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Dok-Film in Sibirien

Autor: Netty
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Jürgen Rudow wurde vom Filmschnittmeister des berühmten Sergej Eisenstein unterrichtet, studierte mit der Tochter von Eduard Tissé, der den „Panzerkreuzer Potemkin“ drehte.

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Dok-Film in Sibirien
von: Netty |  05.10.2008 20:57:24

Ein Grenzgänger hinter der Kamera

 

Dokumentarfilmer Jürgen Rudow über Widersprüche und Wege von Falkensee nach Moskau und zurück

 

Falkensee

Schwitzend steht an Mann auf der Leiter und drapiert Bilderrahmen. Die Vernissage hat längst begonnen, aber Jürgen Rudow ist nicht fertig, geschweige denn bereit Fragen zu seinen Fotos zu beantworten. Endlich steigt er herab und erklärt die dargestellten Gegensätze zwischen Provinz und Metropole. Das Warten hat sich gelohnt, denn bald wird klar: Sein Blick ist äußerst geübt und geht über das Fotografische hinaus. Der Falkenseer ist Filmemacher und neuestes Mitglied der Künstlervereinigung Stilus.

Wie seine Dokumentarfilme unterliegen die Bilder einer Philosophie. Er liebt diese Tiefe,  weiß den Sinn seiner Arbeit mitzuteilen und kann dadurch begeistern. Für Filme wie Fotos hält er Erklärungen bereit, die nie aus der Luft gegriffen wirken. Sich selbst beschreibt der 65-Jährige als Grenzgänger. In Nauen geboren, entschied sich Jürgen Rudow nach dem Abitur, das er 1960 in Falkensee bestanden hat, für eine Tätigkeit als Kamera-Assistent im Babelsberger DEFA-Studio für populärwissenschaftliche Filme. „Mein Freund Dieter Freitag hat mich auf die Idee gebracht, Filmemacher zu werden. Er ist heute Gartenarchitekt in Falkensee“, erinnert sich Rudow mit einem Lächeln. Es verschwindet, wenn er über seinen grenzüberschreitenden Arbeitsweg nach Babelsberg - „Ich musste viermal täglich meinen Ausweis zeigen.“ – und von der unerträglichen Situation nach dem Mauerbau 1961 berichtet.

    Rudow zieht es in die Ferne, raus aus der Enge der DDR. Er ringt um ein Studium an der Filmhochschule Moskau (VGIK). Obwohl er nicht in der Partei war, hilft ein Brief direkt an den Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht. Bereits 1969 ist er diplomierter Kameramann. In engen Quartieren erlebte der Student die sowjetische Hauptstadt als einziges Abenteuer. „Am VGIK waren wir wie eine Familie aus aller Welt.“ Der angehende Kameramann wird vom Filmschnittmeister des berühmten Sergej Eisenstein unterrichtet, studierte mit der Tochter von Eduard Tissé, der den „Panzerkreuzer Potemkin“ drehte und dem Sohn von Gregory Tschuchei, dem Regisseur von Filmen wie „Vater des Soldaten“. Zudem erinnert sich Rudow an die weltbekannten Regisseure Michael Romm, Lew Kuleschow und Roman Karmen.  

   Um diese aufregende Studienzeit zu verlängern, wäre er gern in der Metropole geblieben, doch die DDR rief ihn zurück. Im Berliner Defa-Studio für Dokumentarfilme arbeitete er zwei Jahre als Kameramann, Regisseur und wissenschaftlicher Mitarbeiter, analysierte unter anderem die Wochenschau „Der Augenzeuge“. Nach zwei Jahren schaffte es Rudow wieder über die Grenzen nach Moskau, diesmal als Aspirant der Filmwissenschaft. Die DDR, Ost-Berlin sind dem Filmemacher zu klein geworden. „Die Rückkehr in die Enge der DDR war schwer zu ertragen.“ Die Sowjetunion, Moskau war doch ein anderes Kaliber, auch als Filmstandort. Der Glamour um Film und Stars blieb Rudow aber fremd. „Film hat viel mit Schau und zur Schau stellen zu tun. Beim Moskauer Filmfestival konnte ich das Star- und Sternchengehabe seit meiner Studienzeit besichtigen.“ Deshalb beginnt er als Doktorant des Filmwissenschaftlers Rostislaw Yurenjew wissenschaftlich zu arbeiten. Er geht lieber in die Tiefe und betreibt erkenntnistheoretische Grundlagenforschung an den Lehrstühlen für Filmwissenschaft und Philosophie. „Ich bewegte mich weit weg vom Film bis hin zur Quantentheorie von Heisenberg und Bohr.“ Seine Aufenthaltsgenehmigung in Moskau lief 1976 endgültig ab. Seine Doktorarbeit blieb unvollendet. Die DDR hatte keine Planstelle für ihn. „Ich arbeitete als Übersetzer und übte vom Kameramann, Regisseur, Redakteur über Aufnahmeleiter und Autor viele Filmberufe aus.“

1987 heiratete er eine Kirgisin und zog 1991 ins Haus seiner Eltern in der Falkenseer Blumenstraße, wo die Familie mit zwei Kindern bis heute lebt. Seit 1991 ist Jürgen Rudow freier Filmemacher. In seiner Filmographie tauchen seit dem Debüt 1969 mit dem Streifen „Schaffensprozess“ über 15 Dokumentarfilme auf. Er widmete sich vorwiegend sozialen Themen, verfolgt als teilnehmender Beobachter den Stil der „nicht-privilegierten Kamera“ und fokussiert Widersprüche. „Wenn ich etwas Fundamentales zu genau sehen will, wird es unscharf. Da ist eine prinzipielle Grenze von Erkennbarkeit. Grenzen gehen auch mitten durch jeden von uns hindurch. Dagegen sind wir außen, da wo wir Grenzen sehen, oft weniger unterschiedlich als es scheint. Das Ausbalancieren von Innen- und Außenansicht, von manchmal unvereinbarer Gegensätzlichkeit, die Suche nach Wahrheit und Wahrhaftigkeit, auch nach Schönheit in und mit diesen Widersprüchen von Grenzen, die aus anderem Blickwinkel gar keine Grenzen sind“, beschreibt Rudow seine Technik.

Zudem arbeitete er an unzähligen Projekten. Er baute einen Stadtfernsehsender mit auf, hatte einen Lehrauftrag an der Filmschule in Elstal, engagierte sich in der sozialen Jugendarbeit und ist immer wieder in den unendlichen Weiten der ehemaligen Sowjetrepubliken unterwegs. Mittlerweile bekommt er Rente, zur Ruhe kommt er dennoch nicht. Jürgen Rudow hat noch viel vor, will vor allem Ordnung in sein bisheriges Lebenswerk bringen. Momentan sortiert er 1989 in Sibirien entstandene Aufnahmen für die nächste Ausstellung der Künstlervereinigung Stilus in der Galerie des Schönwalder Kreativvereins.

 

Tags: 

Rudow, Dokumentarfilm, Tissé, Potemkin, Eisenstein, Romm

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