Der
magische Kreisel
Wisst ihr wo das wiesengrüne Schlummerland liegt? Das
Schlummerland, in dem alle gern einmal schlummern? Das Land mit den immergrünen
Wiesen und der immer scheinenden Sonne?
Dieses Land liegt weit ab von unseren Städten, weit hinter den Bergen
und den fernen Wäldern, da wo sich der Horizont auftut und der Regen entsteht.
Dieses Land ist noch unerforscht, kein Mensch hat es je wieder gesehen.
Waghalsige und mutige Ritter bewachen den Eingang in das fremde Reich und
selbst die stärksten und weisesten Eindringlinge, die sich hierher verirren,
werden tollkühn in die Flucht geschlagen. Die Ritter vom wiesengrünen
Schlummerland hüten ihr Reich wie ihr eigenes Leben, solch tollkühne
Mannsgestalten.
„Eh jo man, was geht ´n hier ab?!“, auf seinem
fliegenden Storch stürzt Ritter Lanzekrumm kopfüber auf die riesige Eingangswolke
zu. „Halt Adebar! Stopp! Nicht schon wieder! Verflucht!“ – „Wah, wah, wah!“ – Bums.
Und Ritter Lanzekrumm landet samt Storch neben seinem Kumpanen auf der Wachturmwolke.
Er wirbelt staubige Klumpen auf.
„Na wat solln hier abgehen, Lanzekrumm? Du, du solltest
endlich mal ordentlich landen!“ – „Aber was kann ich´n dafür, wenn der Adebar
mal Stuntman war?!“ – „Nu komm, is ja egal. Lass dich nieder. Die Schicht beginnt.“ - „Hast recht. Wird wieder
ein langer Tag. Und so sauwarm heute wieder.“ – „Na du musst dich beschweren,
ich sitze schon die letzten drei Tage hier. Ich hab 3 Regentonnen
vollgeschwitzt. Da wird der Magier mir danken. Kann er wieder wat feines
brauen, und Regen gab´s hier ja auch schon lang net mehr.“ - „Na da wissen wir ja auch alle warum...Ach,
ja...“, seufzt er.
Plumps. Mit lautem Klimpern lässt sich Lanzekrumm neben
seinem Landsmann in seinem Eisengerüst
auf die Wolke fallen. Er lässt die Beine baumeln und schaut auf die Erde herab.
„Wirklich nie was los hier. Wann findet uns endlich jemand. Ich brauch Action.
Nicht wahr, Adebar, dir geht’s doch auch so?“, stößt er seinem Fluggefährt
fragend in die Rippen. „Wah!“, kreischend reißt er den langen, roten Schnabel
auf und saust in Richtung Erde. „Eh Adebar, komm zurück. Hier geht’s lang...Nie
Verlass auf diese Störche!“
Ein Schniefen. „Na aber sag mal wirklich, Dolchenader,
wie hältst´n du das aus bei dieser Langeweile?“ - - - „Dolchenader?!“ , „He
Dolchenader? Ja gibt’s denn das. Dolchenader!!“, schreit Lanzekrumm. „Was
pennst denn du schon wieder?!“ – „Aber was denn, aber was denn. Angriff,
Angriff!“, springt Kumpan Dolchenader auf und greift nach seiner Lanze. „Aber
nix da, nix da. Ich bin es doch. Der Lanzekrumm. Leg dich nur wieder nieder,
der Adebar und ich, wir halten schon die Stellung.“ – „Ne, ne, jetzt sind die
Augen auf. Siehste, ganz rot und glasig. War ne harte Nacht ohne dich, die
Flasche und ich warn so allein. Und weißt ja, wenn der Magier sich zur Ruhe
legt, da tanzen ihm die Leutlings aufm Tisch.“ – „Du alter Säufling. Du wirst
dich nie ändern. Kein Wunder, dass die scharfe Gummiputt immer noch ihr Zölibat
predigt und das Kloster putzt.“ – „Ach die, die soll mir doch!“ – „Na nu,
Kumpel, nu sei ma nicht so abwertend, sie brauch doch nur auftauchen und schon
schießt dein Juniorstorch gen Himmel!“ – Ach nu sei doch ruhig!“ – „Ne, aber
weißt, wo wir grad beim Tische tanzen sind. Ich glaub, da läuft grad was
mächtig schief beim Magier. Als wir da vorhin so um die Ecke gepest sind, der
Adebar und ich, da war da mächtig schwarze Stimmung auf der Burg. Man könnt
glatt denken, der Kreisel is weg.“ – „Nu spinn doch nicht so rum Lanzekrumm,
auf dem Kreisel sitzt der Alte doch Tach und Nacht. Der hat ja schon n
dreieckigen Hintern. Dem würd ich ihm so gern, wenn wir bloß net seine
Untertanen wären. Ach, wenn der Kreisel weg wär, wär dat der Untergang für uns.
Dann is nix mehr mit schöne Sonne und grüne Wälder, dann is aus mit
Schlummerland und Zauberei. Dat kannst mir glauben, dann wär hier schon die
Hölle los.“, erklärte Dolchenader.
„Eh Kumpel!“, „Mensch das gibt’s nicht, jetzt is er
eingeschlafen!“, „Lanzekrumm, der Storch brennt!“, schreit er.
„Was, was?!", schreckt Lanzekrumm hoch. „Das klappt
doch immer!“, jubelt Dolchenader triumphierend…
Zur
gleichen Zeit auf der, trotz grüner Wiesen und heißer Sonne, immer finsteren
Burg des Magiers Braudirzeug:
„Dat kanns ja wohl net geben...,“ Scheiben klirren. „da
lass ich dir mal allein, und schon kommen sie wie die Wiesel aus allen Ecken
und nehmen sich den Kreisel mal eben so wies ihnen passt. Ich glaub es ja wohl
nicht. Weißt du wat das für uns bedeutet? Das ist der Untergang.“, verwirrt
fährt der zerstreute Magier sich durch seine wirre, lichte Mähne. Seine grauen
Haarspitzen scheinen zu glühen. „Ach, ich könnte dich!“ Er hebt seinen Arm und
aus der anderen Ecke des Burgzimmers kommt eine Tonvase geflogen. Mit voller
Wucht zerschmettert sie auf dem kalten, dreckigen Boden. „Aber Meister! Aber
Meister! Ich hab doch den Kreisel gut bewacht, als ihr auf Reisen wart. Ich hab
nur kurz in den Burggraben gemacht, und als ich wieder aufgewacht bin, da bin
ich sofort wieder rein. Aber da war der Kreisel schon weg!“, wirft sich der
dümmliche Knabe in seinem roten Gewand auf die Knie.
„Du hast was!?! Als du aufgewacht bist? Ja bist du denn
des Wahnsinns? Bist du beim Urinieren in den Graben eingepennt?!“ – „Aber
Meister, aber Meister! Es war ein Versehen!“ – „Ich fass es nicht. Wir sind verloren! Ich glaub mich tritt die
Gummiputt!!“
Mit einem tiefen Dröhnen öffnet sich die große Steintür:
„Ihr spracht soeben von mir oh holder Gebieter und Meister?“, Priesterin
Gummiputt betritt den Raum. Ihre schwarze Schleppe schleift über den staubigen
Boden. „Oh Priesterin, oh Priesterin, geheiligt seid ihr. Wir sind verloren, oh
Priesterin!“ – „Aber Magier, warum seid ihr so durcheinander?!“ – „Priesterin,
Priesterin, es ist geschehen, was wir alle immer befürchteten. Unser aller
Lebensstein ist verschwunden. Der Fels unserer Magie. Der Kreisel ist weg. Wir
sind dem Untergang geweiht!“ – „Ich hab es mir gedacht, diese Gefahr! Ich roch
es förmlich, als ich soeben den Burggraben passierte. Dieser Duft des
Verderbens. Grauenvoll!... Was gedenkt ihr zu tun, oh Meister?“ – „Wir müssen
den Kreisel sofort finden. Wenn er in falsche Hände gerät! Die Zauberkraft des
Kreisels ist unaufhaltbar. Selbst ich vermag dann nichts mehr dagegen zu tun.
Niemand aus dem Schlummerland würde es wagen, sich an ihm zu vergehen. Es muss
jemand von draußen eingedrungen sein!“ – „Oh nein, das darf nicht wahr sein!
Fremde?“ – „Oh ja, Priesterin. Das befürchtete ich. Dieser Nichtsnutz, dieser
Schuft, hat sie…“, - „Aber Meister, aber Meister, ihr wisst, es war ein Versehen!“
- „In den Turm mit ihm!“ Eine Rauchwolke. Und der Knecht ist verschwunden.
„Priesterin, meine Kraft wird immer schwächer werden. Wir müssen den Kreisel
finden, solange es noch nicht zu spät ist!“ – „Ich werde euch mit all meiner
Weisheit zur Seite stehen holder Magier!“ – „Rufen sie mir meinen kühnsten
Ritter, Priesterin! Rufen sie mir Lanzekrumm!“ – „Ich werde eilen, mein
Meister. Ich eile.“
Und wenige Minuten später, Braudirzeug lässt sich mit
einem Magenknurren auf seinem Steintrog nieder und krault sich den Kopf, erscheinen
Gummiputt und Lanzekrumm. Mit lautem Klappern tritt der Ritter vor seinen
Meister, zieht seine Lanze und verbeugt sich mit einem Knarren: „Mein Magier,
unsere Priesterin hat mir berichtet, was geschehen ist. Ich werde alles in
meiner Macht stehende tun, um euch zu helfen.“ – „Das ist ja wohl das Wenigste!
Ritter Lanzekrumm, ich habe dich zum Ritter geschlagen, aber nun, aber nun,...“
, zornig begann der Kopf des Alten Magiers zu glühen. „Aber nun, aber nun“,
seine Stimme senkte sich. „...ja wo war ich noch mal stehen geblieben?!“
Lanzekrumm stupst die Priesterin an. Sie döste gerade ein wenig ein:
„Ja, ja? Ihr
sprecht zu mir, oh Meister?!“ – „Priesterin, sagt mir, wo war ich stehen
geblieben?!“ – „Ich glaube Meister, ihr wolltet gerade den Lanzekrumm
zusammenscheißen!“ – „Ich danke euch Gummiputt... So Lanzekrumm, wie kann es
also sein, dass du über dem Eingang wachst und unser Kreisel verschwindet!!?
Bist du dir der Folgen bewusst, du absoluter Taugenichts?!!“ – „Aber Meister,
ich trat erst heute meinen Dienst an, der Dolchenader saß am Tor die ganze
letzte Zeit.“ – „Dolchenader! Dieser Verfluchte! Ich wusste, ihr seid mir ein
treuer Untertan. Verzeiht mir Lanzekrumm!“ – „Dem Dolchenader, dem ging’s wohl
nicht so gut. Der trank ein bisschen was, oh Meister. Das müsst ihr ihm
verzeihen.“ – „Dem werde ich! Kommt meine Gefährten. Ich begleite euch, um ihn
aufzusuchen!“ Mit einem Ruck erhebt er sich von seinem Stein, schleift sein
langes Gewand hinter sich her und geht als erster aus der Burg. Zu dritt
stiefeln sie über die kleine Burgbrücke. „Hier riecht es ja wirklich
widerlich!“, stöhnt der Magier. „Wo wollten wir doch gerade noch mal hin?“ –
„Aber Magier, wir wollten zu dem Dolchenader!“ – „Genau, fortan mein Volk!“
Kurze
Zeit später am Rande des Schlummerlandes:
„Was habe ich dir über das Trinken am Arbeitsplatz
gesagt, Dolchenader! Das ist ein triftiger Grund, dich aus deinem Amt zu
erheben. Du Verfluchter!“, raunt der Magier. „Aber Meister, ik war zwar an der
Flasche, aber ich hab doch trotzdem Augen. Sehn sie, ganz rot sind die. Ich sag
ihnen Meister, hier kam kein Fremder rein. Aber raus, das sag ich ihnen. Ich
sagte ihm, dat is gefährlich, da kriegste Ärger, und wer weiß, ob de wieder
rein kommst, aber er wollt nicht hören.“ – „Von wem sprichst du Dolchenader?“ –
„Na von dem, von dem Arschkriecher. Wie heißt er noch? Na, ihr wisst schon, ihr
Diener!“ – „Ich fass es nicht. Ich glaub mich tritt die…!“ – „Regt euch nicht
auf Magier, das wird zu viel für euch.“, flüstert Gummiputt und lässt ihre
üppigen Kurven kreisen. „Oh wow, oh wow!“, zitterte Dolchenader und stolperte
mit erhobener Lanze davon. „Das wird ein Nachspiel haben Dolchenader!“, schrie
der Magier ihm hinterher. „Zurück zur Burg. Und holt mir dieses Weichei, diesen
Flegel aus dem Turm. Es soll vor mir kriechen!“
Und so geschah es. „Was hast du dir dabei gedacht, dass
Schlummerland zu verlassen. Du jämmerlicher Lügner. Von wegen beim Urinieren
eingedöst!“, zischte der Braudirzeug. Gummiputt kicherte, doch verstummte
gleich wieder beim Anblick des Meisters. „Meister, Meister, es war wie ich
gesagt. Ich ging zum Burggraben und bin eingeschlummert. Da hatte ich diesen
Traum. Diesen Traum von der Menschenwelt. Und als ich wieder erwachte, nahm ich
den Kreisel und, und den Rest kennt ihr ja.“ – „Du Verfluchter! Wo ist der
Kreisel jetzt?!“ – „Ich hab ihn verloren.“ – „Du hast ihn verloren!?“ – „Ja, in
der Menschenwelt.“ – „Du Verfluchter! Zurück in den Turm!“ Eine Rauchwolke. Und
weg war er.
„Priesterin, Lanzekrumm, wir müssen uns aufmachen, den
Kreisel zu suchen. Meine Kräfte schwinden und wir haben nicht mehr viel Zeit.“
– „Aber Meister…,“ – „Still Gummiputt. Wir müssen hinunter. Ganz egal, was uns
dort erwartet. Uns bleibt kein anderer Weg.“ Und so beluden sie ihren
Storchenkarren und machten sich auf, auf den Weg zur Erde, passierten die
Wachturmwolke und warfen einen letzten Blick zurück. „Oh verzeiht mir meine
Boshaftigkeit euch gegenüber, Dolchenader!“, flehte Gummiputt im Davonfliegen. Doch
Dolchenader schlief tief und fest.
In
der Zwischenzeit unten auf der Erde:
„Maria, setz dich sofort wieder an den Tisch. Jetzt wird
gegessen!“, schrie ihre Mutter sie an. „Ich hab es satt. Alle anderen bekommen
es auch und ich sitz hier blöd rum und mach nichts.“ – „Setz dich wieder hin
Maria.“, bat sie ihr Vater ruhig. „Nein, ich denk gar nicht dran!“, sie verschränkte
die Arme über der Brust. „Maria, ich hab gesagt, das Ding ist nichts für dich
und damit basta! Setz dich!“, brüllte die Mutter. „Aber Papa, so teuer ist das
Spiel gar nicht und es hat jeder. Das ist toll. Das weißt du gar nicht, wenn du
damit erstmal angefangen hast zu spielen, kannst du nicht mehr aufhören.“ –
„Maria, deine Mutter weiß schon, was sie macht. Den ganzen Tag vorm Computer
sitzen ist nicht gut für dich. Jetzt setz dich hin und iss weiter. Sei ein Vorbild
für deinen kleinen Bruder!“ – „Ich kann es nicht mehr hören!“, keift Maria
zurück. „Ich bin auf meinem Zimmer!“ Sie rennt die schmale Wandtreppe hoch,
hinein in ihr Zimmer und lässt die Tür hinter sich ins Schloss fallen. „Das ist
doch gemein. Alle anderen bekommen immer, das was sie wollen und ich muss bei
jeder Kleinigkeit betteln.“, stöhnt sie und lässt sich rückwärts aufs Bett
fallen. Sie schaut aus dem Fenster und lauscht den Vogelstimmen. „Na wenigstens
die haben Spaß!“, denkt sie. Plötzlich klopft es an der Tür. Verärgert schreit
Maria: „Was wollt ihr? Lasst mich in Ruhe!“ – „Maria, ich bin’s, Lukas. Darf
ich zu dir kommen?“, fragt ihr kleiner Bruder vorsichtig. „Komm rein, Lukas!“ –
„Du musst nicht traurig sein wegen dem Spiel Maria. Ich hab auch was zum
Spielen für dich. Gucke mal!“ Er zieht etwas hinter seinem Rücken vor. „Ach
Lukas, was soll ich denn damit. Das ist doch nur ein blödes Spielzeug. Dafür
bin ich zu groß.“ – „Aber das ist ein Kreisel, der kann ganz viel. Guck mal wie
der sich drehen kann!“ – „Lukas, ich will keinen Kreisel. Ich will das
Bibop-Adventure-Spiel! Jeder hat es. Nur ich nicht.“ – „Aber guck doch mal. Der
Kreisel ist schön. Mach mal das Licht aus.“ Maria verdreht die Augen, erhebt
sich vom Bett und betätigt den Lichtschalter. Da plötzlich erhebt sich der
Kreisel. Erst einen, dann zwei Zentimeter, dann einen ganzen Meter über dem
Zimmerboden. Ein silbernes Feuer umgibt ihn. „Wow, wie hast du das gemacht,
Lukas?“ – „Das war ich nicht. Das macht er selbst.“ - „Wo hast du den denn her?“ – „Den hab ich
gestern beim Spielen im Garten gefunden.“ – „Pass mal auf, was der noch kann.
Gestern Abend hab ich so zu mir gesagt, ich hab noch Hunger und da…“ – Auf
einmal ein Knallen. „Wow, Lukas. Sieh mal!“ Ein duftender Braten, auf einem
goldenen Teller steht nun auf dem flauschigen Teppich von einer Rauchwolke
umgeben. „Genau, das ist gestern auch so passiert!“, sagte Lukas stolz. „Lukas,
das darfst du Mama nicht sagen. Das darfst du niemandem sagen! Das ist unser
Geheimnis!“ – „Ok. Ich wusste, du freust dich.“ – „Was kann dein Kreisel denn
noch Lukas?“ – „Mehr kann er nicht. Ich hab alles probiert.“
Da schallt es aus dem Flur: „Lukas, komm jetzt. Du musst
ins Bett!“ – „Zu keinem ein Wort Lukas, ok?!“ – „Ok, Roger, Maria!“ Er nahm
seinen Kreisel. Steckte ihn unter seinen Pullover und folgte seiner Mutter in
sein Zimmer. So legt sich die Familie nach und nach zur Ruh.
Draußen wurde es nun bereits dunkel. Die Straßenlaternen
traten ihren täglichen Dienst an und das Zirpen der Grillen schien fast das
Surren der Automotoren zu übertönen. Ein leichter Wind fegte durch die Straßen.
Da plötzlich, ein fürchterliches Krachen und Blitzen am Himmel, Sekunden nur.
Und mit einem lauten Knall donnerte etwas zu Boden, nicht weit von hier. War
das nicht eben ein Storch, der da am Baum vorbeischoss?!
„Ich spür es. Ich spür es ganz deutlich. Der Kreisel ist
ganz in unserer Nähe!“, sprudelte der Magier hervor und hüpfte von einem auf
das andere Bein. Er stoppte: „Wie kommen wir eigentlich hierher?“ – „Na mit dem
Adebar, mein Meister!“ – „Oh ich sehe. Verzeiht. Lasst uns diese merkwürdige
Burg dort drüben anschauen. Ich spüre der Kreisel ist hier!“ Und so, ganz
vorsichtig und leise, schleichen sie auf Zehenspitzen auf das kleine Haus in
der Parkstraße zu. Braudirzeug stellt sich ganz dich an die Mauer und legt
seine Hände auf die rauen Steine. „Steigt auf meinen Rücken, Gefährten. Schaut
durch diese merkwürdige Luke dort oben und sagt mir was ihr seht!“ Lanzekrumm
springt auf. „Gib mir deine Hand, Gummiputt!“ – „Warte, ich klettere hinauf.“
Und so standen sie da, wie einst die Bremer Stadtmusikanten. „Was siehst du,
Gummiputt?!“, fragte Lanzekrumm. „Ich sehe einen Menschen!“ Lanzekrumm: „Sie
sieht einen Menschen, oh Meister.“ – „Oh nein. Was sieht sie noch?“ – „Was
siehst du noch, Gummiputt?“ – „Ich, ich sehe den Kreisel!“ – „Sie sieht den
Kreisel!“ – „Oh nein, ich hab es kommen sehen!“, schüttelt sich der Magier. „Oh
nein, nicht Meister! Ich kann mich nicht mehr halten!“ Und schwups, saust
Gummiputt hinunter. Die Drei fallen in sich zusammen und mit einem lauten
Klirren rollt auch Lanzekrumm auf den Rasen.
Lukas erschrickt. „Was war das?“ Im Halbdunkel rennt er
aus seinem Zimmer. Er schaltet das Licht ein. „Mama, Mama! Da war was vor
meinem Zimmer!“
Die drei Fremden schossen zurück in die Büsche.
„Verdammt noch mal, mich tritt die…, verflucht! Wir kommen wieder!“ Und so ging
diese Nacht vorbei.
Es ist noch sehr früh. Die Sonnenstrahlen dringen
vorsichtig in das Zimmer ein und kitzeln Marias Nase. Was soll’s jetzt ist sie
wach und so aufgeregt, dass sie nicht mehr schlafen kann. Was hat Lukas da nur
für einen merkwürdigen Kreisel gefunden?! Mit einem Hops springt sie aus dem
Bett.
Wenige Minuten später kommt sie geduscht und in ihrer
Lieblingsjeans die Treppe hinunter.
„Nanu, du stehst früh auf, und das auch noch an deinem
ersten Ferientag? Hast du dich wieder etwas beruhigt?“, fragt ihre Mutter.
„Mama, wo ist Lukas?“ – „Er ist mit Papa einkaufen. Er ist auch schon ganz früh
aufgestanden. Er hat einen Storch auf dem Dach gehört.“ – „Einen Storch?“ –
„Ja, Lukas sagte, er saß die ganze Nacht da.“ – „Wann kommt Lukas denn wieder?“
– „Ach das weiß ich nicht. Das dauert bestimmt länger.“ – „Ach, man!“ Sie dreht
sich um. Sie steigt wieder die Treppe hinauf. Sie geht in Lukas Zimmer, schaut
rechts, schaut links. Nirgendwo. Der Kreisel ist nicht da. Lukas muss ihn
mitgenommen haben.
Zur
gleichen Zeit im Mega-Store, dem größten Kaufhaus der Stadt:
„Papa, darf ich kurz in den Spielzeugladen während du
auf deine Pommes wartest?“ – „Na klar Lukas. Aber nicht zu lange. Ich warte
gleich hier vorne.“ Lukas greift nach seiner Tasche und geht in den Laden.
Zielstrebig geht er auf die Kasse zu. „Hallo, ich bin der Lukas. Habt ihr das
Bebop-Adventurespiel?“ – „Na klar haben wir das. Kannst du das denn auch
bezahlen?“, fragt der freundliche Verkäufer. „Kann ich das auch so haben, wenn
ich dir zeig, was mein Kreisel alles kann?“ – „Was für ein Kreisel denn?“ Lukas
schaut sich prüfend um und holt vorsichtig sein neues Spielzeug hervor. „Ich
sehe nichts Kleiner. Na warte mal mein Kleiner. Ist dein Papa denn auch hier?“
– „Warum?“ – „Ich komm gleich wieder. Bin gleich wieder da.“ - „Da stimmt was nicht.“, dachte Lukas und
packt den Kreisel wieder ein. Er dreht sich um. Schnell verlässt Lukas wieder
den Laden. „Na nu, wo ist er denn hin?“, wundert sich der Verkäufer. „Er war
eben noch hier Chef.“ …
„Seht Gefährten, dort drüben. Auf der anderen Seite
dieser merkwürdigen Hauses. Dort ist der verfluchte Bengel! Rennt! Wir müssen
ihn kriegen!“ – „Nicht so schnell, mein Meister! Ich hatte keinen Schlaf heute
Nacht. Diese verfluchten Rosenbüsche!“
„Na was sind das denn für Gestalten!“, schallt es von
den Kindern und Jugendlichen vor dem Internet-Cafe herüber. „Die sind ja wohl
voll vom anderen Ufer!“ – „Guck dir mal die Klamotten an!“ – „Eh Püppchen, ist
heut Hexentag?!“ Die Erwachsenen sahen
sich fragend an. Wen meinten die Kinder?
„Lasst euch nicht locken, Gefährten! Folgt dem
Taugenichts!“ Und die Drei rennen schräg durch das Kaufhaus.
„Dort ist er!“ – „Er ist mit seinem Meister auf der
fahrenden Treppe!“ – „Folge ihm Lanzekrumm!“ Und die drei Ungestümen springen
auf die Treppe, bohren sich durch die Menge. Sie sprinten eine nach der anderen
Stufe hinunter. Sie folgen dem Jungen. Aber die Treppe führt sie wieder hinauf.
„Nein, was ist das verhextes?! Warum fahren wir wieder herauf, meine
Untertanen?“ Die Jugendlichen fingen an zu kichern. „Warum lachen die?“ Verärgert sahen sie dem
Jungen nach, wie er mit seinem Vater in der Menge verschwand.
Maria lief in ihrem Zimmer auf und ab. Wann kommt
endlich Lukas? Ich will den Kreisel. Doch ihr Warten war vergebens. Erst spät
am Abend kamen die Beiden Erwarteten heim. Doch Maria hatte nur kurz die Chance
Lukas zu sehen. „Guck mal Maria, ich hab den Kreisel mit Schlamm eingerieben.
So sieht Mama ihn nicht.“ Lukas dachte:
„Aber der Mann heute im Kaufhaus hat ihn auch so nicht gesehen.“ Er wunderte
sich. Doch schon dröhnte es: „Lukas, aber jetzt ab ins Bett.“ „Aber morgen,
morgen nehm ich den Kreisel unter die Lupe.“, dachte Maria. Und erneut legte
sich das Mondlicht langsam über die Stadt. „Diese verfluchten Rosenbüsche!“,
schallt es aus der Ferne. „Sei still und verharre!“
Es ist wieder noch nicht spät als Maria erwacht. Gleich
springt sie herüber in das Zimmer ihres Bruders. „Lukas, Lukas!“ Aber Lukas war
wieder schneller. Sie geht die Treppe herunter. „Mama, wo ist Lukas denn heute
schon wieder?“ – „Er ist mit Papa in den Zoo. Heute ist doch so schönes
Wetter.“ – „Man…“
Im selben Moment klopft es laut an der Tür. „So
Gefährten, mir reicht es. Wieder eine schlaflose Nacht. Ich hol mir jetzt den
Kreisel!", protestierte Gummiputt und stampfte auf den Boden. Mit ganzer
Kraft pochte sie gegen die Tür der fremden Burg.
Maria öffnete. Sie erschrak kurz. „Guten Tag, kann ich
ihnen helfen?“ – „Ja, wir haben da etwas verloren. Das hat ihr Junge. Einen
Kreisel. Wir brauchen ihn.“ – „Einen Kreisel? Sind sie sicher? Davon weiß ich
nichts.“ – „Es ist wichtig. Wir brauchen diesen Kreisel dringend.“ – „Oh
nein!“, dachte Maria. „Der ist in Lukas Zimmer. Moment ich hol ihn.“, sagte sie
widerwillig. „Einen Moment bitte!“, bat sie die Fremde.
Sie rannte hinauf in Lukas Zimmer. Wenn er denn dieser
Frau gehört, dann soll sie ihn auch haben. Doch der Kreisel war weg. „Der war
doch gestern noch da. Der lag direkt vorm Bett!“, schreit Maria aufgeregt
herunter. Sie läuft die Treppe hinunter.
„Mutti, der Kreisel ist weg!“ – „Was für ein Kreisel?“ - „Der lag direkt vor Lukas Bett!“ – „Aber du
meinst doch nicht das schlammige Etwas in seinem Zimmer?“ - „Doch genau das!“ –
„Oh, das tut mir jetzt fürchterlich leid. Das habe ich vorhin in den Müll
gegeben. Ich dachte, das ist nur Dreck, das könnte weg.“ – „In den Müll?“,
schrie Gummiputt entsetzt? – „Es tut mir leid.“, sagte Maria. „Der Müll ist
auch schon weg. Was möchten sie dafür haben? Ich ersetze ihnen den Kreisel.“ –
„Mit wem sprichst du dort?“, fragte Marias Mutter und kam an die Tür. „Hier ist
doch niemand.“ – „Aber siehst du die Frau denn nicht?“ – „Ach Maria, hier ist
niemand. Ich habe keine Zeit für Scherze!“ Maria schüttelte den Kopf. Die Frau
stand doch direkt vor ihnen. Gummiputt dreht sich ruckartig um. Sie rennt in Richtung der Büsche davon.
„Warten Sie!“, rief Maria. Doch die Fremde lief davon. Kopfschüttelnd schloss
sie die Tür. Maria war sprachlos. Sie zog sich in ihr Zimmer zurück. Der
Kreisel, diese merkwürdige Frau, das war ihr alles zu viel. Und jetzt war
beides weg, vor allem der Kreisel: „Das kann ja wohl nicht wahr sein!“, fluchte
sie. „Typisch Mutti!“...
„Gefährten, es ist vorbei. Der Kreisel. Sie hat ihn in
den Müll getan. Er ist weg! Wir sind verloren!“ – „Aber nein Gummiputt, wir
suchen ihn weiter!“, forderte Lanzekrumm. „Gebt Ruhe meine Gefährten. Der Kampf
ist verloren.“, flüsterte der Magier und wieder glühten seine Haarspitzen.
„Vergesst den Kreisel. Ich muss mich euch offenbaren.“ – „Wieso offenbaren,
Meister?“ – „Der Kreisel sorgt nicht dafür, dass unser Land fortbesteht, er
sorgt nicht für meine Magie, er ist nur dafür da, dass ich immer genug Essen
habe. Ihr wisst doch, ich schlemme so gern!“ – „Was?“, schrie Gummiputt. „Das
darf doch wohl nicht wahr sein!“ – „Verzeiht mir Gefährten!“ – „Ich glaub es
nicht! Dafür dieser Stress!“ – „Ach Gummiputt, sieh es doch mal so: Wer von uns
allen aus dem Schlummerland hat schon mal die Erde gesehen. Und soviel Action
gab es schon lange nicht mehr!“, beruhigte sie Lanzekrumm. Und so machten sich
die Drei auf den Rückweg, bestiegen den Storchenkarren und sausten davon.
Wenige Dimensionen später erreichen sie die Wachturmwolke.
„Da ist ja dieser Dolchenader! Das hat noch ein Nachspiel mein Freund, wegen
dem, … ja wofür eigentlich?“, fragte sich der Magier und kratzte sich den Kopf.
„Gummiputt, Gummiputt!“, schrie Dolchenader. „Ich hatte
solche Angst um sie. Ich dachte ich würde sie nie wieder sehen und könnte ihnen
nie sagen, wie sehr ich sehr vergöttere!“ – „Aber Dolchenader, sie Charmeur!“
Und etwas schüchtern nahmen sich die Beiden in die Arme. Der Magier und
Lanzekrumm fliegen auf Adebar davon. Sie machen sich auf die Suche nach neuen
Quellen des Essbaren. Und wisst ihr was, wenn sie denn was Essbares gefunden
haben im wiesengrünen Schlummerland, dann gibt es sie noch heute. Und sicher
ist, sie schlummern ganz gewiss ein bisschen.