„Schatz, nun bring doch
wenigstens endlich mal den Müll herunter! Immer muss man dir alles sagen.“ Sie
hatte ihm viel gesagt in letzter Zeit. Ob sie das wirklich musste, das
bezweifelte er.
„Nie tust du mal etwas für den
Haushalt. Immer wälzt du das alles auf mich ab“, war einer der meist
gebrauchten Standardsätze. Oder: „Wann hast du das letzte Mal Staub gesaugt?
Immer muss man dich an alles erinnern!“
Einen Satz wie „Ich will für
immer mit dir zusammen sein“, wie er am Anfang oft gefallen war, hätte er im
jetzigen Stadium als eine bösartige Drohung ihrerseits aufgefasst.
Auch wenn es anders wirkte, in
diesem Moment hatte er nicht an den Müll erinnert werden müssen „Ja, ja, ja,
ich mach ja schon“, raunte er ihr entgegen. Er ging entschieden knapp an ihr vorbei,
schnappte sich die beiden Tüten, die sie ihm unübersehbar in die Nähe der Tür
gestellt hatte. Ohne zu zögern ging er aus der Wohnung. Die Tür fiel mit dem
bekannten metallischen „Knack“ in das Schloss. Er wollte dieses Geräusch
niemals wieder hören, ebenso wenig wie die Stimme seiner Frau.
Am Anfang war diese Stimme ein
zärtliches Säuseln gewesen. Daran konnte er sich nur sehr blass erinnern. Seine
Erinnerungen waren von ihren abscheulichen Vorwürfen geprägt. Zu Beginn höhlten
ihre Nörgeleien im stetigen Schwall sein Selbstwertgefühl.
Er war zunächst in eine Phase
geraten, in der er es ihr unbedingt zeigen wollte: „Ich kann auch anders.“
Jetzt fragte er sich, wozu? Er wollte sich nicht ändern nur um ihr zu gefallen.
„Du hast schon seit Ewigkeiten keine Gehaltserhöhung mehr bekommen. Nichts tust
du dafür!“, gab sie sich hin und wieder beleidigt.
„Diese alte Gewitterziege“,
dachte er bei sich, „nur weil sie davon nichts mitbekommt, muss das noch lange
nichts heißen. Was ich tue und wie viel sie davon mitbekommt sind zwei
verschiedene Welten.“
Außerhalb der Wohnung griff er
die beiden Müllbeutel noch fester. Er behielt sie beide in der Hand, als er die
Haupteingangstür öffnen musste. Statt sie abzustellen manövrierte er sich
umständlich nach draußen.
Er ging zur Straße. Er trennte
sich nicht an der üblichen Ecke von dem Müll, sondern ging weiter zu ihrem
gemeinsamen Wagen, legte die Säcke in den Kofferraum und fuhr los.
Ihm blieben noch genau 23
Minuten. Das reichte aus, um in entspannter Fahrweise den großen Parkplatz zu
erreichen. Eigentlich mochte er den Mercedes nicht. Er war lang, dick, protzig
und mit jeder Menge Schnickschnack vollgestopft. Der Mercedes war das Geschenk
seines Schwiegervaters zu ihrer Hochzeit gewesen. Der Vater der Braut überreichte
dem Brautpaar die Schlüssel mit den Worten, er wolle wenigstens einen zuverlässigen, treuen, wertvollen,
erfolgreichen Beschützer an der Seite seiner Tochter wissen. Stumm hatte er
auch diese Kränkung ertragen.
Jetzt begann er lächelnd zum Radio
zu summen. Er genoss es zum ersten Mal, mit dem schweren Wagen durch den zähen
Verkehr zu gleiten.
Auf dem großen Parkplatz, der zum
Flughafengelände gehörte, steuerte er das Fahrzeug sofort in die nächstbeste
Parkbucht. Aus dem Kofferraum nahm er die beiden Müllsäcke und verteilte deren
Inhalt auf die herumstehenden Papierkörbe. Nur eine unscheinbare Cappuccino-Dose,
die statt eines Deckels mit Plastikfolie vollgestopft war, behielt er zurück
und steckte sie sich in eine große Tasche seiner Weste.
Zurück im Auto drehte er
bedächtig am Zündschlüssel. Sofort sprang der Motor an und hüllte ihn in ein
leises, tiefdunkles Röhren.
Langsam fuhr er über den belebten
Parkplatz und hielt wachsam Ausschau.
Am Anfang der noch belebteren
Straße, direkt vor dem Flughafen, sah er, wonach er gesucht hatte: ein älterer
Herr, Anfang der Siebzig, mit weißem Schnauzbart und einer braun-gelb-karierten
Schiebermütze auf dem kantigen Kopf mit den ebenfalls weißen Haaren. Sein Sakko
war aus dem Stoff der Mütze. Die dunkle Fliege unterstrich sein höfliches und
nettes Erscheinungsbild. Unter dem linken Arm trug Herr Sieberreck das
vereinbarte Erkennungszeichen, einen quietschgelben Regenschirm, der an ihm so
unpassend wirkte wie ein Pinguin in der Wüste.
Er parkte in der Bucht, die der
ältere Herr freigehalten hatte. Freudig stieg er aus. Sein Plan schien
aufzugehen. „Herr Sieberreck, ich freue mich sehr, Sie hier bereits
anzutreffen“, begrüßte er den Alten überschwänglich.
„Die Freude ist ganz auf meiner
Seite mein lieber Herr Thomsen. Aber ich verstehe auch, dass Sie noch etwas
betrübt sein werden. Ich möchte Ihnen hiermit persönlich mein herzliches
Beileid aussprechen. Geht es ihrer Frau bereits etwas besser?“
„Ja, den Umständen entsprechend.
Der Tod ihres geliebten Vaters war ein plötzlicher und unerwarteter Schock für
sie. Langsam hat sie sich wieder beruhigt, aber sie hat es dennoch nicht übers
Herz bringen können, bei der Übergabe des Wagens anwesend zu sein. Ich habe ihr
versichert, dass er bei ihnen in den allerbesten Händen ist. Mit dem Geld wird
sie ihrem alten Herrn ein angemessenes Begräbnis zukommen lassen. Auch soll sie
nicht bei jeder Fahrt an ihren schweren Verlust erinnert und abgelenkt werden.
Der Wagen war nämlich das Geschenk des Herrn Papa zu unserer Hochzeit.“ Es
bereitete ihm unglaubliche Befriedigung, den alten Hetzer soeben verbal getötet
zu haben.
„Dann übermitteln sie ihr bitte
meine Beileidsgrüße. Und ja, der Wagen wird in guten Händen sein. Ist ja auch
ein Schmuckstück“. Bei der Auswahl des Herrn Sieberreck als Käufer des Wagens
war ihm eine Eigenschaft ganz besonders wichtig gewesen: Sieberreck wollte den
Wagen unbedingt haben. Der Wagen war relativ neu, doch bereits jetzt schwer zu
bekommen, denn dieses Sondermodell war bei Sammlern wie Herrn Sieberreck
begehrt.
Herr Sieberreck würde vielleicht
nicht den Höchstpreis zahlen, aber er würde auch nicht ewig lange verhandeln
oder über technische Details diskutieren. Die Karosserie war ihm am
Wichtigsten. Sie würden sich schnell einigen.
„Ich werde meiner Frau die
Botschaft gern überbringen. Sie wird mich hier nachher auch abholen. Die beste
Gelegenheit wird sein, später bei einem Cappuccino in einem der Flughafen-Cafes
über alles zu sprechen. Ich habe hier den Kaufvertrag für Sie bereits
vorbereitet. Meine Frau hat schon unterschrieben. Begutachten Sie den Wagen in
Ruhe. Wir können auch noch eine kleine Probefahrt machen, wenn Sie möchten!“
„Nein, das wäre
Zeitverschwendung. Der Lack ist einwandfrei, auch der Motor hörte sich gut an.
Wenn es bei dem Preis bleibt, den wir telefonisch besprochen haben, dann nehme
ich ihn“. Er lächelte in sich hinein. Es lief wie am Schnürchen. Er hätte gern
ihr Gesicht in dem Moment gesehen, in dem ihr bewusst würde, was sie da
eigentlich unterschrieben hatte, als er vorgab, eines ihrer gemeinsamen Zeitungsabos
zu kündigen, „Selbst schuld“, dachte er. Die blöde Kuh war sogar in der Wohnung
zu eitel eine Brille zu tragen. So hatte sie die Klebestreifen nicht bemerkt,
mit denen er den Text der Zeitungskündigung über dem Kfz-Kaufvertrag angebracht
hatte.
„Gut, dann sind wir uns ja
einig“, sagte er und reichte Herrn Sieberreck den Kaufvertrag.
Sieberreck unterschrieb den
Vertrag nach nur kurzer Prüfung. Er zählte das Geld langsam vor und tauschte es
gegen die Schlüssel und Papiere ein.
„Okay, dann möchte ich sie auch
nicht weiter aufhalten, mit ihrer neuen Eroberung endlich loszufahren. Meine
Frau wartet wohl auch schon im Cafe am Flughafen auf mich.“ Sie verabschiedeten
sich höflich voneinander.
Er wartete noch kurz, bis Siebereck
davongefahren war. 53.000 Euro befanden sich in der Aktentasche aus schwarzem
Leder, in der der Alte ihm das Geld übergeben hatte.
Er holte die Cappuccinodose aus
seiner Westentasche, entnahm ihr weitere 87.000 Euro und legte sie ebenfalls in
die Aktentasche. „Wenigstens der Müll ist vor ihr sicher gewesen“, dachte er
sich. Es war ein riskantes Unterfangen, seitdem er das Geld von seinem
geheimgehaltenen Konto geholt und in der Cappuccinodose vor seiner Frau
versteckte. Müllsäcke rausbringen, die Dose rausholen und in der Wohnung gleich
wieder im frischen Sack versenken. Es war gutgegangen. Der Müll hatte sich als sicher
vor ihrem Misstrauen heraus gestellt. Ja doch, er hatte Gehaltserhöhungen
bekommen. Er hatte hart darauf hingearbeitet. Doch als es soweit war und er
mehr Geld bekam, wollte er die Personen, die ihn unter Druck setzten, nicht
mehr daran teilhaben lassen. Sie waren verliebt in ein Bild eines Verlierers.
Was auch immer er erreicht hätte, niemals wäre es genug gewesen. Zielstrebig
ging er zum Flughafen. Er freute sich schon darauf, am Strand von Havanna eine
„Independent“ zu rauchen und Cuba Libre zu schlürfen.