Achtung, Kassenpatient! – Bei Unfall bitte liegen lassen!
Autor:Norman Oliver Bewertung: 6,00 | 4 Stimmen Beschreibung:
Steigende Beiträge und vermehrte Zuzahlungen bei gleichzeitig schlechter werdender Versorgung erregen die Gemüter seit Langem. Das Gesundheitssystem steht erneut auf dem Prüfstand.
Eigentlich sollte eine vernünftige Gesundheitspolitik zwei
grundsätzliche Kriterien verbinden – Eigenverantwortung und Solidarität. Ein
Grundsatz, der zu bröckeln beginnt und kurz davor steht, völlig aus dem
Gedächtnis der politisch Verantwortlichen zu verschwinden.
Vor etwa 20 Jahren konnte sich Deutschland in puncto
Gesundheitswesen noch mit der Spitzenposition im weltweiten Vergleich brüsten.
In dieser priviligierten Rolle entdeckte und produzierte man zahlreiche,
neuartige und lebensrettende Arzneimittel. Inzwischen musste der
Führungsanspruch nicht nur aufgegeben sondern mit einem Platz im unteren
Mittelfeld getauscht werden.
Derweil verbreiten die Pharmaunternehmen überwiegend
Medikamente mit unwesentlichen Wirkstoffänderungen und verkaufen sie, als
innovative Errungenschaften, zu horenden Preisen. Warum dieser Industriezweig
bisher von keiner Regierung stärker in die Pflicht genommen wurde, dürfte jedem
klar sein – die gesamte Mehrwertsteuer fließt schließlich in die Kassen des
Staates.
Allerdings ziert man sich bei den Belastungen der Bürger
weniger; Finanzminister Wolfgang Schäuble hat noch vor Kurzem verkündet, dass
er gegen eine zusätzliche Gesundheitssteuer
nichts einzuwenden hätte – das ist beruhigend.
Laut Aussage des Präsidenten der Bundesärztekammer,
Jörg-Dietrich Hoppe, werden im deutschen Gesundheitssystem verdeckte
Sparmaßnahmen durchgeführt. Weil nicht genügend finanzielle Mittel vorhanden
sind, entstehen zwangsläufig Engpässe, die mit solchen Rationierungen
ausgeglichen werden. Viele Ärzte schließen sich dieser Meinung an und weisen
außerdem ergänzend darauf hin, dass in Deutschland bereits eine politisch verordnete
Zweiklassengesellschaft existiert.
Die meisten Mediziner können aufgrund der Vorschriften
(Budgetierung) ihren Patienten keine angemessene Therapie mehr anbieten.
Betroffen sind vor allem Rentner, chronisch Kranke, Multiple Sklerose Patienten
usw. Das durchschnittliche Medikamentenbudget eines Allgemeinmediziners in
Deutschland liegt bei ca. 5,90 Euro je Patient.
Falls ein Arzt in diesem Zusammenhang eine festgelegte
Grenze überschreitet und den Fehlbetrag selbst finanziert, um seinen Patienten
die benötigte Behandlung zu ermöglichen, arbeitet er, in den Augen des
Gesundheitsministeriums und der Kassenärztlichen Vereinigung unwirtschaftlich
und wird zudem mit Regressansprüchen konfrontiert.
Heutzutage können Kassenpatienten bestimmte, medizinische
Leistungen nicht mehr ohne Zuzahlung in Anspruch nehmen. Kosten für Heil- und
Hilfsmittel, die über den Festbetrag der Krankenkassen hinaus gehen, müssen
selbst finanziert werden. Zahnersatz, Brillen, Medikamente,
Krankenhausbehandlung (10 Euro täglich für maximal 28 Tage) etc.
Kassenpatienten, die an Krebs erkranken erhalten meist nicht
das teure Präparat; auch werden beispielsweise Voruntersuchungen mittels MRT (Magnetresonanztomografie)
nur gegen „Aufpreis“ durchgeführt (ca. 600,- Euro). Da die Kliniken immer öfter
unter Budgetdruck Entscheidungen treffen, entwickeln sich häufig Diskussionen
darüber, bei welchem Patienten eine kostenintensive Behandlung besonders „lohnenswert“
sei.
Das neueste Konzept
zur Entlastung der klinischen Haushalte lautet übrigens:
Luxusetagen
für gut situierte Privatpatienten
Der Trend in den Kliniken führt hin zum Ambiente eines
Sterne-Hotels mit entsprechendem Komfort. Flachbildschirm, Menü-Karte,
Wohlfühlecke für den anspruchsvollen Besucher, Bad mit Kosmetika der gehobenen
Klasse, Bettbezüge und Handtücher aus erlesenen Stoffen, elektronische
Bedienbarkeit von Betten und Rollläden sowie besondere Serviceleistungen für
den elitären Kranken, wie zum Beispiel der Gang zum nächstgelegenen Bankautomaten.
In Essen (Ruhr) befindet man sich bereits in
„Aufbruchstimmung“; in mehreren Krankenhäusern wurden ganze Stationen zu Oasen der
Behaglichkeit umgerüstet, um der solventen Klientel eine exklusive
Mandeloperation schmackhaft zu machen.
Auch wenn eine, nicht verwunderliche, Neiddebatte entstehen
könnte, sei es den Privatpatienten gegönnt. Solange die finanziellen
Mehreinnahmen zum Ausgleich der maroden Klinikhaushalte führen und dadurch eine (zumindest)
medizinisch gleichwertige Behandlung für alle Bedürftigen gesichert wäre.
Es darf jedoch aufgrund leidvoller Erfahrungen in anderen
Bereichen zumindest nicht abwegig befürchtet werden, dass sich die luxuriösen „Oberdecks“
ausbreiten und das „gemeine Volk“ im Laufe der Zeit in den Kellergewölben
zwischen Vorräten der Großküche verschwindet.
Gesundheitsminister Rösler formulierte das Vorhaben der
Bundesregierung, die Strukturen im Gesundheitswesen nachhaltig zu verbessern,
so:
"In den letzten 20 Jahren gab
es alle zwei bis drei Jahre eine Gesundheitsreform. Allzu häufig hatten die
Menschen das Gefühl, dass es zwar teurer, aber nicht immer besser geworden ist.
Wir sind angetreten, genau das zu ändern."
Wir alle werden mit großem Interesse verfolgen, ob dieses
Versprechen tatsächlich eingelöst wird. Denn die bewusst provokante gewählte Schlagzeile
dieses Artikels sollte unter keinen Umständen reale Züge annehmen.