Hörsturz: der Infarkt im Ohr
Es war ein
wunderbarer Winterabend. Martha M., 45, war gerade beim Spazierengehen und
genoss die erfrischende, klare Luft. Die Arbeitswoche war wieder einmal voller
Hektik und Stress gewesen. Die zusätzliche Doppelbelastung mit Familie und
Haushalt machte es ihr nicht einfacher. Manchmal war ihr deshalb alles zu viel,
sie fühlte sich überfordert, an der Grenze ihrer Kraft. Plötzlich, wie aus
heiterem Himmel, fühlte sie einen dumpfen Druck im linken Ohr, so als wäre
Watte darin. Und: Sie konnte auf diesem Ohr fast nichts mehr hören, nur
seltsame, hochfrequente Ohrgeräusche – Martha M. hatte einen Hörsturz erlitten.
So wie Martha M. geht es Schätzungen zufolge jährlich bis zu
250.000 Menschen in Deutschland. Denn der Hörsturz, eine plötzlich auftretende
Hörminderung ohne erkennbare Ursache, ist die häufigste Funktionsstörung des Innenohrs.
Der Hörverlust kann dabei gering sein, also wenige Frequenzen betreffen, er
kann aber auch bis zur völligen Taubheit reichen. In der Regel ist nur ein Ohr
betroffen, selten beide, allerdings ist der Verlauf des Hörsturzes individuell
sehr differenziert. Bei der Diagnose sind 75 Prozent der Betroffenen über 40
Jahre alt, die meisten trifft es zwischen dem 50. bis 60. Lebensjahr. Untersuchungen
weisen aber darauf hin, dass der Anteil der 30- bis 40-Jährigen steigt. Frauen
trifft es etwa genauso häufig wie Männer, im Kindesalter tritt ein Hörsturz dagegen
nur selten auf.
Es gibt aber auch gute Nachrichten für alle Betroffenen: In 50 bis 60
Prozent aller Fälle kommt es innerhalb von zwei Tagen zu einer Spontanheilung,
das heißt, das Hörvermögen kehrt zurück. Der Hörsturz ist daher heute
kein medizinischer Notfall mehr, sondern ein Eilfall. Dennoch sollten Sie ggf. den Arztbesuch (HNO-Arzt)
nicht zu lange
hinausschieben, denn die Folge eines Hörsturzes kann Tinnitus oder sogar
völlige Taubheit des betroffenen Ohres sein. Kommt es zu keiner
Spontanheilung, ist es daher ratsam, möglichst frühzeitig mit der Behandlung zu
beginnen, um gute Heilungserfolge zu erzielen.
Risikofaktoren
Aufgrund seiner Häufigkeit und da zunehmend jüngere Menschen betroffen
sind, entwickelt sich der Hörsturz anscheinend zu einer Zivilisationskrankheit.
Nach Ansicht von Experten sind vor allem zwei Personengruppen gefährdet:
n
Personen, die Risikofaktoren für einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall haben
(hoher Blutdruck, Übergewicht, Diabetes Mellitus, eine Fettstoffwechselstörung,
beispielsweise einen zu hohen Cholesterinspiegel), und Raucher.
n
Personen, die stark unter Stress leiden, die sich zu viel zumuten und überfordert
sind.
Symptome
Charakteristisch ist ein plötzlicher, meist einseitiger
Hörverlust, der einzelne, mehrere oder alle Frequenzbereiche betreffen kann.
Eine auslösende Ursache ist nicht feststellbar, auch Ohrenschmerzen treten
nicht auf.
Zusätzlich zur Hörstörung können weitere Symptome vorhanden
sein:
n
Ohrgeräusche wie Pfeifen, Klingeln oder Rauschen
(Tinnitus)
n
ein dumpfes Gefühl im Ohr (Druckgefühl)
n
Taubheitsgefühl der Haut (Nervus facialis)
n
Schwindelgefühl (Vertigo)
n
Doppeltonhören (Diplakusis): auf einem Ohr hört man
den Ton normal, auf dem erkrankten Ohr dagegen tiefer oder höher.
Diagnose
In der HNO-Praxis stellt Ihr Arzt zunächst fest, ob
tatsächlich ein Hörsturz vorliegt oder ob eine andere Erkrankung bzw.
Verletzung des Ohres den Hörverlust verursacht. Dies erfolgt mit Hilfe einer
Ausschlussdiagnose. Nur wenn keine Ursache feststellbar ist, handelt es sich
bei einem akuten Hörverlust um einen Hörsturz. Mit der Ohrspiegelung
(Otoskopie) prüft der Hals-Nasen-Ohrenarzt beispielsweise, ob der äußeren
Gehörgang durch Ohrenschmalz verstopft oder das Trommelfell verletzt ist.
Durch Hörtests wie
n
Tonaudiometrie
n
Stimmgabelprüfung
n
und Sprachaudiometrie
prüft er das Ausmaß der Schwerhörigkeit. Gleichzeitig lässt
sich dadurch eine Innenohrschwerhörigkeit (Schallempfindungsschwerhörigkeit)
von einer Hörminderung aufgrund einer Schädigung des äußeren Ohrs bzw. des
Mittelohrs (Schallleitungsschwerhörigkeit) abgrenzen.
Weitere Untersuchungen wie zum Beispiel die Messung
otoakustischer Emissionen (Töne, die aus dem Ohr herauskommen) ermöglichen es
Ihrem Arzt, einen Hörsturz von einer Schwerhörigkeit zu unterscheiden, die
durch eine Erkrankung des Hörnervs (neurale Schwerhörigkeit) verursacht wurde.
Darüber hinaus sind beim Hörsturz folgende Verfahren und
Untersuchungen möglich:
n
Blutuntersuchungen
n
Computertomographie (CT) des Kopfes
n
Magnetresonanztomographie (MRT) des Kopfes
n
Hirnstammaudiometrie (BERA, BAER), um eine
Erregungsbehinderung oder Verzögerung im Bereich des Innenohrs, des Hörnervs
oder der hörrelevanten Strukturen des Gehirns festzustellen
Wie kommt es zu einem Hörsturz?
Bis heute findet sich keine eindeutige Aussage über die
Ursache(n) eines Hörsturzes. Man vermutet, das mehrer Faktoren beteiligt sind,
die zu einer mangelhaften Durchblutung des Innenohrs führen. Dort befinden sich
die Haarzellen, das sind die Sinneszellen, die uns das Hören erst ermöglichen.
Geräusche von außen erzeugen in diesen Zellen ein elektrisches Signal. Dieses
Signal leitet der Hörnerv an das Hörzentrum im Gehirn weiter.
Winzige Blutgefäße versorgen die Haarzellen mit Sauerstoff
und Nährstoffen. Werden diese Blutgefäße schlecht durchblutet, schädigt dies
möglicherweise die Haarzellen. Die Folge könnte ein plötzlicher Hörverlust bzw.
ein Hörsturz sein.
Der
Infarkt im Ohr
Als häufigste Ursache für die gestörte Durchblutung im
Innenohr gelten kleine Blutgerinnsel, die die Blutgefäße verschließen. Dieser
Vorgang ist vergleichbar mit den Gefäßverschlüssen bei einem Herzinfarkt oder Schlaganfall.
Aus diesem Grund spricht man beim Hörsturz manchmal auch von einem
Innenohrinfarkt.
Alle Faktoren, die das Blut verdicken oder seine
Gerinnungsneigung erhöhen, können somit zur Auslösung eines Hörsturzes
beitragen, beispielsweise erhöhte Blutfettwerte, vor allem Cholesterin, das
sich an den Gefäßwänden anlagert. Das verengt die Blutgefäße und beeinträchtigt
den Blutfluss negativ. Darüber hinaus behindert eine zu hohe Konzentration von
gerinnungsfördernden Stoffen im Blut (z.B. Fibrinogen) die Blutzirkulation in
den kleinen Gefäßen des Innenohrs. Sind die Blutgefäße durch Arteriosklerose
(Arterienverkalkung) vorgeschädigt, erhöht sich die Gefahr, dass sich
Blutgerinnsel in den Gefäßen festsetzen. Bluthochdruck und übermäßiger
Nikotingenuss können Arteriosklerose fördern. Sie gelten daher ebenso als
Risikofaktoren wie starke Blutdruckschwankungen, Herzerkrankungen oder Angina
pectoris, die gleichfalls zu einer Minderdurchblutung der Haarzellen im Ohr
führen können.
Weitere mögliche Ursachen:
Neben einer mangelnden Durchblutung des Innenohrs gelten als
mögliche Ursachen für einen Hörsturz:
n
Virusinfektionen
n
Entzündungen
n
Autoimmunerkrankungen
n
Stress
n
Fehlstellung der Halswirbelsäule
n
eine Verletzung des Ohrs (Durchbruch der dünnen
Trennwand zwischen Paukenhöhle und Innenohr)
n
Schädigung des Innenohrs nach Bestrahlung
n
Tumore (z.B. Akustikusneurinom)
Wichtiger Hinweis:
Die tatsächliche Ursache eines Hörsturzes ist wissenschaftlich nach wie vor
ungeklärt. Auch für den vieldiskutierten Zusammenhang zwischen schweren
seelischen Belastungs- und Konfliktsituationen (Stress) und dem Auftreten eines
Hörsturzes gibt es bislang keine gesicherten Erkenntnisse, allenfalls
Erfahrungswerte. Das schließt aber Stress als mögliche Ursache nicht aus.
Behandlungsmethoden
Wie wirksam die angewandten Behandlungsformen sind, ist wissenschaftlich
nicht belegt, auch hier kann man nur auf Erfahrungswerte zurückgreifen. Im
Wesentlichen zielt die Behandlung des Hörsturzes darauf ab, das Innenohr wieder
ausreichend zu durchbluten. Die Haarzellen sollen sich von der Unterversorgung
mit Sauerstoff erholen können. Dabei sind vermutlich die Heilungschancen umso
größer, je früher der Hörsturz erkannt und behandelt wird. Häufige
Behandlungsformen sind:
n
Infusionstherapie
Um die Durchblutung des Innenohrs zu verbessern, wird vor allem die
Infusionstherapie angewendet. Hierbei erhält der Patient über eine Vene
(intravenös) etwa 10 bis 14 Tage lang einmal pro Tag Lösungen, die das
Blutvolumen in den Gefäßen vergrößern und das Blut verdünnen (Plasmaexpander),
dadurch kann das Blut leichter fließen. Zusätzlich werden Medikamente
verabreicht, welche die Blutgefäße erweitern und auf diese Weise den Blutfluss
erhöhen. Als Nebenwirkung kann u.a. Juckreiz auftreten.
Zusätzlich oder alternativ zu den Plasmaexpandern werden häufig auch
Glukokortikoide (z.B. Kortisonpräparate) verabreicht, um eventuell vorhandene
Entzündungen und Schwellungen zu beseitigen.
n
Ionotrope Therapie
Vor allem in Verbindung mit Tinnitus wird neben den
durchblutungsfördernden Medikamenten zusätzlich Lokalanästhetika (örtliche
Betäubungsmittel) wie Lidocain oder Procain intravenös verabreicht. Während der
Behandlung kann es allerdings zu Krampfanfällen, zentraler Atemlähmung und
Herz-Kreislaufversagen kommen, daher erfolgt diese Therapie nur stationär und
zwar meist in Universitätskliniken. Allerdings ist die Wirkung der iontropen
Therapie bei Hörsturz und Tinnitus äußerst umstritten.
Daneben gibt es noch eine Reihe weiterer Therapiemöglichkeiten, beispielsweise
pysikalische Therapieverfahren, wie die Sauerstoffüberdruck-Therapie oder die
Fibrinogensenkung mit Hilfe der Apherese (Blutreinigungsverfahren).
Beide Behandlungsmethoden sind – ebenso wie operative Verfahren – äußerst
umstritten. Ihre Wirksamkeit ist nicht belegt, die Risiken stehen in keinem
Verhältnis zum eventuellen Nutzen.
Wichtiger Hinweis:
Da die Ursachen für einen Hörsturz unbekannt sind, gibt es zahlreiche unseriöse
Anbieter zweifelhafter Produkte und Dienstleistungen. Lassen Sie sich davon
nicht beirren. Fragen Sie bei Ihrer PBeaKK nach. Wir beraten Sie gern und
ausführlich.
So beugen Sie einem Hörsturz vor
n
Da vermutlich ein Zusammenhang zwischen Hörsturz
und Stress besteht, ist es sinnvoll, Strategien zu erlernen, um
Konfliktsituationen besser zu bewältigen.. Hierzu gehören vor allem
Entspannungstechniken wie Autogenes Training, Progressive Muskelentspannung,
Yoga oder Meditation.
n
Darüber hinaus sollten Sie eine übermäßige
Lärmbelastung vermeiden, weil Lärm die empfindlichen Haarzellen im Innenohr
schädigen kann.
n
Wichtig ist auch, die Blutfettwerte zu
normalisieren. Hierzu tragen eine ausgewogene ballaststoffreiche Ernährung mit
viel Obst und Gemüse und einem geringen Fettanteil sowie körperliche Bewegung
bei.
n
Nikotin schädigt die Blutgefäße, deshalb gilt auch
das Nichtrauchen als gute Vorbeugemaßnahme gegen den Hörsturz.
Literaturtipp:
Biesinger, Eberhard/Greimel, Karoline:
Hörsturz und Tinnitus schnell verstehen und sofort richtig handeln
MVS Medizinverlage Stuttgart, 2003
ISBN: 978-3-8304-3096-4