Da, und doch nicht da…
Kathleen Strobach
„Ein Jahr ist es her!“, beginnt sie
zu erzählen. Gespannt lauscht ihre Schwester. Leise spielt auch Nikolas an dem
Springbrunnen, um ein paar von den Worten seiner Tante zu verstehen, die nicht
für seine kleinen Ohren bestimmt waren. Langsam nimmt ihre Geschichte Formen an
und versetzt sie wieder zurück in die Vergangenheit.
*
Ein Jahr zuvor:
Ihre Stimmung ist auf dem Nullpunkt
und gleicht ganz und gar nicht dem tollen Wetter draußen. Verärgert knallt sie
die Bücher auf den Tisch. „Verdammt Louis! Wie lange soll ich mir das anhören?
Die Leute bekommen es schon mit! So kann`s nicht weiter gehen, Louis!“ Zuckend kratzen
ihre Nägel in der Tischdecke. „Louis, sieh die Realität!“ Röte steigt in ihr
Gesicht. Ihre Stirn kocht vor Wut. „Louis, das geht nicht!“ Fassungslos
schüttelt sie den Kopf.
„Warum, Diana?!“, fragt er flehend.
Seine Stimme senkt sich. Kopfschüttelnd sieht sie ihn an. „Verdammt Louis!“ Ratlos
schlägt sie mit der Faust auf die Tischplatte. „Ich hab nicht die Zeit für so
was!“
Enttäuscht sieht er sie an. Schlurfend
verlässt er den Raum. „Louis!“, hört er sie rufen. Die Tür ist bereits wieder
ins Schloss gefallen.
Schweigend steigt er die schmalen
Stufen des Treppengeländers herunter. Er greift nach dem Türgriff und tritt hinaus.
„Warum tut sie das? Warum glaubt sie mir nicht?!“ Verzweifelt starrt er auf
seine Hände. „Bin ich wirklich verrückt?!“ Er setzt sich in Bewegung und geht
die Allee hinunter. „Warum macht sie das? Sie ist meine Frau!“
Er konnte es schon damals nicht
ausstehen, ihren Hang zur Realität. Alles Unerklärliche schob sie davon. Nur Wissen
zählte. Und ständig, ständig kam sie mit neuen Büchern heim. „Man lernt nie
aus!“, sagte sie.
Seine Gedanken drehen Kreise. Noch
immer ist sein Atem unregelmäßig. Aber nachmittags, nachmittags ging es. Erst
wenn die Dunkelheit von der Stadt Besitz ergriff, wurde es schlimmer.
Er konzentriert sich und
beschleunigt seinen Gang. Starr blickt er auf den Asphalt unter seinen Füßen.
Er will diesen Passanten nicht in die Augen sehen. Sie denken wie seine Frau.
Er nimmt einen tiefen Atemzug. Der
Duft von frischen Croissants dringt in seine Nase. Wie liebte er diesen Duft
bei seiner Ankunft! Und jetzt, was hatte ihm Paris gebracht? Alles ging den Bach
runter: erst die Karriere und nun scheinbar sogar sein Verstand.
Berauscht von den Ereignissen der
letzten Tage lässt er sich auf der Holzbank nieder. Schweigend beobachtet er
die Kinder die unschuldig mit ihren Händen im Wasserbecken des Springbrunnens
spielen. Beiläufig lauscht er dem Gelächter. Sein Blick fällt nun auf die
kleinen Marktbuden. „Alles läuft normal weiter.“, denkt er. „Bin ich es? Liegt
es an mir?!“ Sein Blick wandert. Paris hat so viele Schönheiten: Er sieht die
munteren Gaukler, die Künstler die an der Straße eifrig ihre Gemälde malen und
bewundert die Details und die lebensechten Steinfiguren dieser alten und
kleinen Kathedrale, die zu jeder vollen Stunde ihr Lied preisgab. Aber jetzt,
was bedeuten diese Schönheiten ihm jetzt noch? Er schließt die Augen. „Bin ich
verrückt?!“
Etliche Minuten verharrt er so. Schon
läutet die große Glocke der alten Kathedrale die nächste Stunde ein. Ruckartig
schreckt er hoch. „Da ist es wieder!“ Nein, sein Verstand versagt nicht. Er
spürt das Rasen seines Herzens. Schmerzlich dringt ein Pochen in seine Ohren,
während er angestrengt hört. „Ja, es ist hier!“ Vorsichtig schaut er sich um.
Die Menschen gehen unbesorgt ihrem Treiben nach. Er kann nichts Ungewöhnliches
sehen.
Es streift seinen Rücken. Prompt
dreht er sich um. Doch nur die Bäume ruhen hinter ihm. Wieder kreist sein Blick
über den Platz. Hart presst er seine Lippen aufeinander. Wieder streift ihn
dieser Wind. „Was ist das?!“ Ängstlich drückt er die Arme an sich. Es ist ein
windstiller Tag heute. Nicht mal die Blätter der Bäume rascheln. Wieder und
wieder kreist dieses Lüftchen um ihn. Eine heiße Welle flutet durch seinen
Körper. Er steht auf. Schnellen Schrittes hastet er über den holprigen Platz. Wieder
streicht dieser Wind seinen Arm. „Es ist irgendwas.“
Schon die letzten Nächte erschien
im dieser Wind, der sogleich ein unbehagliches Gefühl in ihm auslöst. Wäre es
nur dieser Wind gewesen, hätte es ihm nichts ausgemacht. Aber dieser Wind,
dieser Wind wollte seine Aufmerksamkeit! Er riss ihn aus dem Schlaf, jede
Nacht. Dinge, die er für unbeweglich hielt, schienen vor seinen Augen zu
tanzen. Und wie oft ist er schweißgebadet aus diesen Träumen aufgewacht?! Keine
Stunde Schlaf war ihm gegönnt, das merkte er am stündlichen Läuten der
Kathedrale. Jede Nacht verharrte er schweißgebadet auf der Couch, die er für
sich jetzt einnahm, unfähig sich zu bewegen. Und Diana? Diana schenkte ihm
keinen Glauben! Aber er wusste es: Es ist da!
Hastig eilt er weiter die Straße
hinunter. Er muss zu Diana! Sie muss ihm helfen!
Wieder streift ihn die kühle Luft.
Sie schleicht seinen Arm spiralförmig hinauf. Schneller und schneller windet
sie sich um seinen Körper. Louis beginnt zu laufen. Rasant legt er die letzten
Meter zurück. Stürmisch braust der Wind hinter ihm her. „Verflucht, was ist das?!“
Außer Atem erreicht er die Tür des alten Hauses. Fieberhaft stürmt er die
Treppe hinauf und reißt die Wohnungstür auf.
Die Kathedrale beendet ihr Läuten
als Louis in den Flur tritt. „Diana! Diana!!“
Desinteressiert verlässt sie die
Küche und tritt ihm entgegen. „Was gibt es, Louis?! Erzähl mir nicht wieder
diesen Unsinn!“ – „Diana! Fühlst du es denn nicht?!“ Doch der Wind ist
verstummt. Fragend sieht Louis wieder auf seine Hände, die sich zunehmend
verkrampften und mehr und mehr diesen grauen Teint annahmen. „Ich bin wirklich
verrückt!“, seufzt er kaum hörbar. „Louis, was soll ich mit dir machen.
Vielleicht sollte ich dich wirklich in die Obhut von Ärzten geben.“, spricht
Diana benommen. „Aber,… es ist wie ein Wind. Es ist unsichtbar! Es ist da, verdammt
noch mal! Es macht mir Angst!“ – „Ach Louis!“, tröstend nimmt sie ihn in die
Arme. „Ich habe auch Angst um dich, Angst, dass du deinen Verstand verlierst!“
Er reißt sich los. „Ich bin nicht verrückt!“ Wild gestikulierend verlässt er
den Raum und flüchtet ins Arbeitszimmer. Vorwurfsvoll verfolgt ihn ihr
hilfloses Flehen.
„Ich bin nicht verrückt! Warum
fühlt sie es nicht?!“ Plötzlich dringt ein Geräusch in seine Ohren. Er starrt
an die Decke. Leise flackert die Lampe. Ein merkwürdiges Surren gibt sie von sich.
Er hatte das Licht nicht eingeschaltet. Ungläubig fixiert er das Phänomen. „Es
beginnt wieder!“ Er wirft sich auf die Couch, greift nach dem großen Kissen und
drückt es über seinen Kopf. „Ich will nicht!“, schreit er. „Ich will das
nicht.“ Er spürt wie sich seine Hände in das Leder der Couch krallen. Blass
sind sie.
Stille kehrt ein. Ängstlich schaut
Louis unter dem Kissen hervor. „Ist es vorbei?“ Sein Atem ist schwach. Kaum
hörbar stößt er die verbrauchte Luft aus, die Lampe im Visier.
Wieder vergehen Stunden. Fünf mal
zählte er nun schon das nahe Glockenläuten. Reglos liegt er noch immer da. Seine
Hände entkrampfen sich. Doch er weiß, es wird bald wieder losgehen, denn die
Dunkelheit schlich schon in sein Zimmer.
Wieder und wieder unterbricht er
seine Gedanken um zu Hören. Er ist schläfrig. Die Folgen des fehlenden Schlafes
machen sich bemerkbar. Langsam schließt er die Augen und fällt in eine tiefe
Traumphase. Das Kissen rutscht von seinem Kopf. Unbeachtet landet es auf seinem
Bauch.
Bereits zwei Mal ertönte wieder das
Glockengeläut und Louis, er schläft - friedlich. War es doch nur sein Verstand,
der ihm einen Streich spielte?
Plötzlich fährt mit einem
klagevollen Schrei hoch: „Nein!!“ Krampfhaft zerreißen seine Hände das Kissen. Wieder
merklich grauer zeichnen seine Finger sich auf dem Bezug ab. „Nicht schon
wieder dieser Traum!“ Schweiß klettert auf seine Stirn.
Wieder und wieder rannte er im
Traum auf dem Marktplatz auf und ab. Dieser Wind verfolgte ihn, schloss ihn
ein. Er flüchtete in die Kathedrale und dann… dann schloss sich immer ruckartig
das gewaltige Tor hinter ihm und eine riesige, unvorstellbare dunkle Kralle
griff nach ihm.
Schnell atmet er. Er richtet sich
auf. Prüfend schaut er sich um. Kein Wind. Er konzentriert sich auf seine Atmung.
Plötzlich rauscht ein lautes Zischen durch den Raum. Wieder verkrampfen sich
seine Hände. Der Wind ist wieder da! Schwach klettert er Louis` Beine empor.
Stärker und stärker wird er. Aufbrausend wirbelt er um seinen Kopf. Ein starker
Schmerz zieht durch Louis´ Körper. „Ah! Nein!... Diana! Diana!“ Wild kreist die
Sturmwolke um ihn herum. Heftiger werden seine Schmerzen. Sein ganzer Körper
nimmt die graue Farbe seiner Hände an. „Diana! Diana!“ Doch seine Schreie
bleiben unbeantwortet.
Stille kehrt ein…
*
Zurück in der Gegenwart:
„Das war der letzte Tag, an dem ich
ihn gesehen hab. Ich hörte ihn noch schreien!“, schildert sie ihrer Schwester.
„Er war spurlos verschwunden. Die Polizei sagte, es lag an unserer Ehe. Er
hätte sich davon gemacht. Aber die Tür war doch verschlossen. Der Schlüssel
steckte noch und ich hatte doch sein Schreien gehört!“ Sie fängt an zu
schluchzen. „Ich wollte ihm nie glauben. Immer wieder hat er mir von diesen Vorfällen
erzählt.“ – „Ach Diana!“, beruhigt Jenny sie. „Werd du nicht auch noch
verrückt. Er ist eben gegangen. Du musst dich daran gewöhnen, dass er nicht
mehr da ist.“
In dem Moment ertönt die Glocke der
alten Kathedrale. Nikolas unterbricht sein Spiel und starrt auf das alte
Gebäude: „Aber Mama, Mama! Da ist doch Onkel Louis!“, zeigt er auf den
Glockenturm. Die Frauen starren herauf die Turmspitze. „Aber Nikolas, du träumst!
Das sind nur Steinfiguren!“
Mit Entsetzen stiert Diana diese
grauen Gebilde an, die dort fast lebensecht in Stein gehauen waren. Ein
unheimliches Kribbeln zieht kurz durch ihren Bauch.
„Wahrscheinlich hat Jenny Recht!“,
denkt sie. „Ich sollte mich damit abfinden, dass Louis mich verlassen hat. Ich
sollte anfangen, die „Schönheiten“ von Paris zu genießen.“ Und ein sanfter Wind
umspielt kurz ihre Nase, während das Glockenläuten langsam verstummt...