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Nachtgedanken

Autor : basti
Bewertung : 5,13 | 8 Stimmen
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Gedanken gedankenreicher Nächte - aktuelle Essays

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Verbote sind der falsche Weg


von : basti |  13.03.2009 16:07:34

Die Leidenschaft für Ego-Shooter ist nur eine Eigenschaft, die Amokläufer miteinander gemeinsam haben. Eine Eigenschaft allerdings, die sie mit einer sehr großen Zahl Jugendlicher und junger Erwachsener teilen. Und nicht alle werden zu Amokläufern, statistisch gesehen ist die Anzahl der Amokläufer unter Spielern von Killerspielen eine zu vernachlässigende Größe.


Es stimmt, dass Soldaten an verschiedenen Ego-Shootern trainieren. Aber sie sollen daran nicht zu gewissenlosen Tötungsmaschinen abgerichtet werden. Wäre das der Fall, wären dann die computerspielenden Soldaten nicht eine tickende Zeitbombe? Wäre es dann nicht viel zu gefährlich, sie in den Feldlagern der Krisengebiete dieser Welt unterzubringen und obendrein zu bewaffnen? Stattdessen lernen US-Soldaten auf grafischer Basis eines Ballerspiels sogar die Körpersprache der Iraker kennen.1 Damit nicht jede Geste eines Einheimischen als Bedrohung verstanden wird.

Das Verbot von Ego-Shootern kann einen Amoklauf nicht nur nicht verhindern, ein solches Verbot setzt die falschen Akzente. In der Computerspielszene kommt es einem Ritterschlag gleich, wenn ein Spiel auf dem Index landet. Gespielt wird es trotzdem oder gerade deswegen, es reizt das Verbotene. Besorgt wird es ohne großen Aufwand aus den weiten Tiefen des Internet. Oder einfach auf dem Schulhof getauscht. Eine Flasche Wodka ist für einen minderjährigen Schüler schwieriger zu haben.


PC-Spiele simulieren allenfalls das Töten von Menschen. Tatsächlich töten nur reale Waffen. Eine (weitere) Verschärfung des Waffenrechts wird derzeitig in der öffentlichen Debatte (noch) abgelehnt2, obwohl der leichte Zugang zu Schusswaffen eine weitere Gemeinsamkeit der Amokläufer ist.


Weitere auffallende Gemeinsamkeit unter den Amokläufern sind Probleme in der Schule. Die Gewalt richtet sich gegen Schüler und Lehrer. Oft war an den späteren Amokläufern die Unauffälligkeit das auffälligste Merkmal. Wenig beachtet oder verachtet waren sie zu Schulzeiten. Außenseiter ohne Freunde.


Es ist sehr einfach, etwas verbieten zu wollen: Computerspiele, Waffen, Schützenvereine, Gewaltvideos, etc. Aber es ist schwer, etwas bestehendes neu zu ordnen und zum positiven zu verändern. Meiner Meinung nach sind die Stimmen zu leise, die eine Veränderung des Schulsystems fordern.


Schulen sind heutzutage ein Ort, an dem Leistungsdruck herrscht. Es gilt, gute Noten zu sammeln. Schlechten Schülern nehmen sowohl Eltern als auch Lehrer gerne mit Beschreibungen einer bösen Zukunft jede Hoffnung auf ein besseres Leben: Streng dich an, sonst wird aus dir nichts.


Der Druck kommt nicht nur von oben, von Eltern, Lehrern und potentiellen Arbeitgebern, die Schüler üben auch untereinander gegenseitig Druck aus. In überfüllten Klassen konkurrieren sie um die Aufmerksamkeit der Lehrer und um gute Noten. Die Klassen werden immer wieder neu gemischt, ein echter Zusammenhalt, womöglich eine solidarische Klassengemeinschaft, kann kaum entstehen.


Wer wenig kontaktfreudig ist, die falschen Klamotten trägt oder sonst einen oberflächlichen Makel besitzt, steht schnell alleine da. Mobbing ist an der Tagesordnung.3 Die Staatsschule ist wie eine Legebatterie, die möglichst schnell wertvollen Nachwuchs für den Arbeitsmarkt auswerfen soll. Was die Massentierhaltung aus Legehennen macht, die zu eng gehalten werden, ist wissenschaftlich untersucht: Sie neigen zu Kannibalismus und Gewalt untereinander.4


Ich möchte diese Erkenntnisse nicht eins zu eins auf den Menschen übertragen. Aber ich wage die These, dass nur ein humaneres Schulsystem das richtige Mittel ist, um zukünftigen Amokläufen vorzubeugen.


Die Schule sollte Ort des neugierigen Lernens sein und nicht in erster Linie Anstalt der zwanghaften Erziehung und Ausbildung. Am besten in kleineren Klassen und mit einem anderen Bewertungssystem als den jetzigen Schulnoten. Denn lernen bedeutet nicht nur, Fakten zu büffeln. Auch den Schülern und Lehrern sollte wieder ermöglicht werden, sich untereinander und gegenseitig kennen zu lernen.


Wie viele Waldorf-Schüler sind eigentlich bisher Amok gelaufen?




 

Tags :

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