem Jungen
nicht verübeln, dass er mich nicht verabschieden wollte,
unterstellte er doch mir einen schlechten Geschmack, was Geschenke
für kleine Jungs anbelangte. Britta steckte mir einen Umschlag
zu und ich verließ hastig das Haus.
Endlich draußen,
frische Luft atmen. Es war angenehm kalt. Ich machte mich auf den Weg
zur Bahnstation, um die nächste Familie aufzusuchen. Aus den
Augenwinkeln bekam ich noch mit, wie sich Herbert hinter der Gardine
versteckte und mich filmte. Ich konnte auch erkennen, wie Dennis mit
seinem Geigenbogen auf den ausgestreckten Hintern von seinem Papa
einschlug, dann aber von seiner Mutter streng ermahnt wurde. Familie,
du Keimzelle der Gesellschaft!
* * *
Familie Nummer zwei
sollte in einem Hochhaus auf mich warten. Außer einem
überquellenden Briefkasten erwartete mich niemand. Ich versuchte
noch, über die Nachbarn etwas über die verschwundene
Familie herauszufinden, aber entweder öffnete niemand oder man
wusste nichts über diese Leute.
Ich hatte zwar einen
Auftritt weniger, aber meine Suche nach Familie Nr. 2 hatte mich viel
Zeit gekostet. Dazu habe ich noch Zeit eingebüßt, weil
mich mehrere Hochhaus-Kinder von Balkonen aus mit Schneebällen
attackierten. Ich konnte nicht den direkten Weg zu Familie Nr. 3
nehmen, weil ich Deckung in verschiedenen Hauseingängen suchte.
Sie grölten sich gegenseitig meinen jeweiligen Zufluchtsort zu
und feierten jeden Körpertreffer.
Einige Zeit später
und viele Hochhäuser weiter klingelte ich bei der dritten und
letzten Familie meines Laufzettels.
Ich bot nicht den besten
Anblick, als mir Herr Gramann die Tür öffnete. Aufgeregte
Kinderstimmen drangen bereits durch den Türspalt an mein Ohr.
„Schön, dass sie
auch noch kommen.“, empfing mich Herr Grammann grummelnd. „Wir
sind schon seid zwanzig Minuten mit dem Essen durch. Die Kinder
werden schon quengelig. Meiner Frau fällt nix besseres ein, als
von einer Panne mit dem Schlitten zu reden.“
Herr Gramann gab mir den
Sack, in dem sich die Geschenke für die Kinder befanden. Vom
Gewicht her war er fast so schwer wie der Sack, der für Dennis
bestimmt gewesen war. Diesmal allerdings war er für drei Kinder
bestimmt: Chaqueline, Chantalle und Justin.
Die drei waren eine ganze
Ecke lebendiger als Dennis – was den Eltern anscheinend ganz schön
auf die Nerven ging.
„Wer war denn besonders
brav? Wer bekommt was? Soll ich eines der Kinder noch ermahnen, im
nächsten Jahr artiger zu sein?“, versuchte ich Herrn Gramann
zu entlocken.
„Ganz egal, nun machen
sie schon. Meine Frau und ich wollen jetzt endlich mal zehn Minuten
für uns haben!“
Herr Gramann brachte mich
ins Wohnzimmer und schloss die Tür hinter sich. Von außen.
Ich war also nun ganz allein mit drei aufgekratzten Blagen, über
die ich nichts wusste und sollte den Allwissenden Santa Claus
spielen.
„Hohoho, ich bin der
Weihnachtsmann!“, gab ich von mir. „Seid ihr auch alle schön
artig gewesen?“
„Mama sagt immer,
artige Mädchen kommen in den Himmel und böse überall
hin.“, sagte eines der Mädchen. Das brachte mich natürlich
kein Stück weiter. Ich wusste auch nicht, ob es sich dabei um
Chantalle oder Chaqueline handelte. Jetzt bloß keine Blöße
geben.
„Der Kevin sagt, dich
gibt es gar nicht.“, sagte Justin.
„Aber ich bin doch
hier.“
„Ja, aber du siehst
nicht richtig echt aus. Das ist doch wie im Karneval.“, bohrte
Justin weiter.
„Wenn ich nicht echt
bin, dann gibt es auch keine Geschenke. Die sind dann ja auch nicht
richtig echt!“, triumphierte ich.
Es arbeitete in dem
Jungen. Auf Geschenke wollte er nicht verzichten, wie wohl jedes Kind
in seinem Alter. Trotz besseren Wissens arrangierte er sich mit
dieser Lüge, um zu bekommen, was er wollte.
„Na, dann wollen wir
mal sehen, was es in meinem Sack so für euch gibt. Justin, sei
ein lieber Junge und gib der Chantalle ihr Geschenk.“, bat ich und
reichte Justin ein Päckcken, auf dem jemand mit krakeliger
Schrift Chantalles Namen geschrieben hatte.
Justin gehorchte und ich
konnte endlich die Kinder auseinander halten. Ich verteilte alle
Päckchen und die Kinder hatten ihre Freude, die Geschenke zu
öffnen. Nun betraten auch Herr und Frau Gramann das Wohnzimmer.
Die Kleidung der beiden saß irgendwie komisch. Wer weiß,
womit sie die letzten Minuten verbracht hatten. Ich freute mich, sie
zu sehen, denn ich konnte meinen Einsatz hier beenden.
„Ich habe ihnen noch
ein paar Reste eingepackt. Sie haben das ganz wunderbar gemacht.“,
bedankte sich Frau Gramann. Herr Gramann brachte mich zur
Wohnungstür.
„Dann auf Wiedersehen
und frohe Weihnachten.“, verabschiedete sich Herr Gramann von
mir.
„Aber ich bekomme noch mein Honorar von ihnen.“, lenkte
ich ein.
„Honorar? Sie schleppen
doch gerade den halben Festbraten davon!“, schimpfte Herr Gramann.
Plötzlich wirkte er noch etwas unfreundlicher. Ich wog das
kleine Essenspaket in meinen Händen.
„Erst kommen sie viel
zu spät hier an und werfen unsere ganze Planung über den
Haufen. Viel zu spät waren sie da. Und stehen in einem nassen
Kostüm mit Brandlöchern vor mir. Sie wissen die
Gutmütigkeit meiner Frau und ihr leckeres Essen nicht zu
schätzen. Und dann erdreisten sie sich und verlangen Geld von
mir? Seien sie froh, dass ich mich nicht in der Agentur über sie
beschwere! Das gute Essen ist mehr wert als ihr jämmerlicher
Auftritt!“
Ich konnte nicht fassen,
was ich da hörte. „Sie...“, setzte ich an. Aber Gramann
knallte mir die Tür vor der Nase zu. Ich konnte es nicht fassen.
Erst griff man meine Leistung ab, um mich dann eiskalt abzuservieren.
Verblüfft und wütend hämmerte ich mit der Faust gegen
die Tür.
„Ruhe am Heligen Abend!
Oder ich rufe die Polizei!“, erklang es lautstark aus einer
Nachbarwohnungen. Hier war kein Blumentopf mehr zu gewinnen.
Enttäuscht und unzufrieden zog ich von Dannen. „Hier war das
letzte Wort noch nicht gesprochen!“, versuchte ich mich selbst zu
besänftigen.
Jetzt nur noch nach
Hause. Ich machte mich auf den Weg zur nächsten Stadtbahn.
Unterwegs zog ich Bilanz. Neben der Leihgebühr für das
Kostüm war auch die Kaution futsch, dem Brandloch sei Dank. Nur
ein Einsatz wurde mir bezahlt, dadurch war ich immer noch leicht im
Minus. So ein Mist aber auch.
An der
Stadtbahnhaltestelle fand ich einen weinenden Engel. Jedenfalls
wirkte sie durch ihr Aussehen und ihrer Ausstrahlung wie ein Engel
auf mich, sollte aber das Christkind darstellen. Sie war wunderschön.
„Warum weinst du
denn?“, fragte ich, weil mir nichts besseres einfiel.
„Ich hab mir das alles
ganz anders vorgestellt. Ich dachte, die Kinder freuen sich über
meinen Besuch. Aber die haben mich mit Schneebällen beworfen.“,
sagte der Christkind-Engel.
Sie versuchte, ihr Weinen
zu unterdrücken. Langsam und lautlos liefen letzte Tränen
über ihr Gesicht. Ihr ganzes Kostüm war übersät
mit feuchten Stellen, an denen Schneebälle sie erwischt hatten.
„Aber die, bei denen du
zu Hause warst, die haben sich doch bestimmt gefreut?“ Mein
Versuch, sie aufzumuntern, scheiterte kläglich. Tapfer, aber in
einem traurigen Ton erklärte sie, dass alle Kinder total
verzogen gewesen seien. Eines hatte sogar den Weihnachtsbaum
umgeworfen und mit Christbaumkugeln um sich geschmissen, weil die
Eltern das falsche Playstationspiel besorgt hatten.
Ihre Erlebnisse waren
weitaus schlimmer als meine. „Du hattest aber auch kein schönes
Weihnachten.“, schmunzelte sie, als ich ihr von dem dreisten Herrn
Gramann erzählte.
„Umso schöner ist
es, dich getroffen zu haben.“, dachte ich. Bisher war es
schrecklich. Aber ab jetzt...
Ich lud sie ein, in der
Bahn mein Lunchpaket der Grammans mit ihr zu teilen. Der
Festtagsbraten entpuppte sich als Kartoffelsalat mit Würstchen. Beides aus der Dose.
Aber das konnte uns auch nicht mehr schocken. Wir fuhren die ganze
Nacht hindurch ziellos durch die Stadt.
Am 24. Juni heirateten
wir, als Christkind und als Weihnachtsmann.
Pünktlich zu Weihnachten habe ich noch etwas Besonderes für euch parat: Ich lese euch diese Geschichte persönlich vor! Das Video mit Teil 2 folgt in Kürze.
Das Video: Weihnachtsmann Teil I
Das Video: Weihnachtsmann Teil II