Lebendige Dokumente des Alltags
Nauener Stadtansichten im Haus Gartenstraße zu sehen
Annett Lahn
Nauen
Beim Anblick des Kolonialwarenhändlers Protz hinter seiner Ladentheke um 1870, sehnt man sich nach der Einkaufskultur längst vergangener Zeiten. Neben dem Herrn mit ernster Mine stehen die mit süßen Drops gefüllten Gläser, darüber hängen kleine Papiertüten. Im Regal hinter ihm, befinden sich in Kisten und Dosen verpackte Luxusgüter. Schade nur, dass man den Geruch des Ladens nicht konservieren konnte. Aber zumindest sichern Fotos die Erinnerung an dieses und andere Gesichter von Nauen im 18. und 19. Jahrhundert. Zusammengetragen und in Buchform gebracht, wurden die Aufnahmen von Christian Hopfe. Sie sind auch seit Freitag in der Ausstellung „Nauen in alten Ansichten“ im Haus Gartenstraße zu sehen.
Die gerahmten Kopien alter Fotos dokumentieren verschiedene Welten des Alltags, gewähren Einblicke in Handwerk und Handel, ins Kirchen- und Vereinsleben und erinnern an traditionsreiche Geschäfte. „Ich bin einfach mit dem Fahrrad oder dem Bus durch die Stadt gefahren, habe nach alten Geschäften Ausschau gehalten und die Leute gefragt“, erzählt Hopfe, der seit vier Jahren in Falkensee wohnt. So entwickelten sich zahlreiche Kontakte und einige Nauener waren bereit, ihre Fotokisten und Alben zu öffnen, damit Christian Hopfe die privaten Andenken in einem Buch veröffentlichen kann. Beispielsweise stellte der Nauener Klaus-Peter Bresch Fotos von Kameraden der Gesellschaft für Sport und Technik (GST) aus den 70er Jahren zur Verfügung. Sie absolvieren darauf gerade die in der DDR übliche vormilitärische Ausbildung. Diese Welt ist dem freien Publizisten Christian Hopfe von Hause aus fremd. 1965 in Berlin geboren und im Bezirk Charlottenburg aufgewachsen, studierte er an der Freien Universität und kurz nach der Wende auch an der Humboldt-Universität Politikwissenschaft und Geschichte. Nachdem er das Diplom in der Tasche hatte, unterrichtete er dort auch Lehramtstudenten und schrieb Bücher zu Themen wie Pflegeversicherung und Angestelltensoziologie. Während seiner Nachtdienste in einem Heim für psychisch Kranke, begann er alte Fotos aus seinem Heimatbezirk Charlottenburg zu sammeln und zu sichten. Im Sutton-Verlag erschien zudem ein Bildband über Steglitz. Im Oktober 2007 kam die Nauener Ausgabe dazu. An der Köpenicker arbeitet Hopfe gerade.
Die Bilder laden auf unterhaltsame Weise dazu ein, in die Nauener Vergangenheit einzutauchen. Alteingesessene Nauener hätten mit Sicherheit das ein oder andere bekannte Gesicht wie beispielsweise den Bauern Wilhelm Ortmann und seinen Sohn Werner, 1936 auf dem Roller entdeckt, aber leider kamen nur fünf Gäste zur Eröffnung. Auch die Chefin des Vereins Haus Gartenstraße Veronika Marquardt bedauerte das geringe Interesse und versicherte Einladungen an alle Vereine und Geschäfte versandt zu haben. Sie hofft, dass noch einige Schulklassen vorbei schauen und vor allem die Finissage am 10. Oktober erfolgreicher wird. Der Berliner Chansonier Boris Steinberg gibt eine Lesung mit Musik. Vorher sollen die Stadtansichten versteigert werden. Der Erlös kommt dem Verein Haus Gartenstraße zu Gute.