Ohne Menschen gäbe es keine Unmenschlichkeit - Nachtgedanken über district 9
|
von : basti |  20.09.2009 20:44:23
|
|
|
District
9 ist ein Sciencefiction-Film. District
9 ist voller Action. Der Zuschauer wird langsam, nahezu
schleichend in den Bann des Films gezogen und schon bald wird aus dem
langsamen Sog ein wahrer Spannungsstrudel mit rasender
Geschwindigkeit, Verfolgungsjagden, Schießereien, brachialer Gewalt.
Reihenweise sterben Menschen und andere Kreaturen qualvolle Tode.
Ein solcher Actionstreifen ist für viele ein Grund, ins Kino zu
gehen - ihre Erwartungen werden nicht enttäuscht werden. Einigen
wird der Film, der ab 16 Jahren freigegeben ist, zu weit gehen, da er
ihre
Grenzen des guten Geschmacks übersteigt und mehr zeigt, als sie an
Elend, Leid und Schmerz auf der Leinwand ertragen können.
Aber im Gegensatz zu vielen anderen Actionfilmen ist die Action bei
district 9 eher schmückendes Beiwerk. Eine Verpackung, die viele zum
Kauf der Kinokarte bewegt. District 9 hat darüber hinaus weitere
Stärken, die hinausgehen über die üblichen pyrotechnischen Effekte
und Stunts.
District
9 hält uns den Spiegel vor. Mit der Parabel der Außerirdischen
erklärt und zeigt uns dieser Film die Ungerechtigkeit auf dem
Planeten Erde.
Unrecht
an den Außerirdischen
Die "Shrimps", wie die aus einer fernen Galaxie
gestrandeten Außerirdischen abwertend genannt werden, sind auf der
Erde weder erwünscht, noch willkommen. Sie sind einfach da. Ihnen
wird, wenn überhaupt, nur das Mindeste zum Überleben zu gestanden.
Widersetzen sie sich gegen die Regeln, die sie stark einschränken
und ihnen kaum Rechte zugestehen, so greift der paramilitärische
Sicherheitsdienst, der sie von den Menschen trennt, mit aller Härte
und Gewalt durch.
Eine Liste der Ungerechtigkeit:
Wer im Slum lebt, gilt von vornherein als dumm, gewalttätig und
kriminell. Hier stellt sich allerdings die Frage von Ursache und
Wirkung:
Kriminalität:
Auf legalem Wege sind bestimmte Dinge nicht zu beschaffen, sich zu
nehmen, was man braucht ist dann kriminell.
Aus Langeweile Dinge zu beschädigen (Vandalismus) oder Bürger zu
erschrecken kann ein (illegaler) Zeitvertreib sein, wenn es in dem
Areal, in dem man lebt, weder Spielzeug, noch Spielplätze, Kino,
Parks oder sonstige Freizeitmöglichkeiten gibt. Gegenüber
Gegenständen gewalttätig zu sein baut Frust ab, den andere
spielerisch bei anderen Aktivitäten ablassen würden.
Intelligenz:
Fälschlicherweise wird Bildung zu oft mit Intelligenz
gleichgesetzt. Allerdings ist es schwer etwas zu wissen, wenn es
kaum Möglichkeiten gibt, etwas zu lernen. Wie kann eine
Gesellschaft Individuen vorwerfen, über zu wenig Bildung zu
verfügen, wenn diesen Individuen keine Möglichkeit zum
Wissenserwerb gegeben wird? Wie können wir uns anmaßen, jemanden
als "dumm" abzustempeln, wenn die Möglichkeiten nicht
gegeben waren, Intelligenz zu entfalten?
Auf den Körper reduziert
Im Film werden hohe Preise für Körperteile der Außerirdischen
bezahlt, weil ihnen magische Kräfte zugesprochen werden. In der
Realität wurde bereits so manche Tierart aus diesem Grunde
ausgerottet. Und auch in echten Elendsvierteln verschwinden immer
mal wieder Menschen, um Material für den grauen Handel mit
"Spender-"Organen zu beschaffen.
Freiheitsberaubung
Wer im Slum lebt, der kann sich nur im Slum frei bewegen. Außerhalb
des Slums werden Slumbewohner auf Grund ihres Aussehens und
Auftretens als solche erkannt. Der Staat wendet Gewalt an, um die
"potentiellen Verbrecher" aus dem Slum von dem Rest der
Bevölkerung zu trennen. Den dadurch "geschützten"
Bürgern werden diese Gewaltmaßnahmen als Verbrechensprävention
verkauft. Ebenso wie hohe Zäune, Stacheldraht, Alarmanlagen in den
"besseren Vierteln". Leben dort die "besseren
Menschen" / "besseren Bürger"?
Allenfalls für die Verrichtung schlecht bezahlter Arbeitsleistung
sind die Slumbewohner außerhalb des Slums gern gesehen.
Mord
und Totschlag
Die "Sicherheitsdienste" provozieren die Slumbewohner.
Wehren sich diese und wenden ebenfalls Gewalt an, eskaliert die
Situation. Aus "Notwehr" setzen die Sicherheitsdienste
härteste Mittel ein, "Notwehr" rechtfertigt anscheinend
den Tod der Slumbewohner.
Die Bedingungen im Slum werden selbst von den Sicherheitskräften,
die diese Bedingungen erst geschaffen haben und weiterhin
durchsetzen, als nicht lebenswerte Umgebung angesehen.
"Abtreibungen", also Tötungen des ungeborenen
Nachwuchses, werden durchgeführt, um das Bevölkerungswachstum im
Slum einzuschränken.
Slums sind nicht ohne Regeln. In Slums gibt es eigene Regeln. Es
sind nicht die allgemeinen Regeln des Gesetzes, sondern die
jeweiligen Regeln des im Slum Mächtigen, des Stärksten,
desjenigen, der sich (mit Gewalt) durchsetzen kann. Es gibt keine
Rechtsprechung, sondern willkürliche Entscheidungen.
Jedes der aufgelisteten Ungerechtigkeiten gegen die Shrimps wurde
bisher und wird auch heute gegen Menschen begangen.
Unrecht
in der Realität
In der Realität ist bisher nicht offiziell nachgewiesen, dass es so
etwas wie außerirdische Lebensformen überhaupt gibt. Aber man muss
auch kein Außerirdischer sein, um auf Erden wie einer behandelt zu
werden.
Wir müssen nicht so weit gehen, Parallelen in Flüchtlingslagern von
Krisengebieten zu suchen. Wir müssen nicht einmal an die südlichen
Grenzen Europas gehen, und die miserabel behandelten Afrikaner zu
finden, die die Passage des Mittelmeeres in wackligen Booten gerade
so überlebt haben, um nach kurzem Aufenthalt in einem schwer
befestigten europäischen Auffanglager wieder nach Afrika deportiert
zu werden.
Selbst der Aberglaube, der für die Shrimps im Film tödliche
Auswüchse annimmt, weil es Menschen gibt, die ihre Körperteile
essen, ist (leider) kein weltfremdes Hirngespinst eines
Drehbuchautoren, sondern für Albinos
in Tansania bittere Realität und für sie eine ständige Gefahr
ihres Lebens.
Anders zu sein und deswegen ausgegrenzt oder gar verfolgt zu werden,
das ist in diesen Beispielen offensichtlich. In unserem Land ist sie
subtiler, aber für die Betroffenen durchaus spürbar. Spannungen
sind unvermeidlich, wenn Menschen in irgendeiner Form zusammenleben.
Ob diese Spannungen zu Diskrimminierung, Rassimus oder gar dem
Ausschluss ganzer Bevölkerungsteile führt, ist abhängig von dem
Respekt, der Toleranz und dem Verständnis, mit dem wir uns
gegenseitig begegnen.
Der Mensch ist des Menschen Wolf. Aber der Mensch kann über seinen
niederen Instinkte hinauswachsen. Er kann seine unbegründete Angst
allem Fremden gegenüber infrage stellen und offen auf das
befremdliche zugehen.
Kennenlernen, verstehen, tolerieren und respektieren: Das kann jeder
von uns Tag für Tag tun, damit aus dieser Welt ein besserer Ort
wird. Miteinander reden zuhören und verschiedene Ansichten
miteinander diskutieren. Im Gespräch klären und einen Konsens
finden.
Das ist schwierig, aber machbar.
Ohne Menschen gäbe es keine Unmenschlichkeit. Aber es kann unser
Ziel nicht sein, den anderen Menschen aus dem Weg zu gehen, sie
wegzusperren und zu ignorieren. Elend, das wir nicht sehen, existiert
trotzdem.
Wir
brauchen die Auseinandersetzung miteinander und wir sollten daran
denken: Ohne Menschen gibt es auch keine Menschlichkeit. Es gibt
keine Menschlichkeit, wenn wir sie nicht leben.
|
|
|
Tags : district 9, menschenrecht, parallele, apartheid, unterdrückung, unrecht, erklärt, ende, meinung,nine
|
| |
|