 |
Briefe an Paul und Paula - mein Blog der ganz persönlichen Abrechnung
Diese Briefe haben ihren Empfänger niemals erreicht. In der Realität fehlten oft die Worte. Hier werden sie in Briefform nachgereicht. |
|
|
Themenmitglied werden?
|
|
|
|
|
|
|
|
| Töten erlaubt, Küssen verboten - Brief an Paula
|
|
von: basti |  20.09.2009 21:25:47
|
|
|
Liebe Paula,
wir waren
gemeinsam im Kino. Wir kennen uns nicht, wir teilen lediglich die
Gemeinsamkeit, dass zwischen uns ein Liebespaar saß. Es lief
district
9. Der Film war eine bewährte Mischung der drei großen As:
Adrenalin, Action, Aliens.
Auf der
Leinwand erlebten wir die Unterdrückung
einer außerirdischen Rasse, deren Angehörige eine entfernte
Ähnlichkeit mit Garnelen und Kakerlaken aufweisen. Im Film herrschte
rohe Gewalt, es wurde geschossen, geprügelt, erbrochen und zwischen
uns knutschten zwei Liebende.
Ich wunderte
mich nicht, als du durch die Sitzreihe den Weg nach draußen
suchtest. Es gibt halt Menschen mit einer schwachen Blase oder eben
zarte Gemüter, die Filme nicht gerne sehen, wenn sie bei ihnen
Gefühle wie Angst, Ekel oder Hilflosigkeit hervorrufen.
Gewundert
habe ich mich allerdings, als nach einiger Zeit an deiner Stelle eine
Dame aus den Reihen des Personals den Kinosaal betrat und die
Knutschenden freundlich, aber bestimmt, dazu aufforderte, ihren
Austausch von Zärtlichkeiten einzustellen, damit du dem
Film-Gemetzel wieder ungestört folgen kannst.
Liebe Paula,
auch ich hätte mich beschwert, wenn neben mir der Geschlechtsakt
vollzogen worden wäre und die daran beteiligten Parteien Geräusche
der Unzucht von sich gegeben hätten. Das haben sie aber nicht. Auch
ich saß unmittelbar neben den beiden. Ich profitierte sogar von
deren Sitzposition, weil sie sich so einander entgegen schmiegten,
dass ich die rechtsseitige Armlehne ganz für mich alleine hatte.
Ich folgte
dem Film und der Kusswechsel war kaum wahrnehmbar.
Ich möchte
dir nicht zu nahe treten, aber ich finde es schon komisch, wenn sich
jemand durch real praktizierte Zärtlichkeit dabei gestört fühlt,
Unterdrückung und Gewalttätigkeit zu beobachten.
Es ist eine
surreale Situation, die mir die Verrohung unserer Gesellschaft vor
Augen führt. Gewalt wird toleriert, wir schauen ihr gerne zu,
solange wir uns irgendwie einreden können, wir hätten damit nichts
zu tun. Leider funktioniert es auch auf der Straße, dass wir der
Gewalt noch zuschauen, statt einzugreifen, wenn es genug andere gibt,
die auch zuschauen ohne etwas zu unternehmen.
Andere tun
etwas gefährliches - da hältst du dich raus, liebe Paula.
Bei Liebe
und Zärtlichkeit, da aber schreitest du ein. Andere haben Spaß -
das kannst du nicht zulassen, das muss unterbunden werden.
Ich
wünschte, es wäre andersherum.
Mit besten
Wünschen auf deinem Wege der Besserung
Basti
|
|
|
Tags: brief, kostenlos, lesen, briefgeheimnis, paula, kino, district 9, küssen, kuss, paar, pärchen, raus
|
| Kommentare (1) |
|
|
|
|
| Der Paul, dem ich die Kindheit nahm
|
|
von: basti |  08.12.2008 13:54:37
|
|
|
Lieber Paul,
ich weiß nicht, ob es dich
wirklich gibt. Aber wenn es sich so verhält, wie ich befürchte,
dann möchte ich mich bei dir entschuldigen. Vermutlich habe ich
dir eine ganze Woche versaut, wenn ich nicht sogar deine ganze
Kindheit zerstört habe. Ich habe dich den Mangel in deiner
Kindheit spüren lassen. Ich habe dich gelehrt, niemandem zu
vertrauen, nicht einmal der Bäckereifachverkäuferin in
deinem kleinen Heimatdorf.
In diesen kleinen bayerischen Ort nahe
der hessischen Grenze hat es mich in meiner Kindheit verschlagen, als
ich mit meinen Eltern in Urlaub fuhr.
Eine ganze Woche nur mit den Eltern
unterwegs zu sein, zu schwimmen und zu wandern und in eurem Dorf mit
250 Seelen abzuhängen – das ist doch sehr eintönig.
Umso erfreuter war ich, als ich beim
Brötchen kaufen am dritten Morgen das frisch erschienene
YPS-Heft in der Zeitschriftenauslage entdeckte. Ich freut mich
irrsinnig, denn es brachte etwas Abwechslung in meinen doch sehr
gleichmäßig verlaufenden Urlaub.
Die Gimmick-Beilage in dieser Woche
bestand aus einem siebenteiligen Überlebenswerkzeug, das in
einem olivgrünen Plastikgehäuse Lupe, Angelschnur,
Fernglas, Kompass, Taschenmesser, Astsäge und Trillerpfeife
miteinander vereinte.
Ich war also ab sofort bestens für
die langen Wandertouren im bayerischen Wald gerüstet. Es gab
zwar in dem ganzen Urlaub kein echtes Abenteuer, aber mit dem
Survival-Kit in der Hosentasche spürte ich den zarten Hauch
davon.
Des einen Freud ist des anderen Leid.
Das Alter bringt bittere Erkenntnisse und Einsichten mit sich. Die
schnuckelige Brötchenfrau hat mit Sicherheit nicht gewusst, dass
ich meinen Urlaub in eurem Kaff verbringe. Sie hat mit Sicherheit
nicht aus leiser Vorahnung für mich dieses YPS-Heft bereit
gehalten. Sie hat es für dich getan. Die kleine Dorfbäckerei
hat sich mit Sicherheit nicht den Luxus erlaubt, für jede
Eventualität jede Zeitschrift bereit zu halten.
So stelle ich mir heute vor, wie der
kleine Paul voller Erwartung die Bäckerei betritt und
freudestrahlend seine Zeitschrift verlangt. Die Verkäuferin
schüttelt nur bedauernd mit dem Kopf, denn dein Heft, das habe
ich dir weggeschnappt.
Ich weiß nicht, ob du sofort in
Tränen ausgebrochen bist oder ob du dich erst einmal traurig und
mit hängendem Kopf nach Hause geschleppt hast. Diese Woche der
Sommerferien habe ich dir gehörig versaut.
Was gab es in eurem Kaff auch sonst zu
erleben? Im Gegensatz zu mir konntest du nicht einmal schwimmen
gehen, denn das kleine Becken gehörte zu unserer privat
vermieteten Ferienwohnung.
Ich hoffe sehr, dass du nicht bei dem
Versuch umgekommen bist, zu Fuß oder mit dem Fahrrad auf der
Schnellstraße den Nachbarort zu erreichen. Bin ich gar zu
deinem Mörder geworden? Auch wenn du keinem Verkehrsunfall zum
Opfer gefallen bist, das Überlebenswerkzeug hättest du gut
gebrauchen können, um in den bayerischen Wäldern der
grausamen Natur Herr zu werden.
Es ist kaum zu begreifen, welchen
psychischen Schaden das Erlebnis dieses Mangels in deiner frühen
Kindheit angerichtet hat. Ein Fremder ist in deine heile Welt
eingedrungen. Er hat dir das genommen, was du seit einer Woche
ersehnt besitzen wolltest.
Wenn du heute ein krimineller Ladendieb
bist: Ich kann das verstehen. Du möchtest dir nur mit Gewalt das
nehmen, was andere dir sonst wegnehmen würden. Vielleicht fühlst
du dich auch in deiner Wohnung nicht mehr sicher, aus Angst, ich oder
ein anderer könnte dich dort aufsuchen und dir noch mehr
stehlen.
Vielleicht bist du auch nicht
bindungsfähig und hast ein gestörtes Verhältnis zu
Frauen. Auch das könnte ich verstehen, denn die Verkäuferin
in der Bäckerei war für dich eine Vertrauensperson. Statt
dir treu zu sein, hat sie dein Heft einfach an einen völlig
Fremden weggegeben. Lieber Paul, wenn du heute deine Frau betrügst
und schlägst, dann hast du mein Verständnis, denn ich bin
Schuld.
Wenn du dich jeden Tag besoffen in eine
Parallelwelt flüchtest, weil du auf diese verlogene Welt keine
Lust mehr hast, dann kenne ich die Erklärung dafür.
Es tut mir leid
Dein Basti
|
|
|
Tags: kind, kindheit, trauma, yps, heft, kult, urlaub, paul, paula, brief, basti, dieb, diebstahl, zerstör
|
| Kommentare (1) |
|
|
|
|
| Der Mann, der die Scheu vor dem Feuer verlor
|
|
von: basti |  21.10.2008 18:26:14
|
|
|
Lieber Paul,
ich danke dir. Ich
bedanke mich bei dir für deine mutige Tat. Du bist ein wahrer
Held der Menschheitsgeschichte, wenn nicht sogar der größte
Held überhaupt.
Leider kennt niemand mehr
deinen Namen. Auch ist man sich heute nicht so sicher, was du genau
getan hast. Aber es steht fest:
Ohne dich gäbe es
keine Wärme und keine Behaglichkeit in unserem Leben. Wir würden
unsere Speisen noch immer roh hinunter würgen. Nur dank dir
konnten wir in der Nacht die wilden Tiere fernhalten – und später
allesamt ausrotten, bis uns nichts mehr gefährlich werden
konnte.
Du hast den
entscheidenden Unterschied gemacht zwischen Mensch und Tier. Wir
waren lächerliche, gekrümmte Kreaturen. Mehr oder weniger
aufrecht wackelten wir auf unseren zwei Beinen und waren gefundenes
Fressen für jedes Wesen, dem wir schmeckten.
Und dann kamst du, Paul.
Wir wissen es nicht, aber wahrscheinlich hast du nach einem
Steppenbrand einen brennenden Ast aufgehoben und mitgenommen. Vor
deiner Tat sind über Millionen von Jahren hinweg alle Wesen
dieser Erde vor dem Feuer geflohen, aus Angst vor seiner
vernichtenden Gewalt. Alle anderen, aber nicht du.
Vielleicht war dir auch
Angst und Bange dabei. Bestimmt warst du dir nicht sicher, das
richtige zu tun. Vielleicht hat dich die Faszination des Feuers
überwältigt und du musstest es einfach haben. Von nun an
gehörte es dir und mit dem Feuer gehörte dir die Welt.
Du hast es gehegt und
gepflegt und es nie wieder ausgehen lassen. In der Nacht haben
Feuerschein und Rauch die wilden Kreaturen von dir und deiner Sippe
ferngehalten. Du konntest sehen, wenn es für alle anderen zu
dunkel war. Dir war warm, wenn alle anderen in der Kälte froren.
Du hast viel riskiert. Es war ein Erfolg für dich und der größte
Erfolg der Menschheit.
Lieber Paul, an deinem
Vorbild sollte sich jeder ein Beispiel nehmen, der neues wagt. Auch
wenn es uns durch die Masse der Dinge, die es schon gibt, schwer
gemacht wird, wirklich Neues zu schaffen: Wir sollten es versuchen.
Auch wenn unsere Erfolge niemals wieder den Stellenwert haben werden
wie deine Errungenschaft, dir das Feuer Untertan gemacht zu haben.
Autos, Flugzeuge,
Zentralheizungen, Heizkraftwerke, das alles sind technische Mittel,
die es ohne dich nicht gäbe. Sie sind unverzichtbar geworden für
uns und unsere globalisierte Welt. Dich kann man nicht genug loben
und es ist bedauerlich, dass Teenager kreischen, wenn ein durch die
Bravo berühmtes Kind ins Mikrofon trällert, aber deine Tat
in Vergessenheit geraten ist. Wo gibt es für dich ein Denkmal?
Welche Bedeutung hat
Einsteins Relativitätstheorie für unser tägliches
Leben im Gegensatz zu deiner unerschrockenen Tat, dich zum Herrn über
das Feuer zu machen?
Ich gebe zu, in diesem
Zusammenhang darf die eine oder andere vollends abgebrannte
menschliche Siedlung nicht verschwiegen werden. Ebenso sind
Handfeuerwaffen Resultat deiner Aktion. Auch ist nicht überliefert,
wie oft du dich selbst verbrannt hast oder ob du gar selbst durch den
Flammentod ums Leben gekommen bist.
Aber ich bleibe dabei,
mein lieber Paul: Wenn wir einen Feiertag oder ein Denkmal brauchen,
dann für dich und dein leuchtendes Vorbild des unerschrockenen
Mutes. Oder soll ich sagen: Danke, liebe Paula? Wir wissen es nicht, aber das macht deinen Mut nicht kleiner.
Ich denke an dich. Zur
Erinnerung an dich zünde ich eine Kerze an.
Dein Basti
|
|
|
Tags: Feuerm Denkmal, Höhlenmensch, Urmensch, Held, tat, vorbild
|
| Kommentare (0) |
|
|
|
|
| Klassenfeind
|
|
von: basti |  15.10.2008 19:58:20
|
|
|
Lieber Paul,
man müsste dich eigentlich wegen
deines bisherigen Lebens bemitleiden. Im Gegensatz zum Neid bekommt
man Mitleid geschenkt, doch selbst das gönne ich dir nicht. Ich
bin dir nicht wohl gesonnen.
Aber mein Hass auf dich ist erst eine
Reaktion auf deine Taten. Der Ursprung liegt nicht in mir.
Du hast die neunte Klasse nicht gepackt
und kamst zu uns. Weil es nicht das erste Mal war, dass du hängen
geblieben bist, warst du im Durchschnitt mindestens zwei Jahre älter
als der Rest.
Du konntest mit uns nichts anfangen und
wir nichts mit dir. Du hast dich aber auch nicht darum bemüht,
von uns akzeptiert zu werden. Du hast ja nicht einmal uns akzeptiert.
Jeden von uns hast du abgelehnt.
Du warst ein Idiot, ein Säufer.
Und bist es auch heute noch. Deine einzige Möglichkeit, um
Sympathie von wenigen anderen zu ernten, die auf deiner Wellenlänge
waren, hast du darin gesehen, Antipathie gegen alle anderen zu säen.
Du warst dumm. Du warst faul. Dir ging
es nie darum, Freunde zu finden. Deine Suche nach gleichgesinnten
Kumpanen hatte das Ziel, in ihrer Gesellschaft gezielt andere fertig
zu machen.
Es gehört zu den Dingen, die ich
verstehe, dass du dich stärker gefühlt hast, wenn du andere
schwächen konntest. Deine verbalen Angriffe waren nicht witzig.
Sie waren abwertend, verletzend und immer nur auf äußere
Oberflächlichkeiten bezogen.
Deine körperliche Fitness und
deine uns anderen überragende Statur hat dich nicht zu einem
Geistesriesen gemacht. Aber du warst für uns unangreifbar.
Unsere Angst vor dir war größer als unser kollektives
Bewusstsein. Jeder für sich dachte wohl, lieber mit dir über
andere lachen, als selbst bloß gestellt zu werden.
Du warst und bist alles andere als
beliebt. Niemand wollte dich zum Feind haben. Aber Freunde hast du
nie gewonnen. Höchstens Opportunisten hast du um dich geschart.
Nun sehe ich dich ab und zu in den
Straßen unserer Stadt. Du bist selten nüchtern und noch
immer auf Streit aus. Es gibt mir keine Genugtuung, dich als
Bodensatz der Gesellschaft zu sehen. Denn mit deinen Gemeinheiten
bombardierst du auch heute noch Unschuldige. Nur deine Nichtexistenz
könnte mich zufrieden stellen. Doch dafür ist es heute zu
spät. Egal, ob tot oder lebendig: Du existierst.
|
|
|
Tags: paul, paula, brief, klassenfeind
|
| Kommentare (0) |
|
|
|
|
|
|
|
|