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Horrorjobs

Autor: Alexander-Hassberg
Bewertung: 5,50 | 10 Stimmen
Beschreibung:

Schreckensmomente in Situationen der Erwerbstätigkeit

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Weihnachtsmann
von: Alexander-Hassberg |  24.12.2008 11:06:59

Heiligabend, 16:15 Uhr. Als Weihnachtsmann verkleidet stand ich an der Stadtbahnhaltestelle in der Nähe meiner Wohnung. Ich wartete auf die Bahn, die mich zu meinem ersten Einsatz als studentischer Weihnachtsmann bringen sollte. Mit mir warteten noch ein paar auf Gangster gestylte Jugendliche an der unterirdischen Haltestelle. Sie spielten sich gegenseitig mit ihren Handys Rap-Lieder vor und rauchten Zigaretten.


Eigentlich herrschte hier Rauchverbot. Aber sollte ich mich deswegen mit ihnen anlegen? Seit dem U-Bahn-Überfall in München wusste man, wie das enden konnte. Ob mich mein roter Weihnachtsmann-Mantel schützen würde? Ich ließ es lieber bleiben und hielt ausreichend Abstand. Hier roch ich nichts von dem Rauch.


„Ey Weißbart, was guckst du?“, pöbelte einer der Jugendlichen.

„Dogan, lass den, das ist doch der Weihnachtenmann!“, scherzte ein Zweiter. „Hey, du im roten Bademantel! Wenn ich dich vor Dogan hier beschütze, bekomme ich dann auch ein Geschenk?“, forderte der Zweite nun.


Blöde Sprüche. Aber mir viel keine gescheite Antwort ein. Ich wollte Ärger vermeiden. Die Bahn erlöste mich im genau richtigen Moment. Ich stieg ein, die Mini-Gangster blieben draußen und warteten auf eine andere Linie.


„Hey, du besoffener Student! Mach die Kippe aus!“, brüllte jemand durch den Zug.


Jetzt roch ich auch Zigarettenrauch. Das musste hier wirklich nicht sein. Ich konnte auch niemanden mit Zigarette erkennen, der Wagen war fast leer. Es roch auch eine Spur nach brennendem Plastik. Wer rauchte denn so ein Kraut?


„Mama, warum hat der Weihnachtsmann Feuer am Kopf?“, fragte das einzige Kind im Zug und zeigte auf mich.


„Verdammte Scheiße, die haben mir eine Kippe in die Kapuze geworfen“, fluchte ich und versuchte umständlich, an meine Kapuze zu gelangen. „So eine Scheiße aber auch, jetzt ist die Kaution futsch!“


Statt dem Kind zu antworten, kam mir die Mutter zu Hilfe. Sie stülpte die Kapuze um und trat die glimmende Zigarette auf dem Wagenboden aus.


„Das darf doch nicht wahr sein! Jetzt ist hier ein fettes Brandloch. Das sieht man ja sofort! Und es stinkt auch noch. Oh Mann, wenn ich die erwische!“, brummelte ich lautstark vor mich hin, als ich den Schaden begutachtete.


„Mama, warum darf der Weihnachtsmann die Wörter sagen, die ich nicht sagen darf? Du hast gesagt, wenn ich die bösen Wörter sage, dann bekomme ich vom Weihnachtsmann Ärger und keine Geschenke. Warum sagt der Weihnachtsmann das? Und von wem bekommt der Weihnachtsmann Ärger, wenn er böse ist? Warum ist der Weihnachtsmann hier in der Bahn? Warum ist er nicht bei uns zu Hause und legt mit Papi die Geschenke unter den Baum, wie du es gesagt hast? Und wieso fährt der Weihnachtsmann mit der Bahn, der hat doch seinen Schlitten?“, fragte das Kind.


„Das ist nicht der richtige Weihnachtsmann, das ist nur einer seiner Helfer. Und der bekommt gleich Ärger mit mir, wenn er noch einmal ein böses Wort sagt.“, argumentierte die Mutter und strafte mich mit einem bösen Blick ab.


Ich bedankte mich für die Hilfe und wollte dem Kind noch etwas nettes sagen, aber ich hatte mein Ziel erreicht und stieg aus.


Ich steuerte das Reihenhaus an, hinter dessen Wohnungstür sich die erste Familie meines Laufzettels verbarg. Nach meinem Klingeln öffnete eine große, schlanke Frau, die sich sehr edel herausgeputzt hatte. Sie trug ein „kleines Schwarzes“, hatte sich eine Perlenkette umgehängt und die passenden Perlenohrringe angesteckt. Ihre blonden Haare waren etwas zu platinfarben, um eine natürliche Haarfarbe zu sein.


„Schön, dass sie das einrichten konnten. Herbert, mein Mann und Dennis erwarten sie im Wohnzimmer.“, empfang mich die unechte Blondine.


Sie gab mir noch die Geschenke, die ich wiederum Dennis, dem einzigen Kind im Hause, überreichen sollte. Außerdem bekam ich von der Mutter noch eine kurze Info, wie artig das Kind das Jahr über gewesen ist: „Also, der Herbert und ich, wir sind natürlich sehr stolz auf unseren Dennis. Was der schon alles kann. Er hat extra für den Weihnachtsmann ein Violinenstück auswendig gelernt. Hören sie sich das an und dann loben sie ihn, wie er es verdient. Nicht zu sehr, versteht sich. Lob vom Weihnachtsmann ist beim ihm sowieso mehr wert als alles andere.“


Die Mama, die von ihrem Mann Britta genannt wurde, öffnete die Wohnzimmertür. Dahinter verbargen sich ein gelangweilter Sechsjähriger in Hemd und Pollunder und ein strahlender Papa im dunklen Anzug, der mich mit einem Camcorder anvisierte. Strahlende Kinderaugen sahen anders aus, als die stumpfen Augen von Dennis. Strahlende Kinderaugen sahen wohl eher aus, wie die leuchtenden Augen von Papa Herbert. Der versuchte, mit seiner Kamera jeden Augenblick einzufangen und sprach nur, um Regieanweisungen zu geben. Anscheinend konnte er sich nicht so recht entscheiden, welches der anwesenden Gesichter gerade das bedeutendste war. Und so wackelte Herbert mit ruckartigen Bewegungen von mir zu Britta, zu Dennis und wieder zurück. Immer wieder. Gerade so, als würden wir drei unter uns ein wichtiges Tennismatsch austragen.


„Hohoho, ich bin der Weihnachtsmann“, nuschelte ich in meinen flauschigen Bart aus Polyester.

„Von draußen, aus dem Walde komme ich her. Ich muss sagen, es weihnachtet sehr.“, versuchte ich mich an den Text zu erinnern. „Überall auffen Tannenspitzen, sah ich goldene Lichterlein blitzen. Bevor es die Geschenke gibt, singen wir ein Weihnachtslied.“, reimte ich spontan. Das Kostüm, das mich draußen noch ganz passabel gewärmt hatte, umgab mich nun mit einer brennenden Hitze, die kaum auszuhalten war.


„Aber nein, lieber Weihnachtsmann. Der Dennis spielt uns doch etwas auf seiner Geige vor.“, verbesserte mich Mama Britta. Ich war mir noch immer nicht sicher, ob Britta eine schreckliche Abkürzung für einen echten Namen war. Oder ob sie tatsächlich so hieß.

Britta schubste ihren Sprößling von seinem Stuhl und drückte ihm eine kleine Geige vor die Brust. Mit gesenktem Kopf und herabhängenden Armen stand der Kleine vor dem Tannenbaum und versuchte die ganze Welt um sich herum zu ignorieren. Herbert hielt erst voll drauf, fing dann aber den Weihnachtsbaum in seiner vollen Pracht ein.


„Dennis, nun nimm schon! Nun mach schon! Wie wir es geübt haben!“, zischte Britta und erhöhte mit dem Instrument den Druck auf der Brust ihres Kindes.


Dennis ergriff widerwillig Instrument und Bogen. Herbert schwenkte blitzartig auf den Kleinen, als er die ersten Töne von sich gab.


Ich muss zugeben, ich bin kein Fan von Geigen und kenne mich mit Streichinstrumenten nicht aus. Aber das, was Dennis mit dem Ding zusammenfidelte, konnte beim besten Willen nicht als Musik bezeichnet werden. Monoton kratzte Dennis mit dem Bogen 13 Mal über die Saiten und erzeugte jedes mal ein fürchterliches Quietschen.


Ich fürchtete schon, dass Britta ihrem Sohn wegen dieser Frechheit den Kopf abreißen würde. Stattdessen hüpfte sie klatschend durch den Raum, so dass die Perlenkette wackelte wie der Schwanz eines Hundewelpen, der sich vor Freude gleich einnässt.


„War das nicht Her-Vor-Ra-Gend, lieber Weihnachtsmann.“, flötete Britta, während ich mich noch stumm über die plötzliche Stille freute.


„Ganz Wun-Der-Bar“, antwortete ich und musste mir auf die Zunge beißen, um nicht „sonderbar“ zu sagen. Was man für Geld nicht alles tat... „Wie lange spielst du denn schon?“, wollte ich von Dennis wissen.


„Mit Vier Jahren hat er das Instrument bereits für sich entdeckt!“, antwortete Britta euphorisch für ihn. „Und seitdem hat er laufend Fortschritte gemacht. Ist es nicht wahr, Herbert?“


Herbert hielt seinen ausgestreckten Daumen vor die Kameralinse. Ich wollte gar nicht wissen, welche Geräusche der arme Junge zu Beginn seiner steilen Violinisten-Karriere von sich gegeben hatte.


Die Hitze in der Weihnachtsmannkluft wurde immer unerträglicher. Ich wollte nur noch raus aus der Wohnung, zurück an die frische Luft. Oder wenigstens den Bart abnehmen und die Kapuze absetzen. Aber dazu musste ich erst einmal die Geschenke loswerden.


„Dennis, weil du so schön für uns gespielt hast und das ganze Jahr so artig gewesen bist, bekommst du jetzt auch Geschenke von mir.“, beschleunigte ich den Ablauf etwas. Ich nahm die Päckchen aus meinem Weihnachtsmannsack und baute einen großen Turm vor dem Jungen auf. Mit diesem Haufen an Päckchen hätte man eine ganze Station des Kinderkrankenhauses glücklich machen können. Jedenfalls war das meine Annahme, als ich die Masse an Päckchen und Pakteten in buntem Geschenkpapier sah.


Im Nachhinein machten die Geschenke aber nicht einmal den Dennis wirklich glücklich. Ihm wurde noch befohlen, die bereit gestellten Kekse und Milch für mich aus der Küche zu holen. Ich durfte nicht eher das Haus verlassen, als bis ich diese aufgegessen hatte.


Es traf sich gut, dass ich sehr hungrig war, denn ansonsten hätte ich die staubtrockenen Kekse bestimmt nicht herunter bekommen. Als Britta und Herbert kurz weg sahen, ließ ich zwei Drittel der Kekse von dem Teller in den Sack rutschen.


Schlecht gelaunt entlockte Dennis den Paketen mehrere Bücher mit Noten für die Geige, ein paar kratzige Wollpullover und einen neuen Geigenbogen.


Ich deutete auf meinen nun leeren Teller und das leere Milchglas und gab zu verstehen, dass ich  aufbrechen müsse. Die Milch hatte mich wieder etwas heruntergekühlt, aber ich musste jetzt unbedingt hier raus. Außerdem wartete bereits die nächste Familie auf mich.


Ich konnte dem Jungen nicht verübeln, dass er mich nicht verabschieden wollte, unterstellte er doch mir einen schlechten Geschmack, was Geschenke für kleine Jungs anbelangte. Britta steckte mir einen Umschlag zu und ich verließ hastig das Haus.


Endlich draußen, frische Luft atmen. Es war angenehm kalt. Ich machte mich auf den Weg zur Bahnstation, um die nächste Familie aufzusuchen. Aus den Augenwinkeln bekam ich noch mit, wie sich Herbert hinter der Gardine versteckte und mich filmte. Ich konnte auch erkennen, wie Dennis mit seinem Geigenbogen auf den ausgestreckten Hintern von seinem Papa einschlug, dann aber von seiner Mutter streng ermahnt wurde. Familie, du Keimzelle der Gesellschaft!



* * *


Familie Nummer zwei sollte in einem Hochhaus auf mich warten. Außer einem überquellenden Briefkasten erwartete mich niemand. Ich versuchte noch, über die Nachbarn etwas über die verschwundene Familie herauszufinden, aber entweder öffnete niemand oder man wusste nichts über diese Leute.


Ich hatte zwar einen Auftritt weniger, aber meine Suche nach Familie Nr. 2 hatte mich viel Zeit gekostet. Dazu habe ich noch Zeit eingebüßt, weil mich mehrere Hochhaus-Kinder von Balkonen aus mit Schneebällen attackierten. Ich konnte nicht den direkten Weg zu Familie Nr. 3 nehmen, weil ich Deckung in verschiedenen Hauseingängen suchte. Sie grölten sich gegenseitig meinen jeweiligen Zufluchtsort zu und feierten jeden Körpertreffer.


Einige Zeit später und viele Hochhäuser weiter klingelte ich bei der dritten und letzten Familie meines Laufzettels.


Ich bot nicht den besten Anblick, als mir Herr Gramann die Tür öffnete. Aufgeregte Kinderstimmen drangen bereits durch den Türspalt an mein Ohr.

„Schön, dass sie auch noch kommen.“, empfing mich Herr Grammann grummelnd. „Wir sind schon seid zwanzig Minuten mit dem Essen durch. Die Kinder werden schon quengelig. Meiner Frau fällt nix besseres ein, als von einer Panne mit dem Schlitten zu reden.“


Herr Gramann gab mir den Sack, in dem sich die Geschenke für die Kinder befanden. Vom Gewicht her war er fast so schwer wie der Sack, der für Dennis bestimmt gewesen war. Diesmal allerdings war er für drei Kinder bestimmt: Chaqueline, Chantalle und Justin.


Die drei waren eine ganze Ecke lebendiger als Dennis – was den Eltern anscheinend ganz schön auf die Nerven ging.


„Wer war denn besonders brav? Wer bekommt was? Soll ich eines der Kinder noch ermahnen, im nächsten Jahr artiger zu sein?“, versuchte ich Herrn Gramann zu entlocken.

„Ganz egal, nun machen sie schon. Meine Frau und ich wollen jetzt endlich mal zehn Minuten für uns haben!“


Herr Gramann brachte mich ins Wohnzimmer und schloss die Tür hinter sich. Von außen. Ich war also nun ganz allein mit drei aufgekratzten Blagen, über die ich nichts wusste und sollte den Allwissenden Santa Claus spielen.


„Hohoho, ich bin der Weihnachtsmann!“, gab ich von mir. „Seid ihr auch alle schön artig gewesen?“


„Mama sagt immer, artige Mädchen kommen in den Himmel und böse überall hin.“, sagte eines der Mädchen. Das brachte mich natürlich kein Stück weiter. Ich wusste auch nicht, ob es sich dabei um Chantalle oder Chaqueline handelte. Jetzt bloß keine Blöße geben.


„Der Kevin sagt, dich gibt es gar nicht.“, sagte Justin.

„Aber ich bin doch hier.“

„Ja, aber du siehst nicht richtig echt aus. Das ist doch wie im Karneval.“, bohrte Justin weiter.

„Wenn ich nicht echt bin, dann gibt es auch keine Geschenke. Die sind dann ja auch nicht richtig echt!“, triumphierte ich.

Es arbeitete in dem Jungen. Auf Geschenke wollte er nicht verzichten, wie wohl jedes Kind in seinem Alter. Trotz besseren Wissens arrangierte er sich mit dieser Lüge, um zu bekommen, was er wollte.


„Na, dann wollen wir mal sehen, was es in meinem Sack so für euch gibt. Justin, sei ein lieber Junge und gib der Chantalle ihr Geschenk.“, bat ich und reichte Justin ein Päckcken, auf dem jemand mit krakeliger Schrift Chantalles Namen geschrieben hatte.


Justin gehorchte und ich konnte endlich die Kinder auseinander halten. Ich verteilte alle Päckchen und die Kinder hatten ihre Freude, die Geschenke zu öffnen. Nun betraten auch Herr und Frau Gramann das Wohnzimmer. Die Kleidung der beiden saß irgendwie komisch. Wer weiß, womit sie die letzten Minuten verbracht hatten. Ich freute mich, sie zu sehen, denn ich konnte meinen Einsatz hier beenden.


„Ich habe ihnen noch ein paar Reste eingepackt. Sie haben das ganz wunderbar gemacht.“, bedankte sich Frau Gramann. Herr Gramann brachte mich zur Wohnungstür.


„Dann auf Wiedersehen und frohe Weihnachten.“, verabschiedete sich Herr Gramann von mir.
„Aber ich bekomme noch mein Honorar von ihnen.“, lenkte ich ein.

„Honorar? Sie schleppen doch gerade den halben Festbraten davon!“, schimpfte Herr Gramann. Plötzlich wirkte er noch etwas unfreundlicher. Ich wog das kleine Essenspaket in meinen Händen.


„Erst kommen sie viel zu spät hier an und werfen unsere ganze Planung über den Haufen. Viel zu spät waren sie da. Und stehen in einem nassen Kostüm mit Brandlöchern vor mir. Sie wissen die Gutmütigkeit meiner Frau und ihr leckeres Essen nicht zu schätzen. Und dann erdreisten sie sich und verlangen Geld von mir? Seien sie froh, dass ich mich nicht in der Agentur über sie beschwere! Das gute Essen ist mehr wert als ihr jämmerlicher Auftritt!“


Ich konnte nicht fassen, was ich da hörte. „Sie...“, setzte ich an. Aber Gramann knallte mir die Tür vor der Nase zu. Ich konnte es nicht fassen. Erst griff man meine Leistung ab, um mich dann eiskalt abzuservieren. Verblüfft und wütend hämmerte ich mit der Faust gegen die Tür.


„Ruhe am Heligen Abend! Oder ich rufe die Polizei!“, erklang es lautstark aus einer Nachbarwohnungen. Hier war kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Enttäuscht und unzufrieden zog ich von Dannen. „Hier war das letzte Wort noch nicht gesprochen!“, versuchte ich mich selbst zu besänftigen.


Jetzt nur noch nach Hause. Ich machte mich auf den Weg zur nächsten Stadtbahn. Unterwegs zog ich Bilanz. Neben der Leihgebühr für das Kostüm war auch die Kaution futsch, dem Brandloch sei Dank. Nur ein Einsatz wurde mir bezahlt, dadurch war ich immer noch leicht im Minus. So ein Mist aber auch.


An der Stadtbahnhaltestelle fand ich einen weinenden Engel. Jedenfalls wirkte sie durch ihr Aussehen und ihrer Ausstrahlung wie ein Engel auf mich, sollte aber das Christkind darstellen. Sie war wunderschön.


„Warum weinst du denn?“, fragte ich, weil mir nichts besseres einfiel.

„Ich hab mir das alles ganz anders vorgestellt. Ich dachte, die Kinder freuen sich über meinen Besuch. Aber die haben mich mit Schneebällen beworfen.“, sagte der Christkind-Engel.


Sie versuchte, ihr Weinen zu unterdrücken. Langsam und lautlos liefen letzte Tränen über ihr Gesicht. Ihr ganzes Kostüm war übersät mit feuchten Stellen, an denen Schneebälle sie erwischt hatten.


„Aber die, bei denen du zu Hause warst, die haben sich doch bestimmt gefreut?“ Mein Versuch, sie aufzumuntern, scheiterte kläglich. Tapfer, aber in einem traurigen Ton erklärte sie, dass alle Kinder total verzogen gewesen seien. Eines hatte sogar den Weihnachtsbaum umgeworfen und mit Christbaumkugeln um sich geschmissen, weil die Eltern das falsche Playstationspiel besorgt hatten.


Ihre Erlebnisse waren weitaus schlimmer als meine. „Du hattest aber auch kein schönes Weihnachten.“, schmunzelte sie, als ich ihr von dem dreisten Herrn Gramann erzählte.


„Umso schöner ist es, dich getroffen zu haben.“, dachte ich. Bisher war es schrecklich. Aber ab jetzt...


Ich lud sie ein, in der Bahn mein Lunchpaket der Grammans mit ihr zu teilen. Der Festtagsbraten entpuppte sich als Kartoffelsalat mit Würstchen. Beides aus der Dose. Aber das konnte uns auch nicht mehr schocken. Wir fuhren die ganze Nacht hindurch ziellos durch die Stadt.

Am 24. Juni heirateten wir, als Christkind und als Weihnachtsmann.



Pünktlich zu Weihnachten habe ich noch etwas Besonderes für euch parat: Ich lese euch diese Geschichte persönlich vor! Das Video mit Teil 2 folgt in Kürze.


Das Video: Weihnachtsmann Teil I



Das Video: Weihnachtsmann Teil II



 

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horror, job, weihnachten, weihnachtsgeschichte, wheinachten, weinachten, christkind, jesus, kurz, te

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Pizzataxifahrer
von: Alexander-Hassberg |  16.09.2008 18:52:19

Sein Auto hatte nicht viel PS. Aber es machte ihm viel Spaß, damit zu fahren. Er musste zugeben, ein Porsche sah besser aus, als sein VW Lupo. Sportlicher. Windschnittiger. Aggressiver. Es war schwer, einen Porsche an seine Leistungsgrenzen zu bringen. Er bezweifelte, dass ein Porsche auf legale Weise auf deutschen Straßen überhaupt seine Grenzen erreichen konnte. Tempolimits hier, LKW-Karawanen da. Machte es dann überhaupt Spaß, auf einem Pulverfass zu sitzen, das man nie zünden konnte?

Mit einem Porsche gezielt langsam durch die Stadt zu gleiten – das konnte auch Spaß machen. Die Blicke der Passanten würden sich mit seinen Augen kreuzen und alle würden wissen: Der könnte auch schnell, wenn er nur wollte. Aber das stimmte eben nicht. Selbst wenn er wollte, er müsste dann erst die Stadt verlassen und sich eine freie Autobahn ohne Tempolimits suchen. Oder sich eine Karte für den Nürburgring kaufen. Welche Art von Freiheit vermittelt ein Sportwagen, wenn man sich ständig zusammenreißen muss, den Fuß nicht zu sehr auf das Gaspedal zu drücken? Dann lieber ein Spatz sein, der sich austoben kann, als ein Falke an der Kette. Mit seinem kleinen Flitzer machte es ihm am meisten Spaß, mit hoher Drehzahl zu fahren, den Motor beim Beschleunigen ordentlich zu treten und den Wagen wie einen störrischen Esel nach vorne zu peitschen. Wenn die Kiste dann tatsächlich einmal 150 km/h brachte, dann spürte er die Geschwindigkeit und genoss den ritt in seiner babyblauen Knutschkugel.

In diese Gedanken vertieft steuerte er seinen Kleinwagen um die Kurve.

Zurzeit konnte er sich eh kein anderes Auto leisten. Erst nach dem Studium war an ein anderes Auto überhaupt auch nur zu denken. Er genoss das Privileg, ein Student zu sein, der sich ein eigenes Auto leisten konnte. Andererseits konnte er vielleicht auch nur studieren, weil er das Auto hatte. Jedenfalls kurvte er gerade nicht zum Vergnügen herum, er hatte einen Auftrag: Eine Pizza Hawaii, eine große Thunfischpizza und einen kleinen Tomatensalat in die Schmidtchenallee Nr. 14 zu liefern.

Er liebte es, Auto zu fahren. Nach einem Tag in der Uni brachte es ihn wieder herunter. Und als Pizzakurier hatte er einen Job gefunden, bei dem er für das Autofahren auch noch bezahlt wurde. Der Lupo war so sparsam, dass er sogar an der Kilometerpauschale für Fremdwagen des Bringdienstes verdiente. Zum Stundenlohn kamen noch die Trinkgelder der Kunden obendrauf - besser ging es nicht.

Dass ein Plakat des Bringdienstes in seiner Heckscheibe klebte, störte ihn nicht weiter. Er und seine Freunde bestellten auch hier, wenn sie spontan Lust auf Bringdienst hatten. Oder wenn ansonsten der Hungertod wegen eines Kühlschranks drohte, der ganz plötzlich und unerwartet leer war. So machte er Werbung für einen Laden, für dessen Qualität er sich verbürgte und sicherte dadurch auch noch seinen Arbeitsplatz.

Nun suchte er also die Schmidtchenallee. Im erlaubten Tempo durchfuhr er die lang gezogene 30 er Zone, von der die Schmidtchenallee abzweigen sollte. Auf einmal sah er, wie rechts vor ihm zwischen den geparkten Autos ein Kindergesicht ihn anblickte. Das kleine Mädchen lief über die Straße. Er verlangsamte sein Tempo. Das Mädchen hatte die andere Straßenseite sicher erreicht. Er schaltete in den zweiten Gang, um wieder Fahrt aufzunehmen. Da rannte plötzlich ein zweites Kind ohne zu schauen dem ersten hinterher.

Es war gut gegangen, nichts passiert. Er war bestimmt noch 12 Meter von dem zweiten Kind entfernt gewesen, als es ebenfalls den Bürgersteig der linken Straßenseite erreicht hatte.

Aber was wäre, wenn… Was wäre, wenn er nur etwas schneller gewesen wäre? Wenn er, statt nur zu schalten, auch gleich ordentlich Gas gegeben hätte? Was wäre, wenn er schon etwas dichter an dem zweiten Mädchen dran gewesen wäre, als es sich zum abrupten Sprint blindlings über die Fahrstreifen entschlossen hatte? Er hielt an und kurbelte sein Fenster herunter.

Die Mädchen waren auch aufgeregt und blickten ihn mit großen Augen an.

„Ihr müsst doch vorher gucken, wenn ihr über die Straße wollt. Fasst euch das nächste Mal bitte an den Händen und geht erst über die Straße, wenn ihr links und rechts keine Autos sehen könnt. Versprecht ihr mir das?“, verlangte er.

Sie nickten eifrig und machten einen betretenen Eindruck. Während er anfuhr, konnte er einen Mann sehen, der zu den Mädchen ging. Er setzte seine Tour fort und war froh, dass sich ein Elternteil um die Mädchen kümmerte.

 

„Hat der Fremde Mann euch angesprochen?“, fragte Herr Dumbrowsky die beiden Mädchen. Alessa, die als zweite über die Straße gelaufen war, war seine Tochter. Sie erkannte erst jetzt, wie gefährlich es gewesen war, ihrer Freundin Anna einfach hinterher zu laufen. Jetzt hatten die Mädchen Angst vor Herrn Dumbrowsky und einer harten Strafe. Mit ängstlichem Nicken antworteten sie stumm auf seine Frage und schauten kleinlaut zu Boden.

„Und als er mich in unserer Einfahrt gesehen hat, da ist er schnell weggefahren?“, bohrte Dumbrowsky tiefer. Wieder ein eingeschüchtertes Nicken der Mädchen.

„Na dann kommt erst einmal mit nach Hause. Ihr braucht euch nicht zu schämen. Ich war ja rechtzeitig bei euch.“

 

Die Schmidtchenallee ging tatsächlich von der 30er Zone ab. Er hatte die Pizzen ohne besondere Vorkommnisse ausgeliefert und fuhr gerade auf den Parkplatz des Bringdienstes, um die nächste Auslieferung entgegenzunehmen. Er schnappte sich den Warmhaltebehälter aus Styropor und betrat das kleine Gebäude. Er steuerte auf den Ausgabetresen zu, aber sein Chef winkte ihn zu sich in sein winziges Büro.

„Bist du eben die Tour zur Schmidtchenallee gefahren?“, fragte Herr Sollozzo.

„Ja, einmal Hawaii, eine große Thunfisch und ein kleiner Tomatensalat. Ein junges Pärchen. Eben hatten die aber noch nichts zu beanstanden!“, verteidigte er sich vorbeugend.

„Darum geht es gar nicht“, begann Sollozzo. „Aber dann warst du es, der durch die Hambüchener Straße gefahren ist. Du kannst sofort deine Sachen packen und gehen. Ich will dich hier nicht mehr sehen.“

„Hambüchener Straße?“, überlegte er laut. „Die beiden kleinen Mädchen?“, stellte er mit fragendem Unterton fest. „Aber da ist doch nichts passiert!“, ergänzte er sofort.

„Muss denn immer erst etwas passieren?“, brauste Sollozzo auf. „Dass du das auch noch zugibst. Ist dir denn gar nichts heilig? Hast du gar kein Ehrgefühl?“ Sollozzo spuckte vor ihm auf den Boden.

„Für mich wirst du jedenfalls nicht mehr fahren. Egal, ob die Polizei etwas findet, irgendetwas bleibt immer hängen.“

„Was soll denn bei mir gefunden werden? Ich habe doch nichts gemacht“, wehrte er sich.

„Mein Ruf ist mir wichtig. Und irgendwas bleibt immer. Es verstößt gegen meine Ehre und meinen Familiensinn, einen mutmaßlichen Kinderschänder zu beschäftigen. Aber da soll sich die Polizei drum kümmern!“

Er verstand die Welt nicht mehr. Als hätten sie draußen auf der Lauer gelegen, betraten zwei Polizeibeamte den Pizzabringdienst und nahmen ihn mit auf die Wache.

 

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Rettungsschwimmer
von: Alexander-Hassberg |  04.09.2008 18:14:24

Die Sonne verwandelte den Strand in einen glutheißen Backofen. Die Urlauber lagen dicht nebeneinander wie Brathähnchen auf einem Grillspieß. Einige Strandbesucher waren so braun, dass sie das Braun eines leckeren Brathähnchens bereits überschritten hatten. Jeder gute Imbissbudenbesitzer hätte ein Hähnchen in einem solchen Braunton nicht mehr angeboten, da es kaum noch von Holzkohle zu unterscheiden gewesen wäre. Die überbräunten Sonnenanbeter sparten hingegen weiterhin an dem Lichtschutzfaktor ihrer Sonnencreme, um bloß nicht wieder blasser zu werden.

Blass wie Kalkleisten waren nämlich die frisch angereisten Touristen. Auf ihre Stufe wollte keiner der Gebräunten zurückfallen. Dieses Risiko war allerdings gering, denn „die Neuen“ waren am ersten Tag blass und ab dem zweiten Tag krebsrot. Die Chance auf braun besaßen sie nur, wenn ihr Urlaub mehr als eine Woche hergab. Und auch nur, wenn sie es mit der Sonne nicht mehr übertrieben.


Carlos war ebenfalls frisch angereist, allerdings sah man ihm das nicht an der Hautfarbe an. Bisher hatte er als Aushilfe in einem großen Wasserpark gejobbt und dort bereits viel Sonne abbekommen. Es war ein bedeutender Fortschritt für ihn, als Rettungsschwimmer im offenen Meer tätig zu sein. Zuletzt hatte er an einer der riesigen Wasserrutschen des Wasserparks als lebende Ampel fungiert und Halbstarke davon abgehalten, in kurzen Abständen hintereinander die Rutsche hinunterzustürzen, damit sie sich nicht den Hals brachen.


Von seiner neuen Aufgabe versprach er sich mehr Ansehen und etwas weniger Stress. Es lastete zwar eine größere Verantwortung auf seinen Schultern, aber er rechnete nicht damit, dass Badeunfälle an der Tagesordnung waren. Er war bereit und ausgebildet für solche Situationen, aber er würde wohl die meiste Zeit die Leute beobachten, ab und zu ein Pflaster kleben oder einem Kind dabei helfen, seine Mutter wieder zu finden.


Er schlenderte die Promenade entlang. Er genoss es, den Menschen mit seiner bloßen Anwesenheit ein Gefühl von Sicherheit zu geben: Seht her, ich bin da. Keine Sorge, ich kann euch jederzeit helfen. Er wollte sich erst einmal auf eigene Faust mit seinem Strandabschnitt vertraut machen. Gegen Mittag würde er dann mit Piju, dem zweiten Rettungsschwimmer im Abschnitt, etwas essen und über alle Besonderheiten sprechen.


„Hallo, wie gefällt es ihnen am Strand?“, startete er den Versuch, mit einem der Badegäste Kontakt aufzunehmen.

„Soweit ganz gut“, antwortete der etwa sechzigjährige Mann, „das Wetter ist ja heute wieder einmal herrlich. Sie sind der erste Bademeister, der mich das fragt. Sind sie neu?“


„Ja, ich bin neu. Aber ich bin hier als Rettungsschwimmer. Bademeister gibt’s ja nur in Schwimmbädern. Aber sie werden lachen, bis vor kurzem bin ich tatsächlich einer gewesen.“, berichtete Carlos schmunzelnd seinem Gesprächspartner. Sie unterhielten sich noch eine Weile über den Wasserpark, die Sonne und das Meer. Routiniert suchte Carlos´ Blick auch während der Unterhaltung die Wasseroberfläche ab. Er traute seinen Augen kaum, als er plötzlich zwischen leicht krausen Wellen hektische Bewegungen sah. Es waren die typischen Hinweise auf einen Ertrinkenden.


Sofort sprintete Carlos zum Wasser, warf sich in die Wellen und schwamm auf das potentielle Opfer zu. Gleich am ersten Tag eine Rettung, da würde er sich schnell einen Namen machen.


Er schwamm mit ganzer Kraft. Sein Körper wurde zu einer pulsierenden Maschine, die im absoluten Einklang von Atem, Armrudern und Beinschlag Höchstleistung abrief. Seine Lunge brannte. Sein Herz raste, Adrenalin pumpte durch seinen Körper. Er war bereit, er gab alles.


Etwa 50 Meter vor der ertrinkenden Person bemerkte Carlos einen älteren Schwimmer, der ebenfalls auf diese Person zuhielt. „Platz da, Alter!“, schrie Carlos im Eifer des Gefechts. Doch der Alte schwamm weiter. Statt den Alten links oder rechts zu überholen, tauchte Carlos blitzschnell unter ihm durch, stach kurz vor ihm wieder durch die Wasseroberfläche und führte seine Rettungsaktion fort.


Wenig später konnte er erste Details der Person erkennen. Es war eine junge Frau. Sie kämpfte mit schnellen Bewegungen darum, an der Wasseroberfläche zu bleiben, tauchte immer wieder kurz unter, um dann erneut mit den Wellen um ihren Aufenthalt an der Luft zu kämpfen.


„Typisch Mädchen“, dachte Carlos. Er hatte bereits von den sich häufenden Badeunfällen unter jungen Frauen gehört, die sich auf Modelmaße herunterhungerten und an den Stränden posierten, um entdeckt zu werden. Zu allem Überfluss übernahmen sie sich beim Schwimmen. Sie schwammen, um ihre Körper zu formen oder um in Himmelswillen nicht zuzunehmen. Sie nahmen sich zu viel vor und ihren ausgezehrten Körpern fehlte die Kraft für den Rückweg. Oder ein Krampf in einem der mit Nährstoffen unterversorgten Beine machte dem Möchtegern-Nachwuchsmodel den Weg zum rettenden Ufer unmöglich. Hungerkuren und Streckenschwimmen – eine gefährliche Kombination.


Er war fast bei ihr, da tauchte sie gerade wieder unter. Auch er tauchte, griff sie, brachte sie an die Oberfläche.

„Lassen Sie mich los, sie sollen mich gar nicht retten!“, brüllte sie.


Sie riss sich los, doch er packte sofort wieder zu.


In der Ausbildung hatte man ihm erklärt, dass sich Ertrinkende manchmal gegen Rettungsversuche wehrten. Notfalls sollte der Retter den Ertrinkenden dann K.O. schlagen, um ihn retten zu können. So weit wollte er nicht gehen, aber er nahm das Mädchen in einen erbarmungslosen Griff und schleppte es ab. Es war eine Extremsituation und er konnte jetzt nicht diskutieren. Selbst er konnte nicht unendlich lange im Meer schwimmen und dabei noch jemanden retten. Je schneller es ging, desto sicherer konnte er sein, dass sie beide den sicheren Strand erreichten.


„Sie tun mir weh!“


„Sorry. Aber es geht wohl nur so. Sehen sie es positiv. Solange sie noch Schmerzen haben, sind sie wenigstens noch am Leben.“


„Ich verklage Sie, wenn sie mich nicht loslassen!“


„Und wenn ich sie loslasse, dann werde ich wegen unterlassener Hilfeleistung verklagt. Da helfe ich ihnen lieber.“

Carlos tat seinen Job und steuerte den Strand an. Er wusste von solchen Reaktionen, aber er verstand sie nicht. Hatte sie Angst, am Strand von den falschen Leuten gesehen zu werden? Oder von den richtigen Leuten im falschen Moment? Ging es ihr nur um ihr Image?


Im flachen Wasser setzte er sie ab. Kaum wieder frei, sprang sie auf und ohrfeigte ihn.


„Na, ihr Krampf hat sich ja schnell wieder aufgelöst. Und eine ganz besondere Form von Dankbarkeit kennen sie da auch noch!“, stellte Carlos verwirrt fest. Sie zeigte ihm den Mittelfinger und schaute aufs Meer.

Auch Piju war schon zur Stelle, allerdings ohne den Erste-Hilfe-Koffer, den er bei einem solchen Vorfall hätte dabei haben sollen.


„Mensch Carlos, was machst du denn für Sachen? Und das gleich an deinem ersten Tag.“, fuhr Piju ihn an.


„Was ist hier eigentlich los?“, ärgerte sich Carlos. „Ich mache meinen Job und jeder scheint ein Problem damit zu haben.“


Mittlerweile hatte auch der Alte, den Carlos tauchend überholt hatte, den Strand erreicht. Traurig schaute er die Gerettete an. Sie umarmte ihn.


„Das ist Fernandos Esperante. Er ist einer von uns, ein ehemaliger Rettungsschwimmer. Er hat hier an diesem Strand viele Jahre seinen Dienst getan. Vielen Menschen hat er das Leben gerettet. Es fiel ihm schwer, diesen Beruf aufzugeben. Aber heute hast du ihm gezeigt, dass er endgültig zum alten Eisen gehört.“, erklärte Piju.


„Aber das Mädchen drohte zu ertrinken. Soll ich da einfach zuschauen?“, rechtfertigte sich Carlos.

„Nein, aber jeder an diesem Strand kennt Fernandos und seine Enkeltochter Esmeralda. Du warst übereifrig. Ab und zu spielt Esmeralda mit Fernandos dieses Spiel. Sie will ihm ein Erfolgserlebnis verschaffen, sein Ego streicheln. Aber jetzt hast du einem alten Haudegen das Herz gebrochen.“ Piju redete sich in Rage. Die Menge, die sich um die beiden gebildet hatte, stimmte Piju nickend zu.


„Ich hatte es dir sagen wollen, spätestens heute Mittag“, sagte Piju. „Andererseits hättest du nur auf die Zeichen zu achten brauchen. Der Mann, mit dem du dich unterhalten hast, hat versucht, dich aufzuhalten. Er griff sogar dein Handgelenk. Aber du hast dich los gerissen. Andere Urlauber sind aufgesprungen, aber du hast ihr Rufen nicht bemerkt. Und Esmeralda hätte es dir bestimmt erklärt, wenn du sie wie einen mündigen Menschen behandelt hättest.“


Carlos sah auf sein Handgelenk und konnte tatsächlich Kratzspuren erkennen. Durch die Aufregung hatte Carlos von alledem nichts mitbekommen. Sein Tunnelblick hatte nur der Rettung und dem Ruhm, den er ernten wollte, gegolten.

Fernandos Esperante hatte die Diskussion der beiden Rettungsschwimmer verfolgt und bahnte sich und seiner Enkelin einen Weg durch die Menge.


„Lass dir von Piju nichts einreden“, begann der alte Fernandos. „Du hast gerade gezeigt, dass du jemanden retten kannst, mein Junge. Meine Enkelin hatte das nicht nötig, aber das konntest du nicht wissen. Ich war auch einmal ein Heißsporn wie du. Aber die Zeiten sind vorbei. Komm, Esmeralda, geleite einen alten Mann nach Hause.“

 

Die Sonne brannte unerbittlich auf die Menschen am Strand hinab. Sie war noch nicht auf ihrem höchsten Punkt. Aber jeder wusste, dass sie bald ihren Zenit erreichen würde. Dann würde es auch für die Sonne nur noch bergab gehen, bis sie dunkelrot ins Meer eintaucht.




 

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strand, baden, ertrinken, sonne, alter, urlaub, rettungsschwimmer, baywatch

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