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Flucht mit Müll

Autor: Alexander-Hassberg
Bewertung: 5,50 | 4 Stimmen
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Die Kurzgeschichte „Flucht mit Müll“ behandelt ein Beziehungsdrama. Der in die Enge getriebene Ehemann sieht für sich nur noch einen einzigen Ausweg…

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Kurzgeschichte: Flucht mit Müll
von: Alexander-Hassberg |  29.06.2008 13:20:20

„Schatz, nun bring doch wenigstens endlich mal den Müll herunter! Immer muss man dir alles sagen.“ Sie hatte ihm viel gesagt in letzter Zeit. Ob sie das wirklich musste, das bezweifelte er.

„Nie tust du mal etwas für den Haushalt. Immer wälzt du das alles auf mich ab“, war einer der meist gebrauchten Standardsätze. Oder: „Wann hast du das letzte Mal Staub gesaugt? Immer muss man dich an alles erinnern!“ 

Einen Satz wie „Ich will für immer mit dir zusammen sein“, wie er am Anfang oft gefallen war, hätte er im jetzigen Stadium als eine bösartige Drohung ihrerseits aufgefasst.

Auch wenn es anders wirkte, in diesem Moment hatte er nicht an den Müll erinnert werden müssen „Ja, ja, ja, ich mach ja schon“, raunte er ihr entgegen. Er ging entschieden knapp an ihr vorbei, schnappte sich die beiden Tüten, die sie ihm unübersehbar in die Nähe der Tür gestellt hatte. Ohne zu zögern ging er aus der Wohnung. Die Tür fiel mit dem bekannten metallischen „Knack“ in das Schloss. Er wollte dieses Geräusch niemals wieder hören, ebenso wenig wie die Stimme seiner Frau. 

Am Anfang war diese Stimme ein zärtliches Säuseln gewesen. Daran konnte er sich nur sehr blass erinnern. Seine Erinnerungen waren von ihren abscheulichen Vorwürfen geprägt. Zu Beginn höhlten ihre Nörgeleien im stetigen Schwall sein Selbstwertgefühl.

Er war zunächst in eine Phase geraten, in der er es ihr unbedingt zeigen wollte: „Ich kann auch anders.“ Jetzt fragte er sich, wozu? Er wollte sich nicht ändern nur um ihr zu gefallen. „Du hast schon seit Ewigkeiten keine Gehaltserhöhung mehr bekommen. Nichts tust du dafür!“, gab sie sich hin und wieder beleidigt. 

„Diese alte Gewitterziege“, dachte er bei sich, „nur weil sie davon nichts mitbekommt, muss das noch lange nichts heißen. Was ich tue und wie viel sie davon mitbekommt sind zwei verschiedene Welten.“

Außerhalb der Wohnung griff er die beiden Müllbeutel noch fester. Er behielt sie beide in der Hand, als er die Haupteingangstür öffnen musste. Statt sie abzustellen manövrierte er sich umständlich nach draußen. 

Er ging zur Straße. Er trennte sich nicht an der üblichen Ecke von dem Müll, sondern ging weiter zu ihrem gemeinsamen Wagen, legte die Säcke in den Kofferraum und fuhr los.

Ihm blieben noch genau 23 Minuten. Das reichte aus, um in entspannter Fahrweise den großen Parkplatz zu erreichen. Eigentlich mochte er den Mercedes nicht. Er war lang, dick, protzig und mit jeder Menge Schnickschnack vollgestopft. Der Mercedes war das Geschenk seines Schwiegervaters zu ihrer Hochzeit gewesen. Der Vater der Braut überreichte dem Brautpaar die Schlüssel mit den Worten, er wolle wenigstens einen zuverlässigen, treuen, wertvollen, erfolgreichen Beschützer an der Seite seiner Tochter wissen. Stumm hatte er auch diese Kränkung ertragen.

Jetzt begann er lächelnd zum Radio zu summen. Er genoss es zum ersten Mal, mit dem schweren Wagen durch den zähen Verkehr zu gleiten. 

Auf dem großen Parkplatz, der zum Flughafengelände gehörte, steuerte er das Fahrzeug sofort in die nächstbeste Parkbucht. Aus dem Kofferraum nahm er die beiden Müllsäcke und verteilte deren Inhalt auf die herumstehenden Papierkörbe. Nur eine unscheinbare Cappuccino-Dose, die statt eines Deckels mit Plastikfolie vollgestopft war, behielt er zurück und steckte sie sich in eine große Tasche seiner Weste.

Zurück im Auto drehte er bedächtig am Zündschlüssel. Sofort sprang der Motor an und hüllte ihn in ein leises, tiefdunkles Röhren.

Langsam fuhr er über den belebten Parkplatz und hielt wachsam Ausschau. 

Am Anfang der noch belebteren Straße, direkt vor dem Flughafen, sah er, wonach er gesucht hatte: ein älterer Herr, Anfang der Siebzig, mit weißem Schnauzbart und einer braun-gelb-karierten Schiebermütze auf dem kantigen Kopf mit den ebenfalls weißen Haaren. Sein Sakko war aus dem Stoff der Mütze. Die dunkle Fliege unterstrich sein höfliches und nettes Erscheinungsbild. Unter dem linken Arm trug Herr Sieberreck das vereinbarte Erkennungszeichen, einen quietschgelben Regenschirm, der an ihm so unpassend wirkte wie ein Pinguin in der Wüste.

Er parkte in der Bucht, die der ältere Herr freigehalten hatte. Freudig stieg er aus. Sein Plan schien aufzugehen. „Herr Sieberreck, ich freue mich sehr, Sie hier bereits anzutreffen“, begrüßte er den Alten überschwänglich. 

„Die Freude ist ganz auf meiner Seite mein lieber Herr Thomsen. Aber ich verstehe auch, dass Sie noch etwas betrübt sein werden. Ich möchte Ihnen hiermit persönlich mein herzliches Beileid aussprechen. Geht es ihrer Frau bereits etwas besser?“

„Ja, den Umständen entsprechend. Der Tod ihres geliebten Vaters war ein plötzlicher und unerwarteter Schock für sie. Langsam hat sie sich wieder beruhigt, aber sie hat es dennoch nicht übers Herz bringen können, bei der Übergabe des Wagens anwesend zu sein. Ich habe ihr versichert, dass er bei ihnen in den allerbesten Händen ist. Mit dem Geld wird sie ihrem alten Herrn ein angemessenes Begräbnis zukommen lassen. Auch soll sie nicht bei jeder Fahrt an ihren schweren Verlust erinnert und abgelenkt werden. Der Wagen war nämlich das Geschenk des Herrn Papa zu unserer Hochzeit.“ Es bereitete ihm unglaubliche Befriedigung, den alten Hetzer soeben verbal getötet zu haben. 

„Dann übermitteln sie ihr bitte meine Beileidsgrüße. Und ja, der Wagen wird in guten Händen sein. Ist ja auch ein Schmuckstück“. Bei der Auswahl des Herrn Sieberreck als Käufer des Wagens war ihm eine Eigenschaft ganz besonders wichtig gewesen: Sieberreck wollte den Wagen unbedingt haben. Der Wagen war relativ neu, doch bereits jetzt schwer zu bekommen, denn dieses Sondermodell war bei Sammlern wie Herrn Sieberreck begehrt.

Herr Sieberreck würde vielleicht nicht den Höchstpreis zahlen, aber er würde auch nicht ewig lange verhandeln oder über technische Details diskutieren. Die Karosserie war ihm am Wichtigsten. Sie würden sich schnell einigen. 

„Ich werde meiner Frau die Botschaft gern überbringen. Sie wird mich hier nachher auch abholen. Die beste Gelegenheit wird sein, später bei einem Cappuccino in einem der Flughafen-Cafes über alles zu sprechen. Ich habe hier den Kaufvertrag für Sie bereits vorbereitet. Meine Frau hat schon unterschrieben. Begutachten Sie den Wagen in Ruhe. Wir können auch noch eine kleine Probefahrt machen, wenn Sie möchten!“ 

„Nein, das wäre Zeitverschwendung. Der Lack ist einwandfrei, auch der Motor hörte sich gut an. Wenn es bei dem Preis bleibt, den wir telefonisch besprochen haben, dann nehme ich ihn“. Er lächelte in sich hinein. Es lief wie am Schnürchen. Er hätte gern ihr Gesicht in dem Moment gesehen, in dem ihr bewusst würde, was sie da eigentlich unterschrieben hatte, als er vorgab, eines ihrer gemeinsamen Zeitungsabos zu kündigen, „Selbst schuld“, dachte er. Die blöde Kuh war sogar in der Wohnung zu eitel eine Brille zu tragen. So hatte sie die Klebestreifen nicht bemerkt, mit denen er den Text der Zeitungskündigung über dem Kfz-Kaufvertrag angebracht hatte.

„Gut, dann sind wir uns ja einig“, sagte er und reichte Herrn Sieberreck den Kaufvertrag. 

Sieberreck unterschrieb den Vertrag nach nur kurzer Prüfung. Er zählte das Geld langsam vor und tauschte es gegen die Schlüssel und Papiere ein.

„Okay, dann möchte ich sie auch nicht weiter aufhalten, mit ihrer neuen Eroberung endlich loszufahren. Meine Frau wartet wohl auch schon im Cafe am Flughafen auf mich.“ Sie verabschiedeten sich höflich voneinander. 

Er wartete noch kurz, bis Siebereck davongefahren war. 53.000 Euro befanden sich in der Aktentasche aus schwarzem Leder, in der der Alte ihm das Geld übergeben hatte.

Er holte die Cappuccinodose aus seiner Westentasche, entnahm ihr weitere 87.000 Euro und legte sie ebenfalls in die Aktentasche. „Wenigstens der Müll ist vor ihr sicher gewesen“, dachte er sich. Es war ein riskantes Unterfangen, seitdem er das Geld von seinem geheimgehaltenen Konto geholt und in der Cappuccinodose vor seiner Frau versteckte. Müllsäcke rausbringen, die Dose rausholen und in der Wohnung gleich wieder im frischen Sack versenken. Es war gutgegangen. Der Müll hatte sich als sicher vor ihrem Misstrauen heraus gestellt. Ja doch, er hatte Gehaltserhöhungen bekommen. Er hatte hart darauf hingearbeitet. Doch als es soweit war und er mehr Geld bekam, wollte er die Personen, die ihn unter Druck setzten, nicht mehr daran teilhaben lassen. Sie waren verliebt in ein Bild eines Verlierers. Was auch immer er erreicht hätte, niemals wäre es genug gewesen. Zielstrebig ging er zum Flughafen. Er freute sich schon darauf, am Strand von Havanna eine „Independent“ zu rauchen und Cuba Libre zu schlürfen.

 

Tags: 

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Hördatei: Flucht mit Müll
von: Alexander-Hassberg |  29.06.2008 13:28:02
Meine Kurzgeschichte "Flucht mit Müll" können Sie hier kostenlos lesen - oder sich hier anhören:

In dieser Hördatei lese ich Ihnen die Geschichte vor, hier wird die Geschichte von einer weiblichen Sprecherin gelesen und in diesem Medienpaket erhalten Sie die beide Hördateien und eine PDF.

Ich wünsche Ihnen viel Spaß!

 

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