„Wer
ist denn diese Frau?“, fragte Ines und deutete auf eine ältere Dame Anfang 70,
die vor einigen Minuten das Modegeschäft betreten hatte. Trotz ihres gepflegten
Äußeren umgab sie eine Aura des Gestrigen. „Die war doch schon öfter da“,
setzte Ines nach.
„Aber
es wäre das erste Mal, wenn sie etwas kaufen würde“, erwiderte Petra. „Sie
kommt Anfang jeden Monats in unser Geschäft, schaut sich durch die gesamte
Auslage und bittet schließlich bloß um eine Plastiktüte.“
„Ehrlich?“,
hakte Ines nach. „Und da spielen wir mit?“
„Das
wirst du gleich sehen. Laut Frau Thieß war das einmal eine unserer besten
Kundinnen. Ich nehme an, sie würde auch heute noch gerne so viel shoppen wie
früher. Anscheinend geht das jetzt nicht mehr. Vielleicht ist ihr Mann
verstorben. Oder sie lebte früher über ihre Verhältnisse. Wer weiß das schon?
Wenn du mich fragst: Die sammelt hier und in anderen teuren Läden die
Plastiktüten ein, füllt sie unauffällig mit irgendeinem Zeug und stolziert dann
durch die Nachbarschaft, um vor ihren Kaffeklatschtanten anzugeben.“
„Du
glaubst auch immer nur an das Schlechte im Menschen.“
„Ach
Süße, Pessimisten sind Optimisten mit mehr Erfahrung. Da kommst du auch noch
hin, glaub mir. Die Thieß sagt jedenfalls, man wisse ja nie, ob sie nicht doch
noch einmal zu Geld kommt. Deswegen bekommt sie ihre Tüte, wenn sie danach
fragt. Strikte Anweisung der Chefin. Aber schau selbst.“
Die
Verkäuferinnen stellten ihre unauffällige Tuschelei ein, denn die ältere Dame
hatte den Tresen fast erreicht.
Sie
bat höflich um eine Plastiktüte und bekam sie von Petra. Die Dame verließ den
Laden und hielt in der Hand diese Tüte sowie neue Tragetaschen und Beutel
vieler anderer Geschäfte.
Erst
kurze Zeit später bemerkte Ines einen Handschuh auf dem Fußboden. Er konnte nur
von der Plastiktütenfrau stammen. Sie witterte die Chance, ein Geheimnis zu
lüften.
“Wenn
jemand fragt: Ich nehme meine Mittagspause.“, sagte sie noch und war aus der
Tür. Petra schüttelte nur amüsiert den Kopf.
Ines
hatte kein Bedürfnis, die Plastiktütendame einzuholen. Sie verfolgte die Frau,
die leicht an dem Spiel der leeren Tüten im Wind zu erkennen war.
Nach
einigem Fußmarsch quer durch Hannover verschwand sie in einem Bürgerhaus der
Gründerzeit. Die Hobbydetektivin wartete auf dem Fußweg, um im letzten Moment
durch den übrigen Spalt der Eingangstür zu schlüpfen. Ihrem Gehör nach schloss
sich im Ersten Obergeschoss eine Wohnungstür.
Ines
nahm ihren ganzen Mut zusammen und klingelte bei Rosenheim. Es öffnete die Haushälterin. Diese erkannte den
Handschuh, bat Ines hinein und führte sie in einen großen Empfangsraum mit allerlei
antiquierten Möbeln. Die Theorie, dass es der Frau an Geld mangele, schien
schlagartig widerlegt.
Frau
Rosenheim bedankte sich für ihren Handschuh, wollte aber sofort wissen, warum
die Verkäuferin sie durch die halbe Stadt verfolgt hätte, denn sie hielt es für
ausgeschlossen, einem so jungen Mädchen davongelaufen zu sein.
Ines
errötete bei dieser Direktheit, gab ihre Neugierde an den Plastiktüten aber
ehrlich zu.
„Früher
dachte ich anders, aber: In diesen Tüten trägt man kein Leben nach Hause. Da
passen nur Dinge hinein, die kurz über unsere innere Leere hinwegtäuschen. Auch
diese Möbel sind nur Ballast. Ich werde mich von ihnen trennen. Seitdem ich
leere Tüten nach Hause trage, fühle ich mich ausgefüllter als jemals zuvor in
meinem Leben.“