Heilig Abend
Soll-Zustand
7 Uhr: Als die Kinder aufstehen, schneit es. Eisblumen blühen an der Glastüre. Die Kleinen ziehen sie aufgeregt mit dem Finger nach und staunen über das Naturschauspiel.
8 Uhr: Die Mutter steht auf und macht Frühstück. Müsli für die Kinder, Toast für sie und ihren Mann, dazu Tee und frisch gepressten Orangensaft.
9 Uhr: Aufhübschen für den Kirchgang. Papa im Anzug, Mama im Kleid, die Kinder in Jeans.
10 Uhr: Der Pfarrer hält den Weihnachtsgottesdienst, dem alle interessiert folgen. Ein feierliches Gefühl stellt sich ein.
11 Uhr: Heimkommen von der Kirche, die Kinder naschen selbst gebackene Plätzchen
12 Uhr: Mittagessen – es gibt was Leichtes: Spaghetti mit selbst gemachter Tomatensauce
13 Uhr: Das Wohnzimmer wird zum Sperrgebiet erklärt.
14 Uhr: Das Christkind beginnt mit dem Schmücken des Weihnachtsbaumes.
15 Uhr: Das Christkind legt die Geschenke unter den Weihnachtsbaum.
16 Uhr: Das Christkind singt Weihnachtslieder, um die Familie einzustimmen.
17 Uhr: Das Christkind läutet ein feines Glöckchen, und die Familie tritt ins Zimmer. Leider ist das Christkind da schon fort. Der Vater liest die Weihnachtsgeschichte aus der Bibel. Die Kinder musizieren und singen „Am Weihnachtsbaume“, während sie Wunderkerzen in den Händen halten.
18 Uhr: Bescherung – alle freuen sich über die Geschenke und sind begeistert. Es handelt sich hauptsächlich um Brettspiele, warme Socken und Spielzeugeisenbahnen.
19 Uhr: Alle unterhalten sich über die religiöse Bedeutung von Weihnachten und betonen, wie wichtig dieses Familienfest ist.
20 Uhr: Die Erwachsenen trinken einen Glühwein, die Kinder Punsch, und das Fondue beginnt.
21 Uhr: Perfekt gekochte Fleischstücke und leckere Gemüsestückchen landen mit fein-cremigen Dips in den Mägen.
22 Uhr: Glücklich und zufrieden fallen alle ins Bett und freuen sich auf morgen, weil da Oma und Opa kommen.
Ist- Zustand
7 Uhr: Es regnet in Strömen und ist trotzdem affenkalt. Die Kinder hocken schon seit einer Stunde im Schlafanzug vor der Kiste und schauen „Sponge Bob Schwammkopf“.
8 Uhr: Die Mutter steht auf und stellt fest, dass die Kellog’s und die Milch alle sind. Sie stellt den Kindern Haferflocken mit Kondensmilch hin. Selber würgt sie ein trockenes Brot hinunter und trinkt einen Tee. Die Kinder haben keinen Hunger.
9 Uhr: Papa blockiert das Bad. Es ist 9.45, als die Mutter sie ins Auto treibt.
10 Uhr: Gähnend hockt die Familie im Gottesdienst. Der Vater unterdrückt sein Schnarchen nur mühsam, die Kinder kauen die ganze Zeit über Fingernägel und bohren in der Nase.
11 Uhr: Der Vater steigt noch im Flur aus dem Anzug und erklärt, jetzt bei McDonald’s was zum Essen holen zu wollen. Die Kinder nicken geistesabwesend, weil „Ram und Stimpy“ läuft.
12 Uhr: Die Happy-Meals und Chicken-Mc-Nuggets werden vor dem Fernseher verzehrt.
13 Uhr: Das Wohnzimmer wird zum Sperrgebiet erklärt. Die Kinder gehen in ihr Zimmer, um dort weiter fern zu sehen.
14 Uhr: Die Mutter schmückt den Weihnachtsbaum, während der Vater auf dem Sofa liegt und das „Weihnachtsfest der Volksmusik“ sieht.
15 Uhr: Die Mutter legt die Geschenke unter den Weihnachtsbaum, während der Vater auf dem Sofa liegt und auf MDR eine Dokumentation über Masuren ansieht.
16 Uhr: Die Mutter legt die Weihnachts-CD ein, die der Vater ihr letztes Jahr zu Weihnachten geschenkt hat, Titel:“Weihnachten mit den Stars der deutschen Volksmusik“. Im Fernsehen läuft mittlerweile „Hitlers letzte Stunden“.
17 Uhr: Die Mutter verscheucht den Vater vom Sofa und ruft die Kinder ins Wohnzimmer, die gerade „Pokemon“ kucken. Wegen allgemeiner Unlust verzichtet man auf das Lesen der Weihnachtsgeschichte sowie auf irgendwelche musikalischen Aktivitäten und geht gleich zur Bescherung über.
18 Uhr: Mutter hat Vater ein Hemd mit Krawatte geschenkt, Vater Mutter ein Epilliergerät. Die Kinder brüllen, weil der Kleine die falsche Version von „World of Warcraft“ geschenkt bekommen hat und es für die Große auch keinen Dior-Lippenstift gab, sondern nur einen Schminkkoffer vom Schlecker.
19 Uhr: Die Mutter heult und sagt, dass alle alles kaputt gemacht haben. Der Vater kriegt einen Tobsuchtsanfall. Alle geben einander ihre Geschenke zurück und verschwinden türeknallend in ihren Zimmern.
20 Uhr: Weinend macht die Mutter darauf aufmerksam, dass es jetzt Fondue gäbe. Der immer noch schmollende Vater kippt zu viel Spiritus in den Brenner. Eine Stichflamme versengt die Wohnzimmerdecke. Nebenher läuft „Free Willy“.
21 Uhr: Nach einer Stunde sind die ersten zähen Fleischstückchen fertig. Alle kauen missmutig darauf herum.
22 Uhr: Während Willy in die Freiheit springt, verschwindet die Große in die Disco zur Flatrate-Christmas-Party. Der Kleine verschwindet im Zimmer und zockt Wii, der Vater erklärt, ins Bett zu gehen und Mutter räumt die Spülmaschine ein.
24 Uhr: Alle liegen in ihren Betten und denken mit Grauen an morgen, weil da Oma und Opa kommen.