Die
Leidenschaft für Ego-Shooter ist nur eine Eigenschaft, die
Amokläufer miteinander gemeinsam haben. Eine Eigenschaft allerdings,
die sie mit einer sehr großen Zahl Jugendlicher und junger
Erwachsener teilen. Und nicht alle werden zu Amokläufern,
statistisch gesehen ist die Anzahl der Amokläufer unter Spielern von
Killerspielen eine zu vernachlässigende Größe.
Es
stimmt, dass Soldaten an verschiedenen Ego-Shootern trainieren. Aber
sie sollen daran nicht zu gewissenlosen Tötungsmaschinen abgerichtet
werden. Wäre das der Fall, wären dann die computerspielenden
Soldaten nicht eine tickende Zeitbombe? Wäre es dann nicht viel zu
gefährlich, sie in den Feldlagern der Krisengebiete dieser Welt
unterzubringen und obendrein zu bewaffnen? Stattdessen lernen
US-Soldaten auf grafischer Basis eines Ballerspiels sogar die
Körpersprache der Iraker kennen.
Damit nicht jede Geste eines Einheimischen als Bedrohung verstanden
wird.
Das
Verbot von Ego-Shootern kann einen Amoklauf nicht nur nicht
verhindern, ein solches Verbot setzt die falschen Akzente. In der
Computerspielszene kommt es einem Ritterschlag gleich, wenn ein Spiel
auf dem Index landet.
Gespielt wird es trotzdem oder gerade deswegen, es reizt das
Verbotene. Besorgt wird es ohne großen Aufwand aus den weiten Tiefen
des Internet. Oder einfach auf dem Schulhof getauscht. Eine Flasche
Wodka ist für einen minderjährigen Schüler schwieriger zu haben.
PC-Spiele
simulieren allenfalls das Töten von Menschen. Tatsächlich töten
nur reale Waffen. Eine (weitere) Verschärfung des Waffenrechts wird
derzeitig in der öffentlichen Debatte (noch) abgelehnt,
obwohl der leichte Zugang zu Schusswaffen eine weitere Gemeinsamkeit
der Amokläufer ist.
Weitere auffallende Gemeinsamkeit unter den Amokläufern sind
Probleme in der Schule. Die Gewalt richtet sich gegen Schüler und
Lehrer. Oft war an den späteren Amokläufern die Unauffälligkeit
das auffälligste Merkmal. Wenig beachtet oder verachtet waren sie zu
Schulzeiten. Außenseiter ohne Freunde.
Es ist sehr einfach, etwas verbieten zu wollen: Computerspiele,
Waffen, Schützenvereine, Gewaltvideos, etc. Aber es ist schwer,
etwas bestehendes neu zu ordnen und zum positiven zu verändern.
Meiner Meinung nach sind die Stimmen zu leise, die eine Veränderung
des Schulsystems fordern.
Schulen sind heutzutage ein Ort, an dem Leistungsdruck herrscht. Es
gilt, gute Noten zu sammeln. Schlechten Schülern nehmen sowohl
Eltern als auch Lehrer gerne mit Beschreibungen einer bösen Zukunft
jede Hoffnung auf ein besseres Leben: Streng dich an, sonst wird aus
dir nichts.
Der Druck kommt nicht nur von oben, von Eltern, Lehrern und
potentiellen Arbeitgebern, die Schüler üben auch untereinander
gegenseitig Druck aus. In überfüllten Klassen konkurrieren sie um
die Aufmerksamkeit der Lehrer und um gute Noten. Die Klassen werden
immer wieder neu gemischt, ein echter Zusammenhalt, womöglich eine
solidarische Klassengemeinschaft, kann kaum entstehen.
Wer wenig kontaktfreudig ist, die falschen Klamotten trägt oder
sonst einen oberflächlichen Makel besitzt, steht schnell alleine da.
Mobbing ist an der Tagesordnung.
Die Staatsschule ist wie eine Legebatterie, die möglichst schnell
wertvollen Nachwuchs für den Arbeitsmarkt auswerfen soll. Was die
Massentierhaltung aus Legehennen macht, die zu eng gehalten werden,
ist wissenschaftlich untersucht: Sie neigen zu Kannibalismus und
Gewalt untereinander.
Ich möchte diese Erkenntnisse nicht eins zu eins auf den Menschen
übertragen. Aber ich wage die These, dass nur ein humaneres
Schulsystem das richtige Mittel ist, um zukünftigen Amokläufen
vorzubeugen.
Die Schule sollte Ort des neugierigen Lernens sein und nicht in
erster Linie Anstalt der zwanghaften Erziehung und Ausbildung. Am
besten in kleineren Klassen und mit einem anderen Bewertungssystem
als den jetzigen Schulnoten. Denn lernen bedeutet nicht nur, Fakten
zu büffeln. Auch den Schülern und Lehrern sollte wieder ermöglicht
werden, sich untereinander und gegenseitig kennen zu lernen.
Wie viele
Waldorf-Schüler sind eigentlich bisher Amok gelaufen?